Wo die Terroristen wohnten

Ein Chemnitzer Theatertreffen schlägt den Bogen vom NSU-Komplex hin zu aktuellen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen

Chemnitz.

Der Nationalsozialistische Untergrund, kurz NSU, beschäftigt nicht nur die Justiz in München und diverse Untersuchungsausschüsse, sondern auch die Menschen der Region. Denn in Zwickau und Chemnitz wohnte und waltete das Terrortrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe jahrelang unbehelligt. Wie konnte es dazu kommen? Das Chemnitzer Theatertreffen "Unentdeckte Nachbarn" widmet sich ab 1. November elf Tage lang künstlerisch dem Thema. Sarah Hofmann sprach mit Organisator Franz Knoppe.

Freie Presse: Wie kamen Sie dazu, sich mit dem NSU zu befassen?

Franz Knoppe: Weil ich , zwei Jahre nachdem der NSU aufgeflogen ist, in Zwickau gewohnt habe. Am zweiten Jahrestag befand sich ein Kamerawagen auf der Frühlingsstraße, sonst war niemand weiter da. Ich wollte einfach mehr darüber wissen. Es gab im Anschluss an diesen Jahrestag noch eine Podiumsdiskussion im Alten Gasometer. Und da lag eine Spannung in der Luft, die konnte man richtig durchsägen.

Was war das für eine Grundstimmung dort?

Da wurde überhaupt nicht verstanden, was denn der NSU mit Zwickau zu tun hat. Die kommen doch aus Jena, es ist doch die Thüringer Terrorzelle - die kommen nicht von hier, die kommen von dort. Das habe nichts mit ihrer Stadt zu tun. Das war für mich verwunderlich. Wie diese Frage, was das Trio - heute weiß man, dass es sich eher um ein Netzwerk handelt - mit dieser Stadt zu tun hat, so schnell abgetan werden konnte.

Hat der NSU denn nun etwas mit Zwickau zu tun?

Auf jeden Fall. Zum einen diente ihm die Stadt über zehn Jahre lang als Unterschlupf, die Terroristen haben in der Polenzstraße gewohnt, dann an der Frühlingsstraße und noch an einem anderen Ort. Es ist auch ein Ort, an dem Taten geplant wurden. Also hat die Stadt etwas damit zu tun, genauso wie es auch Verbindungen zu Chemnitz gibt. Die Frage, inwiefern die Menschen etwas damit zu tun haben, inwiefern Beziehungen in die Stadt hineinreichen, wird bis heute noch untersucht - weniger vor Gericht, aber von Untersuchungsausschüssen.

Was können die Städte gegen das Image als Ort des Terror-Trios tun?

Man kriegt das Image nicht los, indem man nicht mehr darüber spricht. Ich glaube, man muss aktiv damit umgehen. Andere Städte machen das. Jena zum Beispiel, hat sich der Sache relativ schnell gestellt und hat ein großes Festival und eine Konferenz zu dem Thema "Sie kamen von hier" veranstaltet und ist recht offensiv damit umgegangen.

Und Sie tragen die künstlerische Aufarbeitung nun nach Sachsen?

Wir veranstalten das Theatertreffen "Unentdeckte Nachbarn". Theatertreffen, nicht Festival - denn Festival klingt immer so nach Feiern und das wird dem Thema nicht ganz gerecht. Wie bei einem Theaterfestival laden wir aber Theaterstücke ein und bieten ein Begleitprogramm.

Warum Theater und keine rein sachlich-politischen Podiumsdiskussionen und Aufarbeitungen?

Unsere Kuratorin Laura Linnenbaum hat mal gesagt: Der NSU-Komplex ist zu komplex. Es gibt wahnsinnig viele Facetten, Perspektiven und Ebenen - sei es die Polizeiarbeit, die neonazistischen Strukturen, das Versagen des Verfassungsschutzes. Das kann man sachlich angehen, aber da werden so dicke Bücher darüber geschrieben, dass man es kaum erfassen kann.

Und Kunst kann das?

Ja, die Kunst kann Dinge theatral und emotional fassbar machen.

Wie sind Sie an die Theaterstücke herangekommen?

Unsere künstlerische Leiterin hat sich über achtzig künstlerische Auseinandersetzungen angeschaut, darunter sind auch Ausstellungen und Installationen gewesen. Wir haben dann einige eingeladen und tatsächlich die bekommen, die wir auch wirklich gut fanden.

Zum Beispiel?

Das Stück "Urteile" vom Residenztheater München, dort geht es um die dortigen Opfer des NSU und wie in den migrantischen Milieus ermittelt wurde. Auch "Die Lücke" ist sehr empfehlenswert, es setzt sich mit dem Nagelbomben-Attentat in Köln auseinander.

Nimmt hier die Kunst nicht die reale Aufarbeitung vorweg?

Wie ich die Kunst verstehe, versucht sie das Thema eher abzubilden. Die meisten Werke, die es zum Thema gibt, sind sowieso eher dokumentarisch. Ich erlebe in den Stücken jetzt keine Verurteilung der Polizeiarbeit oder so etwas. Oft ist es eher ein Unbehagen, dass die Kunst darstellt.

Ist es die Aufgabe der Kunst, also auch des Theatertreffens, Statements zu setzen und Widerstand gegen aktuelle radikale Strömungen zu leisten?

Es ist nicht "die" Aufgabe von Kunst, aber es ist auch eine Aufgabe. Genauso wie es die Aufgabe von Politik und Medien ist. Wir haben das Grundgesetz und das garantiert Meinungsfreiheit, doch in dem Moment, wo Akteure auftreten, die die Meinungsfreiheit dazu benutzen, sie abzuschaffen oder die Freiheit anderer Menschen einzuschränken, dann wird es kritisch. Dann hat auch die Kunst die Aufgabe, das zu thematisieren, Fragen zu stellen und ihre Sicht der Dinge einzubringen, sodass sie politisch wird.

Bindet das Theatertreffen auch aktuelle Ereignisse ein?

Wir wollen kein Geschichtstreffen machen und zeigen, wie war das damals vor fünf Jahren? Sondern wir wollen zeigen, dass das Ganze kein Zufall war. Es ist ein riesiges Symptom, das bis heute andauert. Das sieht man ja auch an den Anschlägen auf die Dresdner Moschee, das sieht man an der rechtsradikalen Gruppe "Oldschool Society", die erst kürzlich vom Verfassungsschutz aufgedeckt wurde, der Clausnitz-Fall zeigte unlängst, wie schnell sich Menschen aufwiegeln lassen. Das Thema ist also brandaktuell.

Höhepunkte des Programms

Das Theatertreffen beginnt am 1. November um 19.30 Uhr im Chemnitzer Schauspielhaus. Dort wird auf der großen Bühne das Stück "Die Lücke - Ein Stück Keupstraße" gezeigt.

Die Eigenproduktion der Chemnitzer Theater "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" feiert am 2. November im Ostflügel des Schauspielhauses seine Premiere, am 3. November wird das Stück um 11 Uhr erneut gezeigt.

In einem Podium wird am 3. November im Lokomov um 19.45 Uhr die Frage "Wie politisch müssen Kunst und Theater sein?" diskutiert.

Das dokumentarische Theaterstück "Urteile" wird am 6. November um 19.30 Uhr im Schauspielhaus gezeigt.

Die Tanzperformance "Situation mit Doppelgänger" zeigt die Auseinandersetzung der Theaterakademie August Everding, München, mit dem NSU-Komplex. Beginn der Veranstaltung ist um 20 Uhr im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses.

www.unentdeckte-nachbarn.de

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