Blond? Blind!

Bassist Johann Bonitz erklärt, wie man ohne Augenlicht in einer Band spielt - und auf Festivals feiert

Aufs Griffbrett starren, um mit den Fingern den Weg zu den richtigen Tönen zu finden? Machen die allermeisten Bassisten in den ersten fünf Jahren ihrer Karriere zwangsläufig? Johann Bonitz bringt das allerdings nichts: Der 19-jährige Chemnitzer ist blind, seit ihn als Fünfjährigen eine Zecke biss und die folgende Borreliose nicht wirklich zielführend behandelt wurde. Trotzdem hat er soeben mit seiner Band Blond ein Debüt-Album aufgenommen, dass sich deutschlandweit mehr als hören lassen kann und dem Trio - mit dabei ist die 17-jährige Lotta Kummer und ihre 18-Jährige Schwester Nina - bereits den Status eines Geheimtipps einbrachte. Der Bassist prägt Songs und Sound dabei mit einem vehementen, drückenden Spiel maßgeblich. Wie er das ungesehen hinbekommt? Tim Hofmann hat ihn dazu ausgefragt.

Freie Presse: Ein Instrument "blind zu beherrschen" meint eigentlich, dass jemand sehenden Auges sehr lange geübt hat. Wie fängt man denn als Blinder an, Bass zu lernen?

Johann Bonitz: Den habe ich durch Zufall in die Hand bekommen, es war ein Geschenk. Eigentlich habe ich privat Klavierstunden bekommen. Allerdings fand ich Bass schon immer cool, weil er nun mal das Fundament jeder Musik ist. Meine Klavierlehrerin spielte auch Gitarre - also habe ich sie gefragt, wie man auf so etwas eigentlich greift.

Und wie erklärt man das?

Ich habe sehr klein mit Klavier angefangen, da konnte ich noch ein wenig sehen. Ich weiß also schon ungefähr, was Noten sind und kenne mich auch mit Harmonien aus. Aber es stimmt, das nützt mir nicht, ich spiele nach Gehör. Und anfangs muss man mir halt einzeln zeigen, wo jeder Finger hingehört.

Ist es ab einem gewissen Punkt einfach, sich das Griffbrett nur zu ertasten?

Ich kann noch keine so ganz krassen Griffe, finde mich aber schon ganz gut zurecht. Ich achte einfach auf viele Kleinigkeiten, Details sind sehr wichtig für mich. Für Lotta und Nina kann das mitunter ganz schön nervig sein, ich kann da ganz schön pedantisch werden. (lacht)

Man liest in Instrumenten-Testberichten immer wieder, wie wichtig es sei, dass ein Bass sich gut anfühlt. Was ist da dran?

Für mich spielt es eine entscheidente Rolle, wie der Bass ausbalanciert ist, weil für mich immer alles sofort in der richtigen Position sein muss. Er darf nicht kopflastig sein, sonst kippt er immer wieder weg. Ansonsten ist es wohl eher eine Frage, was man für eine Verbindung zum Instrument aufbaut. Wobei mich schon die Einzelteile jeweils sehr interessieren, wie sie zusammenhängen. Ich habe auch vor, mir mit meinem Vater selber mal einen Bass zusammenzubauen. Aber da brauche ich erst noch etwas Erfahrung. Ich würde gern mehr ausprobieren, aber da spielt am Ende das Geld eine Rolle. Auf jeden Fall beschäftige ich mich auch sehr mit den Schaltungen der Tonabnehmer. Da belese mich jeden Tag etwas mehr.

Wie denn das?

Im Internet. Ich habe eine Braille-Zeile am Computer. Oder es wird mir vorgelesen.

Das Trio ist die anspruchvollste Form einer Band. Ist es für Sie nicht schwierig, dass Sie sich in dieser Besetzung quasi nie verstecken können? Fast jeder Bandmusiker nutzt ja sonst gelegentlich den "Windschatten" seiner Kollegen ...

Wir kennen das ja nicht anders, wir waren immer ein Trio und sind sehr zusammengewachsen. Da hätten es andere Musiker schwer, reinzukommen. Am Anfang war der Bass auch eher Begleitung, weil Nina die ersten Lieder auf der Gitarre geschrieben hat. Mittlerweile habe ich aber sehr viele Ideen, und die bauen eben sehr auf dem Bass auf.

Viele junge Bands arbeiten beim Zusammenspiel anfangs viel mit Zeichen, etwa wann man einsetzen muss oder wann der Refrain losgeht. Ist das ein Stolperstein?

