Kosmonaut-Festival: Die Sperrholz-Profis

Das Kosmonaut-Festival, das am Freitag und Samstag zum vierten Mal am Stausee Rabenstein stattfindet, ist mehr als eine Musikveranstaltung: Es ist ein Triumph der Provinz über den Markt.

Chemnitz.

Hat man einmal in Zivil die Hand von Kraftklub-Bassist Till Kummer geschüttelt, fragt man sich nicht nur, wie der Mann mit derart schwieligen Pranken seine bissigen Powerbassläufe so charmant-souverän auf den Punkt bekommt: Man weiß auch, dass der Musiker zupacken kann. Und zwar fest - da ist man im Zweifelsfall besser keine herauszureißende Baumwurzel. Oder irgend eine Art von Nazi. Das Bild, das viele Akteure der deutschen Rockbranche in den letzten Jahren gelegentlich verunsichert hat, erscheint so gar nicht mehr abwegig: Till auf dem Kosmonaut-Festival bereits früh um sieben in Arbeitsklamotten am Start - was die auftretenden Musiker verwundert mitbekommen, wenn sie von ihrer partygefüllten Blase aus dem Nightliner-Hotel getrieben werden.

Das Festival, das am Freitag und Samstag den Stausee Rabenstein bei Chemnitz wieder in eine der bemerkenswertesten deutschen Freiluft-Partyzonen verwandeln soll, gilt als Baby der Band Kraftklub, als zweites Standbein, mit dem die sächsischen Musiker ihren Erfolg in eine weitere Marke verwandeln. Blickt man aber hinter die Kulissen, wird schnell klar, dass das Quintett alles andere als demonstrativ für das Festival werkelt - sondern handfest. Es wird nicht irgendwie hergezeigt, dass man sich nicht zu fein ist für dreckige Hände - die Kraftklubber packen zu, weil sie Bock darauf haben. Jeder Musiker hat dabei eine Aufgabe, die ihn oft monatelang einspannt: Bassist Till ist für die gesamte Logistik zuständig und schuftet während des Festivals als Fahrer. Sein Bruder, Sänger Felix Kummer, hat die Außenwirkung unter sich mit all ihren feinen, kleinen, lyrischen Trieben.

Gitarrist Karl Schumann ist zusammen mit Band-Grafiker Philipp Weiser und dessen Familie für den Bau der zahlreichen Papp- und Holzfiguren zuständig. Und Gitarrist Israel? "Steffen ist Steffen. Der macht überall mit", grinst Max Marschk. Der Kraftklub-Schlagzeuger, der in den letzten Jahren immer mehr spielerischen Feinsinn ins zackige Tackern seines hibbeligen Live-Uhrwerkens streut, sitzt nicht nur auf der Bühne am liebsten hinten. Die große Bühnenrand-Klappe überlässt er anderen. Doch hinter den Kosmonaut-Kulissen hat er die vielleicht wichtigste Aufgabe: Max ist Bindeglied zwischen Spinnerei und seriöser Planung. Er sorgt einerseits dafür, dass reibungslos läuft, was eigentlich gar nicht geht - und verhindert andererseits, dass Sachen gemacht werden, die wirklich nicht gehen. Seit Mitte März steht er in Kontakt mit Köchen und Antiquitätenhändlern, Berliner Management und Chemnitzer Spinnern, um dem Kosmonaut so viel wie möglich schrullig sperrhölzernes Kraftklub-Flair zu verpassen - und das Festival dabei so professionell auf die Bühne zu stellen, wie es für die Agentur Landstreicher, die das Festival mit der Band und den Splash!-Machern in freundschaftlicher Symbiose aufzieht, üblich ist: das herrlich Hakige ist Spaß, der nie zu Lasten des Komforts der Besucher gehen darf, die ja entspannen sollen.

Allein das Ablaufprotokoll, dass der Schlagzeuger in seinen Computer tippt, ist ein Kunstwerk. Denn vor allem auf Chemnitzer Seite herrscht familiäres Amateur-Chaos: Zahllose Freunde und Familienmitglieder des Bandumfelds sind eingebunden - vor allem mit unzähligen Bastelarbeiten, um das einmalig herzige Gesamtbild des "Kosmonaut" überhaupt hinzubekommen. Dass das Festival im vergangenen Jahr, dem dritten überhaupt, bereits mit plusminus Null über die Bühne gehen konnte, ist der geballten Power der bunten Kraftklub-Mischpoke geschuldet, die professionellen Show-Schnickschnack ersetzt. Herkömmlich solide ist beim "Kosmonaut" nur die Basis von Beschallung, Strom, Sicherheit, Versorgung und Fluchtwegen - alle Wow-Effekte, die ein Festival darüber braucht, sind dagegen Marke Eigenbau.

