Im Dialog mit Hölderlin

Der "Fatzvogel" ist ausgeflogen, aber Marie hat im neuen Roman von Reglindis Rauca das Vogtland nicht hinter sich lassen können.

Chemnitz.

Marie hatte die Tür hinter sich zugeworfen, ging hinaus in Eis und Schnee. Trennung von Kindheit, Jugendzeit, befremdender Heimat. Der Ausklang des Romans "Vuchelbeerbaamland" führt zu neuem Anfang, Autorin Reglindis Rauca schließt den Folgeroman "Fatzvogel" unmittelbar an. Marie steigt in den "Lößnitzdackel", fährt nach Radeburg bei Dresden und tritt ihren Dienst als Hilfspflegerin in einer geschlossenen Anstalt an. Eis und Schnee, wie in Plauen, als sie abgefahren war.

Erleichtert kann Marie nicht sein, keineswegs erleichtert kann ihr der Leser durch den neuen Roman folgen. Das tiefgreifende Zerwürfnis mit der Familie, die Kindheitserlebnisse und die Schulzeit in Plauen - alles endete mit Maries Entdeckung der schweren Kriegsverbrechen des Großvaters, die in der Familie verschwiegen und verdrängt wurden. Beklommen lesen sich nun die Konfrontationen, die in der Anstalt auf die junge Frau warten. Heuchelei, Verrat und Gefühllosigkeit begleiten den schweren Dienst und eine knappe, kaum erfüllbare Freizeit in Radeburg und gelegentlich in Dresden. Allenfalls Theater- und Galeriebesuche verhelfen ihr zu diesem und jenem kleinen Trost. Ermutigung findet sie in dem kunstvoll in die Romangeschehnisse eingeflochtenen stillen Dialog mit ihrem Lieblingsdichter Hölderlin. Eine traumverlorene Begegnung mit ihm bestärkt sie, den Dienst in Radeburg aufzugeben und nach Dresden zu gehen.

Verschweigen und Verdrängen

Ihr Selbstgefühl, ihr Mut und die trotzig-aufrechte Widerborstigkeit, die ihr in Plauen zugewachsen waren, sind gereift und bewusst einsetzbar. So ist es, so bleibt es, als sie an der Theaterhochschule Berlin schließlich die Prüfung besteht und ihren Traumberuf studieren kann. Sie ist glücklich, aber auch hier ruft die Vergangenheit nach: Schauspieler, das ist in den Augen der vogtländischen Angehörigen ein Fatzvogel, Faxenmacher, umher irrender Hungerleider, zu nichts tauglich, überdies rothaarig.

Reglindis Rauca hat den autobiografischen Charakter ihres Debütromans, der 2008 erschien, auch dem neuen Buch anvertraut. Alle Geschehnisse und Handlungsorte sind authentisch. Das Trauma, das sie ihrer Romanfigur Marie aufbürdet, ist das eigene. Wie kann sie leben mit der Last des Wissens um die Kriegsverbrechen des Großvaters, der als SS-Kommandeur in Litauen während des Krieges weit über 10.000 Juden, darunter viele Kinder, persönlich selektiert und dem Massenmord überantwortet hatte? Wie kann sie leben mit der Erfahrung des Verschweigens und Verdrängens, in die sie zu Hause hineingezogen wurde?

Das scheinbar familiär Intime ist in diesem Roman stets gesellschaftlich reflektiert, die Widerlichkeiten stürmen immerfort auf Marie ein und stürzen die empfindsame junge Frau von einer Enttäuschung in die andere. Sie versucht mit den Eltern in vernünftigen Kontakt zu kommen, es wird für sie ein qualvoller Traum. Und ihre Erlebnisse schließlich an der Berliner Schauspielschule enden mit erneuten Diskriminierungen. Wo Marie auch hinkommt und wen sie auch trifft - man will heraus, man will fort. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Allgemeine Ausweglosigkeit ist atmosphärisch, es ist Endzeit der DDR. In Berlin fällt die Mauer, und als ihre Kommilitonen zur offenen Grenze stürzen, bleibt Marie im Bett liegen. Verschläft sie die Wende? Nein, es ist nicht der Augenblick für ihre kritische offene Sicht, inmitten des Gedränges der Massen nach Westberlin den Umbruch zu erleben. Marie bleibt sich treu.

Geschickte Komposition

Aber mit Hölderlin allein kann sie nicht durchs Leben kommen, sie setzt ihre Hoffnung auf Filip, einen freischaffenden Regisseur, den sie im Theater Freiberg kennen gelernt hatte. Beide lieben sich, beide suchen den neuen Weg.

Der Roman lässt sich als Zeitbild empfinden, das Reglindis Rauca wie ein Mosaik aus vielerlei Episoden und Reflexionen zusammenfügt. Eine literarisch geschickte und sprachkräftige Komposition, die zur Identifizierung drängt. Überall, wo Marie fragt, warten Antworten noch immer, wenn wir selbst sie nicht zu finden wissen. Mit dem Buch kann jeder ein Stück weiterkommen. Was Reglindis Rauca an den Anfang stellt, als Motto, sollte man am Ende des Romans nochmal aufblättern. Hölderlin: So komm! dass wir ins Offene schauen, dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.

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