Soll und Haben in Leben und Werk

Heute vor 200 Jahren wurde Gustav Freytag geboren, der als Bestseller- Autor zu seiner Zeit Größen wie Goethe den Rang ablief. Warum geriet er danach fast in Vergessenheit?

Gotha.

Die meistgelesenen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sind Goethe, Fontane, Storm? Keineswegs! Gustav Freytag, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, war zu seinen Lebzeiten einer der meistgelesenen Schriftsteller. Allein sein bekanntester Roman "Soll und Haben" brachte es auf sagenhafte 47 Auflagen, er hatte gegen Lebensende jährliche Einnahmen in sechsstelliger Höhe. Doch Freytag war eine Existenz mit Höhen und Tiefen, im Leben und im Schreiben.

Geboren wurde der Schriftsteller am 13. Juli 1816 in Kreuzburg in Oberschlesien. Zunächst schlug er eine Universitätslaufbahn ein und promovierte, freundete sich aber auch mit Heinrich Hoffmann von Fallersleben an. 1848 wurde er dann in Leipzig Mitherausgeber der Zeitschrift "Der Grenzboten". Mehr als zwanzig Jahre schrieb er für das Blatt, Freytag war ein politisch aktiver Mensch. Als er wegen kritischer Beiträge zur Niederschlagung des schlesischen Weberaufstandes steckbrieflich gesucht wurde, wandte er sich an seinen Gönner und Freund, Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, der ihm Asyl gewährte: In Siebleben bei Gotha, wo er sich ein Haus kaufte, sollte bald darauf ein wesentlicher Teil seines künstlerischen Werkes entstehen.

Die Vorzüge seiner Bücher sind zunächst die gut recherchierten historischen Fakten. Der Historiker Jürgen Kuczynski nannte einmal Freytags "Bilder aus der deutschen Vergangenheit, die zwischen 1859 und 1867 entstanden, ein ganz wesentliches Werk der historischen Erkundung des Alltags des deutschen Volkes". Freytag hatte für seine deutsche Kulturgeschichte, die schließlich von 1500 bis in die Vorgeschichte der Revolution von 1848 reichte eine glänzende Idee: Er bot zu den knapp erzählten einzelnen Zeitabschnitten immer einen authentischen Text aus jenen Jahren, der Freytags eigene Darstellung illustrierte und vertiefte.

Die fünf Bände "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" wurden ein großer Erfolg. Später würde er dann in einer Romanreihe "Die Ahnen" sozusagen die germanische Frühgeschichte folgen lassen. Aber erst einmal erschien "Soll und Haben" (1855): Es ist die Geschichte des erfolgreichen Kaufmanns Anton Wohlfahrt und seines kriminellen jüdischen Gegenspielers Veitel Itzig. Man hat Freytag wegen dieser Darstellung des Antisemitismus bezichtigt, aber er beschrieb in anderen Arbeiten oft sein Verständnis für die Lage der Juden. "Soll und Haben" wurde jedoch ein Bestseller, dem dann 1864 ebenso erfolgreich "Die verlorene Handschrift" (1864) folgte. Sein Stil und der strenge Aufbau seiner Werke war jedoch stark in der Zeit verhaftet, sodass seine Werke später nicht mehr so gern gelesen wurden.

Zur Beschreibung seines Lebens gehören auch seine persönlichen Beziehungen: Dass er 1875, nachdem seine erste Ehefrau gestorben war, in das Bett der Hausgehilfin stieg, die ihm einen Sohn gebar, den er lange verschwieg. Dass er sich von ihr löste, um eine Liebesgeschichte mit der Frau eine Wiener Professors zu beginnen und sie heiratete.

Am 30. April 1895 starb Gustav Freytag in Wiesbaden. Heute, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, verdienen seine "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" eine Wiederentdeckung - sie sind wie seine Romane gut erzählte, unterhaltsame und bewegende Literaturstücke.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...