Dauerfeuer aus Liebe

Die Wurzeln der heutigen Club-Musik mit ihrer uferlosen Tanz-Extase werden oft im Untergrund gesucht. Dabei ist eine britische Erfolgsband der 80er maßgeblich für dieses Format mitverantwortlich: Frankie Goes To Hollywood. Ihr provokantes Album "Welcome To The Pleasuredome" sorgte einst gleichermaßen für Irritation wie Begeisterung - heute gilt es als Pop-Meisterwerk.

London, Anfang 1984: "Diese Scheibe ist absolut obszön!" Mike Read, beliebter Radio-DJ der BBC, bekommt während seiner Top-Ten-Sendung einen derben Wutanfall. "Relax" von Frankie Goes To Hollywood steht auf Platz 6 der Charts. "Ich denke, es ist obszön. Wisst ihr, ich werde diese Platte nicht spielen. Danke und tschüss!" Einen größeren Gefallen hätte der angesehene Moderator den angesagten Newcomern nicht machen können. Seine Skandalisierung machte das schlüpfrige Lied zur lockend verbotenen Frucht. Trotz Bann und Boykott schoss der Dance-Orgasmus ungebremst an die weltweiten Chartspitzen: Bis heute gilt Frankie Goes To Hollywood als Aushängeschild des Hi-NRG-Sounds der 80er.

Sänger Holly Johnson und seine Mitmusiker hatten bereits mit "Relax" alles richtig gemacht. Ihr Trick: Einerseits punkten sie in der Schwulen- und Lesbenszene, sammeln mit ihrem universell erotischen Text aber auch alle anderen Hörer ein. Egal, ob Hete, Homo oder Loretta: Ein jeder erliegt der Nummer mit dem dringlich nagelnden Bass, dem unwiderstehlichen Beat, den Maßstäbe setzenden Soundeffekten und Johnsons angesextem Timbre. Doch Frankie Goes To Hollywood (FGTH) haben weit mehr musikhistorische Bedeutsamkeit im Gepäck, als die kurze Zeitspanne ihres Bestehens oder ihre lediglich zwei Alben und sieben Maxis vermuten lassen. Der Einfluss der Band auf die Pop- und Tanzmusik der Achtziger und danach ist enorm. FGTH gehört neben Yello zu jener Avantgarde, die das Zeitalter "Discomusik" beendet und die Ära der "Clubmusic" eingeläutet haben. Nebenbei verwirren sie ihre Zeitgenossen mit einer bis dato einmaligen Mischung aus Nihilismus, Hedonismus und Politslogans. "It is of course Frankie and Frankie only!"

Strippenzieher: Trevor Horn. Seit Dekaden scheiden sich die Geister an der Frage, ob Frankie Goes To Hollywood überhaupt eine echte Band war oder eher ein cleveres Marketingvehikel. Schlüssel hierzu ist die dominante, höchst kreative Rolle des Hintermanns, Vordenkers und Produzenten Trevor Horn. Doch der ist immerhin kein Rädchen der Plattenindustrie, sondern echtes Steuerrad der Musikgeschichte: Als einer der beiden Buggles eröffnet er das MTV-Zeitalter mit "Video Killed The Radio Star" und macht als einer der ersten aus dem bis dato nur experimentellen Sampling ein neues Standbein der Popkultur. Für Frankie Goes To Hollywood ist er Mädchen für alles, erfindet ohne sie den wegweisenden Sound und mit ihnen das Bandkonzept. Zu Beginn macht er mit Studiomusikern und Johnson am Mikro fast alles ohne die restlichen Bandmitglieder - Paul Rutherford, Peter Gill, Brian Nash und Mark O'Toole sind für FGTH, was Andrew Ridgeley für Wham war: künstlerisch eher entbehrlich. Holly Johnson hingegen ist der George Michael der Truppe: Bereits in jungen Jahren zählt er in Liverpool zum Urgestein der britischen Punk- und New Wave-Szene. Die Band Big In Japan mit ihm am Bass erweist sich in den 70ern zwar als Rohrkrepierer, deren einziger Erfolg es gewesen sein dürfte, dass der deutsche Schüler Marian Gold zufällig ihre einzige Platte in die Finger bekam und das Debüt-Album seiner Band Alphaville danach benannte. Dennoch ist sie essenzieller Grundstein für alle Beteiligten: Sänger Jayne Casey wird kurz darauf mit Pink Industry zur Postpunk-Legende, Gitarrist Ian Broudie kennt man heute als Mr. Lightning Seeds. Und Bill Drummond, der zweite Gitarrist, verkörpert 50 Prozent von The KLF. Schon allein vor diesem Hintergrund wäre es verfehlt, FGTH als reines Horn-Gewächs abzustempeln: Die Band ist vielmehr ein perfekt erdachtes Zusammenspiel aller Beteiligten, das gemeinsam epochale Kunst erschuf. Horn selbst startete hernach richtig durch - kaum jemandem gehört die Dekade so sehr wie ihm. Für Yes produzierte er das Erfolgsalbum "90125". Art Of Noise wären ohne ihn nicht denkbar, Grace Jones machte er zum "Slave To The Rhythm", und auch Propagandas "Dr Mabuse" profitierte von seinem Knöpfchendrehen.

