Das Geschenk des Dalai Lama

Gerade 80 geworden, kommt der Dalai Lama nach Deutschland. Er wird auch hier für eine neue Ethik werben - jenseits der Religionen.

Frankfurt/Main.

Im April Japan, Anfang Juni Australien, dann Indien und schließlich in die USA: Was sich wie die Weltreise eines jugendlichen Rucksacktouristen liest, war der Tourplan des Dalai Lama. Seit einigen Wochen feiert er seinen 80. Geburtstag. Dies kann er so lange tun, weil er nach dem tibetischen Kalender am fünften Tag des fünften Mondes geboren wurde, der in diesem Jahr auf den 21. Juni fiel. Nach gregorianischem Kalender, der in Deutschland gilt, wurde der Dalai Lama am 6. Juli geboren.

Und wenn er morgen nach Deutschland kommt und bis 14. Juli Frankfurt am Main und Wiesbaden besucht, wird weitergefeiert. Eine Nachfeier sozusagen. Es wird ein Event. Eintritt frei. Künstler gestalten es. Exiltibeter und Buddhisten aus Deutschland werden erwartet. Politiker haben sich angesagt, Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und der frühere Ministerpräsident Roland Koch. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter wird lächeln, wie immer in der Öffentlichkeit. Und er wird eine Rede halten.

Und ja: Wie zu jedem Geburtstag gibt es Geschenke. Eines ist ein graues Büchlein. Klipp und klar geschrieben, leicht verständlich, schnell gelesen. Auf dem Cover: das Bild des lächelnden Mannes. Das Büchlein enthält den "Appell des Dalai Lama an die Welt", so verrät der Titel. Es ist also ein Geschenk, das der Geistliche sich selbst und der Welt schenkt. Der Appell erschien in acht Sprachen. Ergänzt wurde er durch ein Interview. Die Fragen stellte der Publizist Franz Alt, der den Dalai Lama seit vielen Jahren kennt und regelmäßig trifft. Schon im Untertitel steht die Botschaft: Ethik ist wichtiger als Religion.

Er plädiert für eine säkulare Ethik. Eine Ethik, die an keinen Glauben gebunden ist. Eine Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für Agnostiker hilfreich und brauchbar ist. Eine Ethik also, die deshalb das Potenzial hat, Brücken zu bauen zwischen kulturellen, ethnischen und religiösen Unterschieden. Eine Ethik, die als Ausweg erscheint aus den sich zuspitzenden globalen Konflikten.

Den Unterschied zwischen Religion und Ethik macht der Geistliche anhand von Wasser und Tee deutlich. Tee bestehe zum größten Teil aus Wasser, aber er enthalte noch Zutaten wie Teeblätter, Gewürze und Zucker und in Tibet auch Salz. Das mache ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, das viele jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet werde: Sein Hauptbestandteil ist Wasser. "Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Reli-gion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und Liebe." Dieses den Menschen innenwohnende ethische Fundament müsse gehegt und gepflegt werden, so der Dalai Lama, um die Welt friedlicher zu gestalten. "Ethik geht tiefer und ist natürlicher als Religion."

Der Dalai Lama geht in seinem Appell sogar noch weiter. Zwar formuliert er, dass zu diesem ganzheitlichen säkularen Ethos alle Religionen einen wertvollen Beitrag leisten können. Aber er denke auch "an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten."

Keine Religion? Der Dalai Lama ist seit 2011 zwar nicht mehr der politische Führer der Tibeter, aber der geistliche. Die Äußerung wirft die Frage auf, warum er als geistlicher Führer vom Aufgehen der Religionen in einer übergeordneten säkularen Ethik spricht. Träfe dieses Aufgehen nicht auch auf den Buddhismus selbst zu?

"Der Dalai Lama verändert den Buddhismus nicht, sondern er legt mit seiner Philosophie die Kerngedanken des Buddhismus frei", sagt Karl-Heinz Brodbeck. Er ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Philosoph und Wirtschaftsethiker und zugleich Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus in Frankfurt. Er ist dem Dalai Lama mehrfach begegnet und ließ sich bei seiner Suche nach einer Grundlage für eine säkulare Ethik von ihm anregen. Der Buddhismus biete eine Begründung für die säkulare Ethik, sagt Brodbeck. Dies unter anderem, weil er gerade keine Religion nach westlichem Verständnis sei. "Wir projizieren zu viel aus unserer westlichen Kultur auf den Buddhismus. So nehmen viele ihn falsch wahr und erhalten ein verzerrtes Bild. So wird kein Buddhist sagen, er sei ,Buddhist'." Vielmehr sei Buddhismus eine Praxis, das eigene Denken zu erkennen, zu kontrollieren, die Abhängigkeit aller Dinge voneinander wahrzunehmen, das Bewusstsein für natürliche und soziale Entwicklungen zu schärfen. Man spreche von vier Wahrheiten. Über jahrelang ausgeübte Meditation gelange man zu Achtsamkeit, tieferem Denken und erfahre man die Welt, das Leben.

