Beulenpest im Ostflügel

"InnerOuterCity" ist der Titel jenes Stücks, das den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2017 gewonnen hat. Uraufgeführt wurde es am letzten Freitag. Verdient hätten den Preis auch Regie und Schauspieler.

Chemnitz.

In einer Schlüsselszene des Stücks "InnerOuterCity" kapern sich maskierte und deformierte Kreaturen den schlafenden Schönling und schieben ihm kleine Luftballons unter die "Haut", sie infizieren ihn mit jenen Beulen, die sie selbst an sich erleiden müssen. Als er erwacht, will er die Beulen natürlich loswerden. Es gelingt ihm nicht.

Nun hat er sie auch - die unschönen Wucherungen unserer Zeit, gespeist aus Flüchtlingselend, Überwachungsstaat, Versagen der Eliten, Staatsversagen, Wutbürgertum, Umweltzerstörung, Castingwahn, Terrorgefahr und die hysterische Reaktion des Staates und der Medien darauf. "Und was ist mit dem Leiden der Tiere?", so mit Pathos der junge Mann (Konstantin Weber), der gerade eben noch als Terrorist von den maskierten Kreaturen (Magda Decker, Ulrike Euen und Maria Schubert) verdächtigt wurde.

Irgendetwas ist geschehen - ein Unfall in einer chemischen Fabrik, ein Gau in einem AKW, ein Terroranschlag, gar eine Revolution? Zuweilen nehmen die Schauspielerinnen ihre Masken ab und werden zu Spionen, die nach Außen einer fremden Organisation berichten. An der Oberfläche ist alles beim Alten. "Keine Veränderungen im Ameisenstaat. Alles läuft wie immer. Die staatlichen Organe verrichten ihre Arbeit, Kultur mischt sich ein, die Medien berichten", flüstert eine "Mata Hari" in einer "Außenschaltung". Doch etwas hat sich verschoben. "Etwas scheint faul. Stinkt. Strömt den fiesen Geruch einer klinischen Säuberungswelle aus." Und ganz plötzlich haben die Schauspielerinnen keine Lust mehr und unterhalten sich über eheliche Probleme und reflektieren über das Theater an sich.

"InnerOuterCity - Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen" ist ein Stück des brasilianischen Preisträgers mit dem seltsamen Namen Azan Garo (Azangaro ist eine Stadt und eine Provinz in Peru). Zur Preisverleihung erschien er nicht. Seit 2009 soll er in Deutschland leben, und er muss ein guter Beobachter des politischen und kulturellen Lebens sein. Aktuelle Bezüge finden sich zuhauf im Text des noch nicht mal 30-Jährigen. Nur so richtig ernst nimmt er ihn wohl nicht. Ironisch-groteske Unterbrechungen, Versatzstücke, zuweilen Zynismus und Clownerie unterlaufen das Stück, das eigentlich nicht mehr als ein Text ist. Ein Theatertext - ohne szenischen Raum, ohne Plot.

Zum Stück machen es erst die szenische Umsetzung von Regisseur Stephan Beer, die Kostüme von Georg Burger und die Musik von Steffan Claußner. Dies sehr gekonnt. Eine orangene Wand knallt dem Zuschauer im kleinen, schwarzen Ostflügelquader entgegen, sie ist drehbar, entfärbt sich in bestimmtem Licht, und Videoprojektionen illuminieren im Nebel weitere Räume. Darin agiert das Darstellerquartett mit viel Spielfreude.

Stephan Beer führt die 29 Szenen zusammen und inszeniert "Inner-OuterCity" als Groteske mit einigem Schauwert. Dem Zuschauer wird zwar keine konventionelle, durchkomponierte Geschichte erzählt, doch wird ihm durchaus das Gefühl einer permanenten Verunsicherung und Bedrohungslage suggeriert. "Die Nacht ist noch lang. Sie ist längst nicht vorbei. Sie fängt gerade erst an."

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