Der Meilenstein Als 1984 das Debüt "Welcome To The Pleasuredome" erscheint, stellt FGTH ein bis heute unerreichtes Gesamtkunstwerk in die Plattenläden, das nichts weniger darstellt als eine einzige Erektion. Doch die pralle, übergroße Dekadenz des Titelstücks steht nur scheinbar im krassem Widerspruch zum idealistischen Antikriegslied "Two Tribes": Live gibt besonders Johnson gern den Agent Provokateur, lässt den Rockstar-Berserker raushängen. Auch im deutschen Fernsehen gehen FGTH in dieser Rolle auf und gelten im Blätterwald fortan als "Rüpel-Popper". In England spielt das Album Doppel-, in Deutschland Vierfachplatin ein, in den USA wird es gar 33-fach vergoldet. Das erzeugte natürlich auch medialen Gegenwind: Etlichen Kritikern war die Platte zu fragmentarisch, kaum mehr als die aufgeblähte Version aller Stücke der ersten drei Maxis: Machte es die Titel nicht beliebig, dass man sie scheinbar wahllos in alle möglichen Längen ausdehnen oder schneiden konnte? Freilich haben Frankie Goes To Hollywood die Maxi-Single als verlängerte Klub-Variante eines beliebten Stücks nicht erfunden. Doch niemand hat damals neue Formate so exzessiv gepusht, so perfekt genutzt und so kreativ als eigenständige Kunstform etabliert. Hier wurde klangfarbenfrohe Pionierarbeit geleistet! Jedem Einsteiger der Band sind daher zum Kennenlernen ihre 12-Inch-Singles samt den ausnahmslos hervorragenden B-Seiten dringend empfohlen:

"Two Tribes" Der treffende Friedensappell funktioniert vor allem im achtminütigen "Carnage-Mix". Besonders die herrlich eingebrachte Gitarre verleiht dem Track hier eine passende Rockdynamik, die den Dance-Appeal des Liedes gelungen begleitet. "Mine is the last voice that you will ever hear. Don't be alarmed!"

"Welcome To The Pleasuredome" Mit zehnminütiger Laufzeit ist die Maxi sogar kürzer als die viertelstündige LP-Version - gleichwohl bleibt sie klarer Punktsieger. Das liegt auch an der ebenso mystischen wie augenzwinkernd großspurigen Erzähler-Einleitung. "I have forgotten how to walk and speak. I feel myself a god. I am no longer an artist. I have become a work of art ... welcome to the pleasuredome!" Dramaturgisch hochklassisch gezirkelt setzt von hier aus der Song ein, das große "Huha" erneut im ästhetischen Dialog zwischen E-Gitarre und Beats. Der Mackertext geht mehrbödig als Hommage an Samuel Coleridges "Kubla-Khan"-Gedicht ebenso durch wie als Orgie in der Lustgrotte oder Metapher auf den Pop-Olymp: "Shooting stars never stop, even when they reach the top."

"Rage Hard" Die erneut über zehnminütige Version der ersten Auskopplung aus dem zweiten Album "Liverpool", bei dessen Tourpräsentation sich die Band auflöste, ist ein echter Charmebolzen. Sie beginnt mit einer Dozentin, die den Hörer analog Benjamin Brittens "Young Person's Guide To Orchestra" in "die wundervolle Welt der 12-Inches" einführt. Vordergründig kommt die Vorlesung als knuffige Erstlektion in Sachen extended Mixing aus der Deckung. Jedoch sind phallische Anspielung und Konnotationen vom Orgasmus bis hin zur SM-Koketterie kaum überhören. Der Text des Liedes inszeniert sich hingegen als literarischer Kniefall vor Dylan Thomas' "Do Not Go Gentle Into That Good Night". Auf der B-Seite bringen sie eine launige Variation von Bowies "Suffragette City".

"Warriors Of The Wasteland" Ausgerechnet dieser tolle Rocksong konnte auf kurzer Distanz nicht komplett an die Erfolge seiner Vorgänger anknüpfen, obwohl es immerhin in Deutschland Platz 7 erreichte. In der langen Strecke machte das Stück diesen Boden jedoch gut und gilt vielen rückblickend als musikalisch stärkste Nummer neben "The Power Of Love" - ein Lehrstück in Dynamik! Das Arrangement ist hervorragend gealtert und war seiner Zeit als "Pop-trifft-Metal"-Hybrid weit voraus. Die Grobheit in Rhythmus und Sound unterstreicht das dystopische Endzeitfeeling dieser Krieger des verheerten Landes vortrefflich. Für den kongenialen Text ließ Johnson sich sowohl von Mel Gibson als auch von T.S. Eliots "The Waste Land" inspirieren.

"The Power Of Love" Knapp zehn Minuten lang erstrahlt eine der schönsten Balladen aller Zeiten in ihrer ganzen empathischen Pracht. Akustische Gitarren umspülen ihre stolze Melodie, bevor mächtige Streicher die Wall of Sound konsequent komplettieren. Die spöttisch nachgestellte Wutrede Mike Reads samt Stimmenimitation eines Vaterunser betenden Ronald Reagans verspotten beide Gegner als von FGTH entlarvte Feinde der Liebe. Eleganter kann man den sarkastischen Eulenspiegel kaum platzieren. Holly Johnson gelingt die mit Abstand ergreifendste Gesangsperformance seiner Karriere. Es ist der eine gaslichterne Moment, in dem romantische Zweisamkeit, philanthrope Weltum- armung und die Absage an alles Zerstörende einen Sieg des Lichts über die Schatten verkünden: "Make Love your Goal!"

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