Nina und Lotta machen das im Proberaum gelegentlich. Aber wir versuchen, das zu unterbinden. Live gibt das immer Probleme, weil Lotta mit ihrem Schlagzeug plötzlich viel zu weit hinten sitzt und sie sich nicht mehr so gut sehen.

Und wie ist es mit dem Aufbauen und Umräumen? Es gibt so viele Roadie-Tätigkeiten, die man in Ihrem Status als Musiker selbst machen muss, die ich mir blind aber sehr knifflig vorstelle ...

Aufbauen müssen bei uns die Väter. (lacht) Also, im Prinzip weiß ich schon, wo alles hinkommt. Aber es dauert bei mir halt sehr lang. Da müssen wir uns in Zukunft was einfallen lassen, immer kann mein Vater ja nicht mit. Und bei mir ist es wichtig, dass wirklich immer alles gleich ist auf der Bühne.

Denken Sie deswegen auch musikalisch möglichst "abgespeckt", um das Equipment simpel und bedienbar zu halten?

Nein. Ich würde am liebsten total viele Effekte benutzten. Da verkompliziere ich es mir ganz gern. (lacht) Ich habe neuerdings sogar ein recht großes Board für Bodeneffekte, konnte mir aber erst drei Pedale leisten. Das ist eine reine Geldfrage. Ich finde es cool, wenn man den Sound möglichst viel variieren kann. Ich muss es halt nur mit üben, dass ich die richtigen Effekte auch treffe.

Gehen Sie selbst auf Konzerte anderer Bands?

Klar, seit dem ersten Kosmonaut-Festival bin ich eigentlich jedes Wochenende auf Parties. In Chemnitz ist das kein Problem, da kennen mich in den Klubs mittlerweile fast alle Leute, da hilft mir immer jemand. Ich kann überall hin. Schwieriger ist es außerhalb, zum Beispiel eben auf Festivals. Da bin ich schon auf Leute angewiesen, wenn ich nicht nur blöd rumstehen will. Und meistens will ich schon mit vor in die Menge zum Pogen. Da rempelt dann ja sowieso jeder jeden an, da ist es am Ende egal. Da fühle ich mich immer am wohlsten!

Wie sehr sind Sie auf Umgebungsgeräusche angewiesen? Sind laute Konzerte da nicht schwierig?

Beim Konzert muss es schon laut sein. (lacht) Da konzentriere ich mich allein auf die Musik in allen Details. Ich bin da, wie gesagt, ziemlich akribisch beim Hören. Ich erkenne auch verschiedene Musiker ziemlich gut an ihrem Sound und an ihrer Spielweise.

Dass Lotta und Nina die jüngeren Schwestern der Kraftklub-Musiker Felix und Till Brunner sind, hat in der Szene bereits viel Aufmerksamkeit geweckt. Ist das für Sie Hilfe oder Last?

Also, musikalische Parallelen versuchen wir unbedingt zu vermeiden. Aber es hat schon Vorteile, bringt Kontakte und Interesse. Und wir können immer was fragen und bekommen Unterstützung. Da kann ich mir auch immer mal einen Bass ausleihen. Aber es weckt natürlich auch Erwartungen, die man gar nicht erfüllen kann. Nina und Lotta sagen immer zu Till und Felix: "Wir wollen irgendwann, dass wir nicht mehr eure Schwestern sind, sondern dass ihr unsere Brüder seid!" (lacht)

Die Blond-EP

Vergleiche kneifen, klar. Aber im Fall der ersten "Blond"-EP kommt man nicht umhin, eine in vielen Punkten ähnliche Chemnitz-Veröffentlichung daneben zu legen: die "Green"-EP als Debüt der Neon Blocks 2008. Diese heute gesuchte CD der Kraftklub-Vorgängerband bot ähnlich gutes, aber ungehobeltes Songmaterial von 16, 17, 18-jährigen Musikern - ließ aber musikalisches Potenzial durchblicken, das den üblichen Schülerband-Rahmen weit sprengt. Das ist hier genauso! Pluspunkt in beiden Fällen: eigene, packende, unglaublich überzeugende Vocals, wobei Blond-Sängerin Nina Kummer mehr Flexibilität mitbringt als damals Karl Schumann.

Es gibt noch ein paar durchaus markante Unterschiede - vor allem stilistisch: Blond ist weniger zeitgeistig als die Neon Blocks damals, sondern mutig in einer eigenen, samtig rauen Klanglandschaft zwischen leckeren Cranberries und dornigen White Stripes unterwegs. Und Soundtechnisch schlägt die exquisite Produktion die der Neon Blocks deutlich. Die haben nur im Songwriting leicht die Nase vorn: Bereits auf der "Green"-EP war die Gitarrenkompositions-Extrsklasse Schumanns deutlich.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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