Schöner Schein

Im Kunsthaus der thüringischen Kleinstadt Apolda sind zurzeit Original-Siebdrucke von Andy Warhol zu sehen. Sie zeigen, wie der Künstler sich in der Kunst entbehrlich machte.

Apolda.

"Ich bin zutiefst oberflächlich", sagte Andy Warhol über sich selbst und beschrieb damit auch sein eigenes Werk kurz und prägnant. Eindrucksvoll zu sehen derzeit im Kunsthaus Apolda Avantgarde.

Das Kunsthaus befindet sich unmittelbar neben einer Baracke, die unter dem Namen "Olle DDR" ein beeindruckendes Sammelsurium von tausenden Produkten aus dem "Osten" zeigt, von deren Existenz man teilweise gar nichts wusste. So schäbig das eine von außen anmutet, so schmuck ist das andere. Auch wenn es sich bei der Avantgarde um die von gestern handelt - das Kunsthaus Apolda lockt mit Blockbuster-Namen: Hermann Hesse, George Braque, Linda McCartney, Pablo Picasso - und nun eben auch Andy Warhol.

"The Original Silkscreens" zeigt Siebdrucke aus Warhols Factory aus den 60ern bis zu seinem Todesjahr 1987 aus der Sammlung des Galeristen Heiner Friedrich. Gezeigt werden unter anderem Klassiker wie Campbells Suppendosen, "Marilyn" aus der Serie "Death And Disaster", die auch in Chemnitz zu sehen war, der unheimliche "Lenin", der lächelnde "Mao", grell betörende "Flowers" und fast schon schüchterne "Sunsets", Sonnenuntergänge. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die Serien über den "Electric Chair", den elektrischen Stuhl, und "Flash" über die mediale Reflexion des Mordes an John F. Kennedy.
Die opulenten Drucke zeigen eindrucksvoll, wie der 1928 in Pittsburgh, Pennsylvania, als jüngster Sohn einer armen Immigrantenfamilie aus der Slowakei geborene Andy Warhol die kapitalistische Warenwelt in die Kunst holte. Eine Warenwelt, die ihrerseits alles zur Ware machte, was sich irgendwie verwerten ließ - vom abscheulichen Attentat auf den US-Präsidenten bis zu den politischen Führern des verhassten, kalt bekriegten oder belächelten Ostens. Jeder Reihe sind kleine Erklärungen zur Seite gestellt, die Aufschluss über Entstehungszeit und Hintergründe geben, sich manchmal an Interpretationen versuchen, die allerdings nicht immer überzeugen. Wenn die Kuratoren etwa angesichts des Lenin-Drucks fragen, ob "Warhol mit dem Porträt des kommunistischen Revolutionärs dem Kapitalismus der USA bewusst einen Kontrast entgegensetzen wollte" oder ob mit der Reihe von elektrischen Stühlen "das Bild tatsächlich seinen Schrecken verlieren" kann, klingt das eher gut gemeint naiv.

Andy Warhol hat selbst am besten erklärt, was ihm seine Kunst war: "Ich liebe Amerika... Meine Bilder sind symbolische Aussagen über die grellen unpersönlichen Produkte und diese aufgemotzten materialistischen Objekte, auf denen Amerika heutzutage aufgebaut ist. Sie sind Projektion all dessen, was gekauft und verkauft werden kann: praktische, aber vergängliche Symbole, die uns in Schwung halten." Und so, wie er bei den Dingen an der Oberfläche blieb, sah er sich auch selbst: "Wenn ihr alles über Warhol wissen wollt, braucht ihr bloß auf die Oberfläche meiner Bilder und Filme und meiner Person zu sehen. Das bin ich. Dahinter versteckt sich nichts."

Tatsächlich versteckt Andy Warhol nichts. Seine Haltung, sein Interesse, seine Ängste zeigen sich in den Objekten seiner künstlerischen Arbeiten. Aber als könne er seiner Obsessionen, der Angst vorm Tod, den Zweifeln über seine Sexualität, am besten Herr werden, indem er auch sie in den Kontext der alles beherrschenden Warenwelt stellt, streicht er sie genau so bunt an wie ein Schaufenster im Kaufhaus Macy's. Es klingt fast verzweifelt, wenn er sagt: "Während der 1960er-Jahre haben die Menschen vergessen, was Gefühle sind. Und ich glaube, sie haben sich nie wieder daran erinnert." Stattdessen hat er erkannt: "Die Ästhetik unserer Tage heißt Erfolg." Und: "Die Gesellschaft ist so dumm, dass sie für jeden Dreck 100.000 Dollar bezahlt." - "...und ihn dann auch noch bewundert", könnte man hinzufügen. Vielleicht ist Andy Warhols revolutionärste Leistung, dass er der Kunst den Künstler entbehrlich gemacht hat.

Die bunten Drucke illustrieren eindringlich, wie Andy Warhol Kunst und Kapitalismus zusammenbrachte - zum gegenseitigen Vorteil. Und zum Nachteil der Nachgeborenen. So, wie etwa Timm Ulrichs, dessen Tassenbrunnen Chemnitz verschmähte, einen Großteil der Aktionskunst der Jahrtausendwende vorwegnahm, so diskreditierte Warhol all die Siebdrucke und die Ikonisierung von Alltagsgegenständen, die nach ihm folgten. Das hatte eben Andy Warhol schon alles gemacht... Man kann die Pop Art nicht ein zweites Mal erfinden. Aber man kann sie immer wieder anschauen - jetzt in Apolda.

Das Kunsthaus Apolda

Mit der Eröffnung im Sommer 1995 durch den Kunstverein "Apolda Avantgarde" zog das Kunsthaus Apolda überregionale Aufmerksamkeit auf sich. Ausstellungen in der 1871 fertig gestellten vormaligen Fabrikantenvilla galten seither unter anderem Max Liebermann, Lovis Corinth, Salvador Dalí, Pablo Picasso, Jean Cocteau, Karl Lagerfeld, Helmut Newton und Willy Bogner.

Die Ausstellung "Andy Warhol - The Original Silkscreens" ist noch bis zum 1. Juli dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr im Kunsthaus Apolda, Bahnhofstraße 42, zu sehen.

Weitere Informationen zum Kunsthaus

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