Die erste Erkenntnis sei, dass das Leben vom Leid geprägt ist- über Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Die zweite Wahrheit sei, dass dieses Leid durch drei Geistesgifte verursacht wird. Als diese Geistesgifte gelten im Buddhismus Gier, Hass und eine "Verblendung", deren Kern die Ich-Illusion ist. Das ist die Illusion, dass der Mensch etwas unabhängig von etwas anderem tun kann. "Die buddhistische Analyse geht dagegen davon aus, dass Phänomene, also Lebewesen und ihre Umwelt, nicht einfach nur in einer Wechselwirkung stehen, sondern auch auf innere Weise verbunden sind. Man kann streng genommen kein Element herausnehmen und isolieren."

Die dritte Wahrheit sei schließlich, dass das Leben und die Welt besser werden können - aber nicht, indem man das große Glück zu kreieren versucht, sondern indem man das Leid erkennt und dieses mindert. "Leid zu vermindern ist viel einfacher, als Glück zu schaffen."

Brodbeck selbst ist seit 35 Jahren Dharma-Praktizierender. "Dharma" bedeutet Schutz. Durch das Praktizieren von Buddhas Unterweisungen schützen sich die Praktizierenden vor Leiden und Schwierigkeiten. Man geht dabei davon aus, dass alle Schwierigkeiten, die man im täglichen Leben erfährt, einer Unwissenheit entspringen. Diese Unwissenheit zu analysieren und sie zu beseitigen, darin besteht die Dharma-Praxis. Brodbeck meditiert täglich bis zu zwei Stunden, der Dalai Lama gibt für sich vier Stunden an. Er ist vielleicht deswegen zu jenem inneren Reichtum gekommen, der es ihm ermöglicht, ausgeglichen und lachend durch die Welt zu reisen - trotz der Probleme in seiner tibetischen Heimat.

Das den Tibetern zugefügte Leid ist gravierend, bestätigt Karl-Heinz Brodbeck. Im tibetischen Hochland befinde sich eines der größten Süßwasserreservoirs, von dem aus auch Indien Wasser beziehe. China baue Pipelines und Staustufen und lagere Atommüll in der Region. Weitere Konflikte seien programmiert. Dennoch verfolge der Dalai Lama einen "Mittleren Weg". Für Tibet strebe er keine volle Autonomie an, aber eine Autonomie innerhalb Chinas. Das bedeute, dass Tibet seine Innenpolitik selbst gestalten könnte. Ein Ziel, das utopisch scheint. Aber der Dalai Lama sagt: Die Dinge ändern sich.

Literatur Franz Alt/Dalai Lama: Der Appell des Dalai Lama an die Welt, Benevento-Verlag; 2015, SBN-13: 978-3710900006

Karl-Heinz Brodbeck: Säkulare Ethik - Aus westlicher und buddhistischer Perspektive. Edition Steinrich; 2015, ISBN-13: 978-3942085458

Der Tag des Dalai Lama

Sehr früh aufstehen, kein Abendessen: Das gehört zu einem typischen Tag im Leben des Dalai Lama.

3 Uhr: aufstehen, beten, meditieren

5 Uhr: Spaziergang; bei Regen drinnen auf dem Laufband

5.30 Uhr: Frühstück, normalerweise Haferbrei, Gerstenmehl, Brot und Tee; dazu Radionachrichten hören

6 Uhr: Meditation und Gebete

9 Uhr: buddhistische Texte lesen

11.30 Uhr: Mittagessen, in Dharamsala vegetarisch, bei Reisen ist er nicht so streng

12.30 Uhr: Büroarbeit, Gespräche mit Mitarbeitern, Audienzen

17 Uhr: Tee

nach 17 Uhr: Gebete und

Meditation

19 Uhr: zu Bett gehen

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