Der Traum der Lehm-Menschen

Freiheit ist nie die Freiheit der Regierung, sondern die der Andersdenkenden. Geschrieben in Breslau - und nicht die einzige Botschaft aus diesem wachen Ort, der aktuellen Kulturhauptstadt Europas.

Wrocław/Breslau.

An der Ziegelmauer des Gefängnisses lehnt ein sportlicher Typ mit Sonnenbrille und telefoniert. Der Posten im Wachturm, der eine Maschinenpistole lässig am Gurt über der Schulter trägt, Mündung nach unten, lässt ihn nicht aus den Augen. Es ist Freitagmorgen um Acht. Das Breslauer Gefängnis liegt da wie unbewohnt. Nur einmal öffnet sich das blaue Tor, um ein Auto mit einem Bautrupp zu entlassen.

An der Mauer gibt es eine Gedenktafel für die Opfer der kommunistischen Diktatur und daneben eine zweite, die an die "Sonderaktion Krakau" der Nationalsozialisten erinnert. Die Nazis hatten nach ihrem Überfall auf Polen 183 Wissenschaftler der Krakauer Universität in eine Falle gelockt, verhaftet und die meisten von ihnen über Breslau nach Sachsenhausen deportiert.

In dem Gefängnis im Breslauer Stadtteil Kleczków wurden mehr als 1000 Gegner des NS-Regimes umgebracht. Hier war es aber auch, wo Rosa Luxemburg, die Umstürzlerin aus Zamoœæ, ihre berühmten Sätze schrieb: "Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden."

In der Haft schwärmte Rosa Luxemburg von dem Belebenden, Heilsamen, Reinigenden der politischen Freiheit. Diese Wirkung hat Breslau erfahren - aber eben auch den Terror des Untergangs. In diesem Jahr ist Wrocław, die viertgrößte Stadt Polens, eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte. Die andere ist Donostia-San Sebastián in Spanien.

Vormittags auf dem historischen Salzmarkt in Breslau, wo sie gerade mit Kerzen am Denkmal "Kleine Nadel" der Opfer des Attentats von Orlando gedenken. Die Blumenhändlerinnen im Lindenhain machen gute Geschäfte. Künstler ernten neugierige Blicke, als sie an einer Laterne einen weißen, mumienhaften Männertorso aufrichten. Dann schlüpfen sie in weiße Gewänder, die bei den Frauen an Hochzeitskleider denken lassen. Der Stoff und die Haut werden mit hellem Lehm bepinselt und besprüht. Das sind Bogusław Nowak und seine "Weiße Parade". Die Gruppe geht die wenigen Schritte zum Rynek hinüber, den berühmten Ring des Breslauer Marktes, und stellt sich in Positur, um für ihren Beitrag zum Kulturstadtjahr zu werben: die Parade des Weißen Festes.

Das Weiß betont die Gemeinsamkeit, das Einigende der Menschen, ohne ihre Unterschiede zu verwischen. Ein Plädoyer für Toleranz. Begeistert wird die "Gazeta Wrocławska" die Parade hinterher einen "unglaublichen" Anblick nennen.

Die phantasievolle Abwehr einer Realität, die als bedrückend empfunden wird, hat in Breslau Tradition. Am Tag der Weißen Parade erinnern die Zeitungen an den Polnischen Volksaufstand vom Juni 1976, einen gewaltsam niedergeschlagenen Arbeiterprotest, der sich zum 40. Mal jährt. Nur vier Jahre später war die Gewerkschaft "Solidarnosc" entstanden, die dem kommunistischen Regime den Garaus machte.

Eine Widerstandsgruppe ganz anderer Art wird an der Breslauer Hauptgeschäftsstraße mit einer Zwergenplastik geehrt. Die Orange Alternative um den Aktionskünstler Waldemar "Major" Fydrych hatte ab 1983 Zwerge an Häuser und Wände gemalt, um gegen die kommunistische Regierung zu rebellieren. Die von der Amsterdamer Kabouterbewegung inspirierte Gruppe demonstrierte in Nikolauskostümen, skandierte auf den Straßen "Wir lieben Lenin" und "Nieder mit der Hitze" und sang vor dem Affenhaus im Zoo stalinistische Hymnen. Die "New York Times" schrieb einmal, Alexander Solschenizyn habe den Kommunismus moralisch vernichtet, die Orange Alternative ästhetisch. Sie führte, mit den Mitteln der Kunst, den Wahrheitsanspruch der Ideologie ad absurdum.

Der Name der Orangen Alternative leitete sich von der Mischung zweier Farben her, die das Schicksal Polens in jenen Jahren bestimmten: dem Rot der Kommunisten und dem Gelb der katholischen Kirche. Konservative Katholiken in Breslau stehen auch heute mit progressiver Kultur auf Kriegsfuß. In der aktuellen Spielzeit des "Teatr Polski" wurde gegen die Premiere eines Stücks von Elfriede Jelinek, "Der Tod und das Mädchen", demonstriert. Der Auflauf aus Kreuzzüglern und Nationalisten wurde vom Warschauer Kultusministerium noch ermutigt. Bei der Regionalregierung in Breslau und den Theatermachern verfing die Einschüchterung nicht. Das Stück wurde wie geplant gezeigt.

