Im Kreis der Familie - Die Kelly Family in Chemnitz

Die Neunziger sind zurück, und mit ihnen die Kelly Family. Dass sie am Samstag die Arena Chemnitz als eine von vielen deutschen Hallen ausverkaufen, passt zum aktuellen Revival dieses Jahrzehnts - und ist gleichzeitig ein Widerspruch dazu.

Chemnitz. Die Popkultur ist eine riesige Recycling-Maschine - nichts wird weggeworfen, alles wiederverwertet: Ein ewiges Karussell musikalischer und modischer Referenzen, auf dem immer auch die Nostalgie mitfährt. In der Popkultur werden Trends und Jahrzehnte wieder geboren wie Buddhisten im Rad des Lebens. Jetzt hat man also die Neunziger reanimiert: Karottenhosen, Pokèmon Go, Boyband-Wiedervereinigungen - und dass derzeit Pop- und Schlager zunehmend nach Euro-Dance klingt, kann auch kein Zufall sein. Die Kinder von damals sind die orientierungsgeschwächte Generation Y von heute, die sich, immer mit einer Notfallration Ironie kaschiert, an Erinnerungen ihres Aufwachsens klammert. An die Zeit also, als das Entscheiden noch nicht so schwer war.

Bei der Kelly Family jedoch ist gar nichts ironisch - nicht das Revival, nicht die Musik, nicht der Besuch ihrer Konzerte. Die Band meint es ernst mit ihrer Botschaft: Familie, Liebe, Zusammenhalt. Kult sind sie trotzdem, irgendwie. Lange Haare, lange Gewänder, langsame Lieder: Die folkloristische Familienband bildete einen Gegenwurf zur schrillen Neunzigerjahre-Ästhetik. Eine amerikanisch-irische Großfamilie mit Hippielook- und leben, die schon damals wie ein Anachronismus wirkte. Trotzdem - oder gerade deswegen - waren sie unglaublich erfolgreich: Über 20 Millionen verkaufte Ton- und Videoträger, hysterische Fans, Dauerstarschnitt in der Bravo, "Angel" ist einer der hartnäckigsten Ohrwürmer der Neunzigerjahre. Und auch heute, fast 25 Jahre später, ist die Hallentour ausverkauft. Teil des enormen Erfolges war wohl auch die Familiengeschichte, die sich so rührend erzählen lässt: Barbara-Ann, Mutter von acht der insgesamt zwölf Geschwister, starb früh an Brustkrebs. Die Familie lebte und sang in Spanien, den USA, Frankreich, später in Deutschland, interpretierte vorrangig internationale Volkslieder auf den Straßen, wohnte im Hausboot, im VW- und im Doppeldeckerbus, die Kinder gingen nicht zur Schule, wurden aber musikalisch erzogen: Die Kellys lebten den Traum vom alternativen Aussteigerleben, den heute vor allem die junge Generation auch wieder träumt. Mitte der Neunziger kam der Durchbruch: Die Fußgängerzonen wurden zu klein, die Stadien immer voller, die Fanbelagerung immer fieberhafter. Doch die Familie musste nicht nur großes Spotlight, sondern auch viel Spott ertragen: Wer nicht zu "I Can't Help Myself" das Feuerzeug schwenkte, sprach mitunter despektierlich von einer "singenden Altkleidersammlung".

Am Samstag also luden die Kellys zum ausverkauften Familientreffen in die Messe Chemnitz. Auf der Bühne stehen die sechs Geschwister Joey, Jimmy, John, Patricia, Kathy und Angelo plus Special Guest Paul und einer ebenfalls sechsköpfigen Begleitband. Im Rahmen ihrer "We Got Love" Tour fährt die Kelly Family dick auf: Alle Hits, alle Erinnerungen an damals, alle großen Emotionen. Mit der schönen Simplizität von Straßenmusik hat das nicht mehr viel zu tun: es ist eine durchchoreografierte Show, mit Konfetti-Kanone, Publikumskamera, Pyro-Effekten und viel Pathos - eine Mischung aus ESC und Fernsehgarten. Einzig der familiäre Singkreis, den sie nach dem ersten Block bilden, um im Kollektiv alte Volksweisen darzubieten und Einblick in ihre Anfänge zu geben, erinnert an die Fußgängerzonenzeit.

Von einem Comeback zu reden wäre falsch, denn die Kellys waren nie wirklich weg. Sie haben sich nur abseits des Rampenlichts bewegt. Der Erfolgsdruck hatte die Geschwister auseinander getrieben, viele wandelten zur Selbstfindung auf Solopfaden, manche ließen sich die alten Zöpfe abschneiden, Joey Kelly zog als Extremsport-Experte seine Runden durch Marathons und TV-Formate, Maite Kelly ist nach wie vor als Schlagerinterpretin erfolgreich, Mädchenschwarm Paddy war erst im Kloster, dann bei "Sing meinen Song". Jetzt sind sie, zumindest teilweise, vereint - auch mit ihre Fans, die ihnen mit einer unerschütterlichen Treue und Ernsthaftigkeit folgen. Ihre über zweistündige Show in Chemnitz ist ein Mehrgenerationen-Konzert: Die Neunzigerkinder und deren Eltern, Großeltern und eigene Kinder, sie alle schunkeln, schwenken ihre Smartphones und Leuchtstäbe. In einer Zeit, in der alles auseinander zu driften droht und auch Ironie nicht mehr hilft, sucht man Halt bei der Familie - und wenn es nicht die eigene ist, dann eben die Kelly Family.

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