Bewegtes Mitbrüllen

Das Theater Chemnitz spannt beim Festival "Unentdeckte Nachbarn" mit dem Stück "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" einen erschreckend schlüssigen Bogen vom NSU-Terror über Pegida zu uns wohlwollend Wohlhabenden.

Chemnitz.

Beate Zschäpe ist eine Puppe. Ein stummes Irgendetwas zwischen bedauernswertem Zerfleddertsein und unterschwelligem Grusel. Bewegen? Kann sie sich natürlich nicht - alles, was sie tut, tun andere. Puppenspielerbewegt. Aber, das machte das Stück "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" zur Uraufführung im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses am Mittwoch beim Festival "Unentdeckte Nachbarn" schnell deutlich - um Beate geht es eigentlich nicht. So, wie sie sich vor Gericht als reiner, machtloser Spielball im Terrortrio des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) präsentiert, so machen wir, die Deutschen, sie eben auch zum Spielball unseres Aufklärungsinteresses: Wir fixieren uns nur auf Beate.

Das Stück, eine Koproduktion des Chemnitzer Figurentheaters mit dem Verein "Grass Lifter", setzt in seinem Anspielungsreichtum einiges Vorwissen über den NSU-Prozess und die -Ermittlungen voraus. Das macht die wortkunstreichen Dialoge und Szenen stellenweise anstrengend - aber genau das stellt sich schnell als Stärke von "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" heraus: Auf der Bühne wird nicht versucht, mit Theaterkunst zu erklären, was die Justiz und Polizei noch nicht herausgefunden haben. Das Chaos, das in der Erkenntnislage herrscht, wird bis an die Schmerzgrenze zugelassen, bis hin zu völlig offenen Punkten wie der aktuellen Böhnhardt-DNA an der Leiche der Schülerin Peggy. "Ich ertrage keine neuen Informationen mehr", brüllt einer der Protagonisten dieses kaum halbfertige Puzzle mit sich scheinbar ständig änderndem Bild an - und man will nur mitbrüllen. Aufgeben. Dichtmachen. Doch das Stück, und das ist das an dieser Stelle hervorragend genutzte Potenzial des Theaters bei der künstlerischen NSU-Aufarbeitung, lässt das nicht zu. Vor allem die Puppenszenen erzeugen immer wieder packende, eindringliche Bilder, zeigen den Verfassungsschutz mit seinen geschredderten Akten als bedrohlich bockiges Kind, wobei dessen Ähnlichkeit zur Horrorfilm-Ikone "Chucky" wie nebenbei einen Ellenbogencheck an den popkulturellen Appeal der Zschäpe-Story verteilt. Verstörend auch die plötzlich aus der (per Toneinspielung) draußen johlenden Menge hereingetragenen nassen Kindersachen: Pegida und die Flüchtlinge scheinen uns, den sehr nah herangezerrten Zuschauer, beide gleichermaßen zu stören.

Am Ende schält das Stück sehr viele beißend offene Fragen aus dem Verschwörungsraunen, ohne sie zur eigenen Fiktiv-Version auszuschmücken - etwa zum Weiterbestehen der NSU-Unterstützerstruktur. Weshalb die Akteure letztlich keine Antworten liefern. Stattdessen bauen sie ihren "Welthauptstrand" mit Euro-Paletten zur Festung aus. Das Falsche aus vermeintlich richtigen, nachvollziehbaren Gründen. Jede Luft bleibt da weg.

Weitere Vorstellungen "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" ist nochmal am 10. November im Ostflügel des Chemnitzer Schauspiels zu sehen. unentdeckte-nachbarn.de

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