Das Zwergendenkmal an der Schweidnitzer Straße wurde zum Ahnherrn eines Heeres von kniehohen Bronzezwergen, die heute das Breslauer Stadtbild beleben. In einer ersten Welle ab 2001 stellten Kunststudenten die Zwerge auf, um an die Orange Alternative zu erinnern. Dann entdeckten Kunstproduzenten und Marketingstrategen das Potenzial. Die Verzwergung der Revolte wurde zum Touristengag.

Dagegen zwingt ein anderes Kunstwerk an der Świdnizka zum Innehalten: Den "Übergängen" von Jerzy Kalina können sich Ortsfremde, die sie zum ersten Mal erblicken, kaum entziehen. Mitten im Gewühl einer Kreuzung verschwinden Bronzefiguren auf einer Seite der Straße unter dem Pflaster. Auf der anderen Seite tauchen andere aus dem Boden auf. Vertreibung, Zuzug, Migration - eine Schlüsselerfahrung nicht nur an diesem Ort.

Um 1900 war Breslau nach Berlin und Hamburg die drittgrößte deutsche Stadt und eine führende europäische Metropole. Hier schufen Architekten Meisterwerke der Moderne wie die Jahrhunderthalle, die zum Unesco-Welterbe gehört. Hans Poelzig, der auch in Chemnitz Spuren hinterlassen hat, machte die Breslauer Bauakademie als Direktor zu einer der fortschrittlichsten ihrer Art. Aus jahrhundertealten Gymnasien gingen Dichter und Denker wie der Autor Christian Morgenstern, der Chemiker Fritz Haber, der Soziologe Norbert Elias, der Arzt Paul Ehrlich, der Philosoph Ernst Cassirer, die Historiker Fritz Stern und Walter Laqeur hervor.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine Volksabstimmung, ein Drittel Oberschlesiens kam zu Polen. Hitlers Machtübernahme setzte den Terror gegen politisch Missliebige und jüdische Bürger in Gang. Im Breslauer Ortsteil Dürrgoy (Tarnogaj) betrieben die Nazis eines ihrer ersten Konzentrationslager. Wo der einstige Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) einsaß, liegt heute ein grün überwucherter Hügel aus Kriegsschutt. Breslaus Hauptsynagoge wurde im Novemberpogrom 1938 zerstört. Vom Hof der erhaltenen Synagoge zum Weißen Storch erfolgte ab 1941 die Deportation der verbliebenen Juden. Die ersten 1005 Männer, Frauen und Kinder wurden nach Kaunas in Litauen verschleppt und nach ihrer Ankunft im berüchtigten IX. Fort erschossen.

Von alliierten Luftangriffen blieb Breslau bis Oktober 1944 verschont, was der Stadt die so spöttische wie hoffnungsvolle Titulierung "Reichsluftschutzkeller" eintrug. Im Januar 1945 begann die unendliche Entscheidungsschlacht. Hitler hatte die Stadt zur "Festung" erklärt, die chaotische Evakuierung der Zivilbevölkerung kostete Tausende das Leben. Als die Rote Armee Mitte Februar den Belagerungsring schließt, sind noch 40.000 Soldaten und 150.000 Zivilisten hier. Die Opfer werden am Ende auf 20.000 Zivilisten, 6000 deutsche und 7000 sowjetische Soldaten geschätzt.

Karl Hanke, der fanatische Gauleiter von Nieder-Schlesien, den Hitler zum letzten "Reichsführer SS" in der Nachfolge Himmlers bestellt, setzt sich in einem Flugzeug aus Breslau ab. Für die Behelfspiste, die wohl nur bei Hankes Flucht zum Einsatz kam, war ein ganzer Stadtteil von den Deutschen ausradiert worden. Heute erheben sich dort auf dem Grunwaldplatz hinter der Hängebrücke, die als ein Wahrzeichen Breslaus gilt, moderne Hochhäuser und zwei Studentenwohnheime, "Bleistift" und "Buntstift" genannt. Der Verkehrskreisel trägt den Namen Ronald Reagans.

Breslau kapitulierte vier Tage nach der Reichshauptstadt Berlin und wurde am 9. Mai von den Sowjets in polnische Verwaltung übergeben. Die Deutschen wurden aus Breslau vertrieben und durch Neueinsiedler ersetzt, die ihrerseits zumeist nicht freiwillig migrierten. Die neue Bevölkerung Breslaus kam aus von der Sowjetunion annektierten ostpolnischen Gebieten, aus Lemberg, auch aus Zentralpolen.

Nach dem Krieg gingen von Wrocław Signale der Versöhnung aus. Während in Westdeutschland die letzten Wehrmachtskommandanten Breslaus ihre bluttriefenden Memoiren erscheinen ließen, verfasste Bischof Bolesław Kominek einen "Hirtenbrief polnischer Bischöfe an die deutschen Amtsbrüder", in dem es hieß: "Wir vergeben und bitten um Vergebung."

Breslau stellt sich seiner Geschichte. Bürgermeister Rafał Dukiewicz sagte zum Kulturstadtjahr: "Unsere Stadt hat polnische, deutsche und jüdische Wurzeln, und die Zeiten sind vorbei, in denen das eine gegen das andere ausgespielt wurde."

www.wroclaw.pl/de

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