Medea - ein Mensch im Monster

Ehekrach extrem: Roland May hat für das Theater Plauen-Zwickau "Medea" von Euripides in Szene gesetzt. Kann eine Jahrtausende alte Tragödie noch erschüttern? Eine Antwort gab es zur Premiere im Vogtland.

Plauen.

Das Grauen setzte ein unter hämmerndem Schlagzeug-Gewitter: Björn-Ole Blunck ließ zum Finale im Bühnenhintergrund in wuchtigen Soli Becken knallen und Trommeln dröhnen. Er hatte Iason zuvor als allzu naiven Charakter gezeigt, der leichthin Vorspiegelungen glaubte, die ihm in den Kram passten. Die Strafe folgte sofort. Iason hätte es besser wissen sollen. Die junge Medea, eine Barbarin vom Rande der Welt, wie er sagte, mordete einst auf der Jagd nach dem sagenhaften Goldenen Vlies für ihn. Das Fell, eine Art antiker Karriere-Turbo, sollte ihm zur Königswürde verhelfen. Medea verriet dafür ihre Familie und war Iason als Flüchtling in ein fremdes Land gefolgt. Nun hatte er sie für die Königstochter Korinths verlassen. Die Katastrophe brach herein mit dem Absturz in Mord und Verzweiflung.

Karrieregeilheit, gekränkte Eitelkeit, enttäuschte Liebe, mörderische Rachsucht, Dominanz und Aufbegehren im Verhältnis von Frau und Mann - nur einige der überreich entrollten Motive, die sich in Roland Mays im zeitgenössischen Kolorit, erfrischend streng und geradlinig angelegten Inszenierung spannend mischten. Die Premiere am Samstag im Vogtland-Theater Plauen kam an. In den Applaus mischten sich Bravorufe.

Die bis heute erfolgreiche Tragödie des antiken Dichters Euripides bot in Mays Sicht nicht nur Drastisches und Irritierendes im zwischenmenschlichen Nahbereich. Das, was in der Inszenierung für das Theater Plauen-Zwickau verhandelt wurde, deutete über den Rosenkrieg hinaus auf aktuelles Zeitgeschehen: Die Verzweiflung von Menschen auf der Flucht, der Begriff "Heimat" - auch das wurde ausgeleuchtet. Medea: "Kein anderes Leid ist so groß als Heimaterde verlassen." Und sie wandte sich an die, die auf der Sonnenseite der Straße leben: "Vom sicheren Hafen höhnt es sich leicht!"

May wählte eine neuere Übersetzung des Textes durch Peter Krumme. Diese Bearbeitung weicht ab von der deutsche Entsprechung der Versform des Originals. Die flüssig gehaltene Fassung passte gut zum modernen Spielraum, den Oliver Kostecka in Schiefergrau gehalten und sparsam mit modernem Mobiliar versehen hatte. Das ließ an eine Abfertigungshalle eines Flughafens denken: Die Figuren traten sinnbildhaft auf wie in einem Transitraum, nicht mehr in ihrem alten Leben, aber auch noch nicht angekommen.

Kostümbildnerin Luisa Lange kleidete die antike Gesellschaft mit Humor, einer Portion Satire und präzisem Blick auf die Charaktere in heutige Mode. Medea trug ein kleines Schwarzes, Iason einen knappen Straßenanzug. Die weiteren Figuren führten Glitzerndes, hippe Kappen und auch mal ein Smartphone vor, während sie die Ränke in der Korinther High Society kommentierten.

Das alles ließ May ohne Pause in einem einzigen großen Handlungsbogen spielen. Wer das Recht auf seiner Seite hatte, blieb seltsam unentschieden. Wer war Täter, wer Opfer, wer Monster, wer einfach nur Mensch? Gut und Böse - blieben nur Floskeln. Die Auftretenden wollten leben, sicher und möglichst im Wohlstand. Ihre Beweggründe wurden deutlich und nachvollziehbar in sorgfältig ausgeführter Rede und Gegenrede. Der Text blieb wunderbar verständlich. Vieles verstörte in seiner Direktheit, ging unter die Haut. So machte die bildhafte Schilderung vom grauenhaften Ende der Königstochter von Korinth frösteln: "... das schöne Antlitz, es troff von Blut. Mit Feuer vermischt ihr vom Scheitel, das Fleisch schmolz herab von den Knochen ..." Medea, betrogen und unversöhnlich, hatte der junge Frau einen goldenen Kranz und ein schickes Kleid geschenkt. Das arglose Modeopfer streifte das Geschenkte über und ging in Flammen auf.

Motive für ihre nur auf den ersten Blick irrationalen Taten führte Medea genügend an: "Verzweifelt, verloren - verstoßen, verbannt!" Else Hennig verkörperte im Zentrum der Inszenierung diese antike Amokläuferin und lieferte eine Charakterstudie, in der das Überzeitliche, bis heute Gültige des Stückes deutlich genug aufschien. Sie zeigte Medea als menschlich, facettenreich, intensiv und beeindruckend selbstbewusst: Sie schrie, klagte und wütete, wechselte glaubhaft von unterdrückter Wut zu rasendem Zorn, vom Elend der verlassenen Frau zu Trauer und schwärzester Hoffnungslosigkeit. Auch für den Mord an den Söhnen, die sie mit Iason hatte, nannte Medea einen Grund: Sie wollte den betrügerischen Mann im Innersten treffen. Iason, voller Selbstmitleid: "Gäb es andere Geburt, ganz ohne die Frau! Wie glücklich wäre das Leben!"

Neben Medea sorgte ein Chor mit Sprechtexten für den Fortgang der Handlung. Aus diesem Kreis traten die weiteren Charaktere hervor und auch wieder zurück. Julia Hell verlieh beispielsweise ihrer Amme Leidenschaft und komödiantische Schnoddrigkeit. Till Alexander Lang gab den Erzieher der unglücklichen Kinder, Peter Princz den König Kreon. Gilbert Mieroph war Aigeus, der Medea schließlich Asyl angeboten hatte, sofern sie es aus eigener Kraft an seine Gestade schaffen würde. Nadine Aßmann trat unter anderem als Bote mit schrecklichem Augenzeugenbericht auf.

Das Stück 

"Medea"- eine Frau sieht rot: Ihr Mann Iason hat sie verlassen - für eine jüngere Frau mit höherem Sozialstatus. Dabei hatte sie ihm einst zum sagenhaften Goldenen Vlies verholfen, ihre Familie verraten, den Bruder getötet. Der Herrscher des Landes, in dem die Flüchtlingsfamilie - Medea, Iason und ihre beiden Söhne - Zuflucht gefunden hatten, droht ihr nun mit Abschiebung. Sie läuft Amok.

Nächste Aufführungen des Stücks "Medea" im Vogtland-Theater Plauen sind am 18. und 31. März, 9. und

11. April sowie 11. Mai. Kartentelefon: 03741 28134847.

www.theater-plauen-zwickau.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...