Staatsschauspiel Dresden: Heiße Luft im Ärztehaus

"Professor Bernhardi" im Staatsschauspiel Dresden: Die neue Spielzeit startet mit vielen Spielern und wenig Spannung.

Dresden.

Alles auf Anfang. Mit Beginn der Spielzeit 2017/18 leitet Intendant Joachim Klement das Dresdner Staatsschauspiel. Neue Gesichter erobern die Bühne. Eröffnet wurde nun mit vier Premieren vorm Wahlsonntag: War da nicht ein politisch-brisantes Feuerwerk zu erwarten? In Tagen des scharfen Tons, der vagen Versprechungen und der dreckigen Kampagnen bietet sich Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" durchaus als Premierenstartschuss an. Der fiel am vergangenen Freitag im Schauspielhaus. Und nicht weniger als 18 Ensemblemitglieder konnten sich zeigen.

Alles tanzt. Wenn auch etwas steif. Aber dafür im Schottenrock, mit Scherenhänden und Cowboyhütchen. Burlesk aufgebrezelt hat sich das sonst weißbekittelte Ärzte-Team um Professor Bernhardi zum alljährlichen Frühjahrsball des Elisabethinums. Kurz scheint das über allen Köpfen schwebende Dilemma im Diskolicht vergessen zu sein.

Doch das clowneske Treiben verflüchtigt sich rasch, der Kater folgt, und Bernhardis Sorgen nehmen zu. Einem Priester hat er die Erteilung eines Sterbesakraments verweigert, weil eine Patientin kurz vorm Sterben sich ihres Zustandes nicht bewusst ist. Bernhardi wollte ihr die Todesgewissheit ersparen. Sein spontanes menschliches Handeln wird nun zum Politikum. Die Schirmherrschaft der Klinik tritt zurück, Freundschaften zerbröseln, und der Jude Bernhardi muss vor Gericht. Überall schlägt ihm Antisemitismus entgegen.

Sowohl vom Zuschauerraum als auch von der Hinterbühne verfolgt das Publikum das Geschehen auf der sparsamen, laufstegartigen Bühne von Matthias Werner. Die erste Reihe gehört den Spielern. Zwischen Seifen- und Wasserspender kreiselt die debattierfreudige Ärzteschar. Mit Liebe zum Text entfaltet sich die brisante Klinikkomödie. Redegewandt ficht man Revierkämpfe aus: Diagnose hin, Visite her und Brille auf, Brille ab ... Inszenatorisch zeigt das die neue Hausregisseurin Daniela Löffler ganz in der Tradition des psychologischen Realismus. In diesem literarischen Irgendwo sprechen allerdings die Figuren mehr, als sie spielen. Und das politische Potenzial des Stückes gelangt nicht einmal in die Nähe der gegenwärtigen Wahlurne. Raiko Küsters Bernhardi-Figur ist eine überzeugende Charakterstudie. Eloquent, geradlinig und sympathisch wirkt sein kluger Einzelkämpfer. Auch Dominik Maringer weiß Bernhardi einen glatten, selbstsüchtigen Dr. Ebenwald entgegenzustellen. Und nicht zuletzt gelingt Lukas Rüppel eine witzige Karikatur des Assistenten Hochroitzpointner. Doch so hitzig Wortgefechte aufblitzen und vielköpfige Sitzungen sich im verbalen Schlachtgetümmel verlieren, diese Inszenierung bleibt knochentrocken und ohne Sogwirkung. Einfalls- und mutlos wirkt die Regie. Lediglich ein paar verabredete Bewegungen in Zeitlupe sorgen für bildhafte Abwechslung. So bleibt die Frage: Was will dieser Abend? Wahrscheinlich nur jedem Darsteller Spielgelegenheit geben. Doch so verpufft der Startschuss zur neuen Spielzeit eher als lasche Knallerbse.

Nächste Aufführungen des Stücks "Professor Bernhardi" im Staatsschauspiel Dresden 30. September und 3. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 0351/4913555. www.staatsschauspiel-dresden.de

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