Pfotenweich gegen die Angst

Im Chemnitzer Schauspielhaus sorgt "Der gestiefelte Kater" gewitzt für Gerechtigkeit. Dem Premierenpublikum hat's ausgesprochen gut gefallen.

Chemnitz.

Vor Jahresfrist hielten die sieben Zwerge im Chemnitzer Schauspielhaus allerlei Versuchungen für Schneewittchen parat, und die Inszenierung frei nach den Brüdern Grimm löste beim jungen Publikum Jubel aus. Seit Sonnabend nun bevölkert eine andere illustre Mannschaft aus dem Kinder- und Hausmärchenkosmos der berühmten deutschen Sprachwissenschaftler und Volkskundler die große Bühne des Hauses, und wieder zeigten sich die Premierenzuschauer begeistert.

Dabei beginnt "Der gestiefelte Kater" mit einer unschönen Szene. Zwei Brüder jagen ihren jüngsten Bruder sehr unsanft aus dem Haus. Die Not ist einfach zu groß, als dass die Mühle des gerade gestorbenen Vaters die drei Geschwister durchbringen könnte. Es setzt Hiebe, und eine alte Schürze werfen sie ihm noch hinterher. Und dann ist da noch der Hauskater, der gleich mit verschwinden soll und zur Erbmasse für Stefan erklärt wird. Schönes Schlamassel für das schmächtige Bürschlein (Fabian Jung), das nun auf sich allein gestellt ist. Doch erstens kommt es anders und zweitens mausert sich der Vierbeiner ja bekanntlich zu einem Wesen, das nicht nur seine eigenen Geschicke, sondern auch die aller in der Geschichte in seine Pfoten nimmt.

Alexander Flache, der dieses Märchen in den vergnüglichen Versen von Heinz Kahlau und mit der trefflichen Musik von Marco De Haunt inszenierte, liegt nichts an einem adventsgemütlichen Spiel. Vielmehr nimmt er das Publikum mit in einer frisch und stringent erzählten Geschichte. Petra Linsel hat eine luftig anmutende Bühne geschaffen. Fünf Stoffbahnen erweisen sich als überaus wandelbar. Vor allem wenn die Titelfigur dem gefürchteten Wind begegnet, bieten sie eine eindrucksvolle, lebendige Kulisse.

Darin nun schweift der schnurrende, schleichende, verspielte Kater umher. Bianca Kriel macht ihn zu einem ebenso geschmeidigen wie forschen Wesen, das seinem Herrn zum Glück verhilft und anderen Menschen Mut macht, sich aus ihrer Furcht vor dem übermächtigen Zauberer, unter dessen Knute sich alle ducken, zu befreien. Marko Bullack und Stefan Migge sind in wechselnden Rollen zu erleben und machen ihre Sache wirklich toll, vor allem als schreckhafte Ritter sind sie einfach köstlich. Stefan Migge ist zudem urkomisch als allmächtiger Zauberer, der sich in Wahrheit als lächerliche halbe Portion entpuppt. Auch der König von Christian Ruth ist ein Kaliber für sich. Trottelig-eitel macht er sich und anderen vor, Herr der Lange zu sein, wo doch jeder sieht, dass dem nicht so ist. Die Prinzessin ist bei Lysann Schläfke ein zartes, putziges Ding, anfangs launisch und gelangweilt, hat sie am Ende das Herz aber doch am rechten Fleck.

Modern, aber nicht modernistisch kommt die Geschichte daher, deren Knaller ein schräges Gefährt ist, das als Königskutsche firmiert: zwei gelbe Drahtsessel, Rücken an Rücken auf einer Pritsche mit Riesenrädern, die von einem stoisch-dienstbeflissenen Lakaien mit kuriosen Kopfbedeckungen (Martin Valdeig) umherbugsiert wird. Die Charaktere sind genau die Spur überzogen, dass alles wunderbar skurril wirkt und doch glaubwürdig bleibt. Das Publikum jedenfalls amüsierte sich bestens.

Das Stück

Nach dem Tod des Vaters erbt der älteste Sohn dessen Mühle, der zweite einen Esel und der dritte einen Kater. Das Tier jedoch beginnt bald zu sprechen, fordert vom jüngsten Müllersohn ein Paar Stiefel und versucht fortan Gerechtigkeit für seinen Herrn herzustellen. Es sorgt dafür, dass der durchs Land reisende König in Stefan einen wohlhabenden Grafen sieht, sodass dieser sich als Heiratskandidat für die Königstochter empfiehlt. Unterwegs begegnet der gestiefelte Kater verschiedenen Menschen, deren Leben von der Angst vor dem großen Zauberer geprägt ist. Schließlich trifft er selbst auf diese Schreckensgestalt und gerät in Gefahr. Doch er hat seine eigenen Mittel, um das Monster zu besiegen. (ut)

Nächste Aufführungen am Dienstag, Mittwoch, am 27. November und 1. Dezember, jeweils 10 Uhr. Kartentelefon: 0371/4000430.

www.theater-chemnitz.de

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