Die Motive sind dabei durchaus eigennützig, wie Max bekennt: "Wenn wir auf Festivals spielen, ist das Drumherum fast immer komplett lieblos. Das ärgert mich immer zu Tode! Da stehen nur ein paar Bierbänke und Container. Das macht es für eine Band sehr langweilig, zumal man ja 80 Prozent er Zeit nur auf den Auftritt wartet. Kein Wunder, dass die meisten Ami-Bands im Hotel chillen und nur direkt zum Auftritt aufs Gelände kommen. Das wollten wir anders haben, wir wollten hinter der Bühne ein Flair, in dem sich die Bands total wohlfühlen. Wir haben deswegen auf dem Kosmonaut keinen V.I.P.-, sondern einen Freunde-Bereich. Das strahlt wegen der besonderen Stimmung unter den Künstlern auch aufs Publikum aus." Daher redet Kraftklub auch beim Programm heftig mit: Man lädt nicht ein, wer angesagt ist - sondern vor allem, wen man mag. Alles soll passen bei dieser Fabelfeier.

Ein Gedanke, den die familiären Helfer teilen. Zum Beispiel Jan Kummer, der in den letzten Wochen mit seinen Töchtern an zahlreichen Pappraketen gewerkelt hat: "Ich finde das total reizvoll, dass man mit extrem beschränkten Mitteln eine Kulisse hinstellt, die trotzdem irgendwie großartig und spektakulär aussieht, obwohl eigentlich an allen Ecken und Enden die Mittel fehlen."

Und das vor allem bei Max zusammenfließt, der in dieser Aufgabe aufgeht: "Was wir uns als Band aufgebaut haben, ist alles wunderschön und ich bin dafür auch total dankbar. Aber es macht mir immer Riesenspaß, in andere Bereiche reinzusehen. Ich will verstehen, wie Dinge funktionieren, ich versuche alles aufzusaugen. Nachdem das Kosmonaut 2013 als Test so gut geklappt hat, habe ich sofort gefragt, ob ich da mehr mitmachen kann." Nur so funktioniert auch die Idee des geheimen Headliners, die aus professioneller Sicht komplett bescheuert ist - immerhin bringt man sich beim Vorverkauf um das Werbepotenzial einer der wichtigsten Bands. Jan Kummer: "Das begann als verstolperter Gag, aber danach hat man aus gewissem Trotz an dieser geschäftsschädigenden Idee festgehalten, einfach weil sie so schön ist. Es erzeugt kreativen Druck. Eine namhafte Band Jahr für Jahr zu verstecken, ist nachhaltig!"

Und verdammt schwierig: Um nichts durchsickern zu lassen, wusste die Band 2014 selbst nicht, wer auftreten würde. Max: "Nur Felix hat es 14 Tage vorher rausgefunden. Das war irgendwie komisch, deshalb haben wir danach abgestimmt, dass wir es alle wissen wollen. Aber wir haben auf sämtliche Himmelskörper geschworen, dass wir es nicht weitersagen! Und mittlerweile finden die Bands die Idee so geil, dass sie es zum Sport machen, absolut nichts durchsickern zu lassen. Was nicht einfach ist! Fettes Brot haben sich vor zwei Jahren bis kurz vor dem Auftritt nicht aus dem Hotel getraut, um den Spaß nicht zu verderben. Und Marteria musste letztes Jahr fast seine ganze Band samt Crew verarschen: Die dachten, sie fahren woanders hin und fanden sich plötzlich in Rabenstein wieder!"

Das Programm des Kosmonaut-Festivals lesen Sie morgen im Veranstaltungsmagazin "Wohin" der "Freien Presse".

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1Kommentare
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  • 2
    0
    Blackadder
    22.06.2016

    Wie sagte der Sänder von Krfatklub letztes Jahr in einem Interview zum Kosmonautfestival so schön (sinngemäß)?: Fehlendes Geld und Expertise machen wir mit Enthusiasmus wieder wett! Und das merkt man, ich bin selten auf einem so liebevoll gestalteten und durchgeführten Festival gewesen. Ich freue mich auch dieses Jahr sehr darauf und wünsche den Organisatoren gutes Wetter und das Label "ausverkauft". Die auftretenden Bands sind da fast schon Nebensache, weil auch abseits der Bühnen so viel passiert und man so viel machen kann. Dazu die netten Menschen und die wunderschöne Umgebung. Hach. Möge es noch viele Jahre stattfinden und den Ruf von Chemnitz in ganz Deutschland verschönern.



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