Mit Temperament und Tempo

Im Neuberinhaus hat die Vogtland Philharmonie wieder fabelhaft musiziert. Am Dirigentenpult stand Werner Seitzer.

Reichenbach.

Sich auf unterschiedlichste Gastdirigenten einstellen zu können, in jeder Weise aufgeschlossen und beweglich zu sein, zeichnet ein leistungsfähiges Orchester aus. Die Vogtland-Philharmonie stand in ihrem jüngsten Sinfoniekonzert Mittwochabend im Reichenbacher Neuberinhaus vor einer solchen Aufgabe und wurde einmal mehr ihrem guten Ruf auf diesem Gebiet gerecht.

Die Frage ist, wie viel Mühe das gekostet hat. Der Gast, der seit 30 Jahren als Chefdirigent in Hildesheim wirkende Werner Seitzer, unterschied sich vom vertrauten "Führungspersonal", einem Stefan Fraas oder David Marlow. Seitzer verströmt wenig Biegsamkeit und Eleganz, er kann sich vor dem Orchester nicht groß machen, den "Apparat" restlos in seinen Bann ziehen. Der gebürtige Ellwanger bevorzugt kleine, rasche Gesten, von ihm geht eine gewisse Nervosität und Unberechenbarkeit aus, weshalb etwa Generalpausen gebührend auszukosten oder heikle Einsätze über mehrere Takte hin vorzubereiten, nicht seine Sache sind. Ob die Vogtland Philharmonie dieses Anderssein genoss, das Beste daraus machte oder den Mann einfach gern hatte, sei dahingestellt: Musiziert wurde an diesem Mittwoch im Neuberinhaus wieder fabelhaft.

Franz Liszts selten zu hörendes symphonisches Poem "Festklänge" - gedacht als Brautgabe für die vom Komponisten geliebte Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein - ließ nicht zuletzt die spieltechnisch enorm geforderten Streicher gut aussehen. Dirigent Werner Seitzer und die Philharmonie arbeiteten mit Liebe die einzelnen musikalischen Episoden des Werkes heraus, sparten dabei weder mit Temperament noch Tempo.

Das folgende Bratschenkonzert von Béla Bartók war sicher eine schwerere Aufgabe. Solo- und Orchesterpart sind hier reizvoll verzahnt, das muss alles stimmen, muss aufgehen, zu einem lebhaft pulsierenden Wechselspiel werden. Das gelang im Großen und Ganzen überzeugend. Im abschließenden dritten Satz war ab und an etwas Anspannung zu spüren, verlor das Geschehen gelegentlich an Kraft und Überzeugung. Mit dem 22-jährigen französischen Bratscher Manuel Vioque-Judde, dem Gewinner des dritten Preises beim vorjährigen Internationalen Instrumentalwettbewerb in Markneukirchen, begegnete dem Publikum ein sicherer, über einen angenehmen, vollen Viola-Ton und hohe interpretatorische Sensibilität verfügender Virtuose.

Antonín Dvoráks nach der Pause erklingende 7. Sinfonie wurde zum erwarteten Höhepunkt des Abends. Da hatte jeder Satz sein eigenes Gesicht - allen voran das bestrickend vorbeiwirbelnde Scherzo. Vor allem aber wurden der Reichtum an Themen und deren Entwicklung zu grandiosen dramatischen Höhepunkten auf mitreißende Weise plastisch. Seitzer und dem Orchester gelang eine bewegende Verbeugung vor der Kunst Dvoráks. So beseelt und kraftvoll gespielt, braucht auch seine gemeinhin etwas im Schatten der "Achten" und "Neunten" stehende "Siebente" kaum einen Vergleich mit Größen des Fachs wie Brahms oder Bruckner zu scheuen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...