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Der Trabant als Cabrio - unter italienischer Sonne.

Foto: goernerfilm

"Wolle auf Asphalt": Dokumentation über Trabant 601 auf DVD

3.096.099 Mal lief der 601 in Zwickau vom Band - und war damit der meistgebaute Trabant. Ein Film erzählt seine Geschichte. Und verrät, warum ein Chemnitzer mit diesem Trabi noch heute über Sardiniens Straßen fährt.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 08.01.2018

Zwickau. Er war das Symbol einer erzwungenen Gleichheit - und das Symbol der gesellschaftlichen Stagnation: der Trabant 601. Dass er es inzwischen sogar bis nach Sardinien geschafft hat, gehört zu den ungewöhnlichen Geschichten, die Eberhard Görner in seinem Film "Wolle auf Asphalt" erzählt.

Der Film beginnt am Meer, auf Sardinien - auf Straßen, für die das kleine Auto nicht vorgesehen war. Dort fährt der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Carl Hahn ab und zu einen Trabant Cabrio, hergestellt kurz vor der Einstellung der Produktion des "Volkswagens" der DDR.

Die nächsten Bilder erwartet man dann schon eher, wenn es um das "Experiment Trabant" geht, dem der Regisseur Eberhard Görner seinen Dokumentarfilm gewidmet hat: Eine Kolonne bunter Trabis ist unterwegs auf den leicht maroden Straßen des Zwickauer Landes. Und dann ein älterer Herr inmitten alter Maschinen: "Man kam sich vor wie in einem Textilbetrieb."

So erinnert sich Werner Lang an die Autoproduktion. Der jetzt erschienene Film ist vor allem eine Hommage an ihn, den einstigen Chefkonstrukteur und Technischen Direktor des VEB Sachsenring Zwickau. Er gehörte zu den "Vätern" des Trabant 601. Geboren 1922 in Bermsgrün im Erzgebirge, lernte Lang zunächst Former, studierte danach Maschinenbau und Kraftfahrzeugtechnik in Zwickau.

1941 zum Kriegsdienst eingezogen, fand er 1944 zu den italienischen Partisanen. Nach dem Krieg beendete er sein Studium, arbeitete ab 1949 zunächst bei Horch in Zwickau - nach dem Zusammenschluss der Audi- und Horch-Werke beim VEB Sachsenring, wo er zum Chefkonstrukteur avancierte. Die Voraussetzungen für den Automobilbau in der jungen DDR waren denkbar schlecht. Görner ist zu danken, dass er mit Werner Lang, der 2013 verstarb, noch lange Interviews über die Entwicklung des Trabant, Schwierigkeiten und Erfolge des meistgebauten Fahrzeugs in der DDR und die Behinderungen bei seiner Weiterentwicklung führte.

Angefangen von der Suche nach einem Blechersatz - die DDR litt unter ihrer eigenen Wirtschaftsdoktrin, einem Wirtschaftsembargo der westlichen Staaten und chronischer Devisenknappheit - bis hin zum "schwarz" gebauten Prototyp des Trabant 601, der Lang fast eine empfindliche Strafe eingebracht hätte.

Den Trabant 601 entwickelte Lang mit Wolfgang Bartel und anderen gemeinsam - Bartel erfand die Kunststoffhülle des Trabi. Diese war nicht aus "Pappe", sondern aus einem Duroplast aus gepresster billiger Baumwolle und Phenolharzen. Dass von 1964 an dieser Trabant 3.096.099 Mal gebaut werden würde, ahnte Lang damals nicht. Einen Produktionszyklus von drei, vier Jahren hatte er angenommen, danach sollten neue Modelle folgen. Doch es kam anders.

Zwar wurde der Trabant sogar ins westliche Ausland, nach Griechenland, Holland, Finnland oder Island exportiert, aber in der DDR wurde er "sowohl Symbol sozialer Gleichheit als auch Symbol der Erstarrung des Systems", wie es in einem Kommentar des Görner-Films heißt.

In Zwickau wurden später noch 16 verschiedene Automodelle entwickelt, erzählt Lang, darunter das erste Vollheckfahrzeug, lange vor dem VW Golf. In Serie ging keines, was die Zwickauer zunehmend frustrierte. Trotzdem widerstand Lang allen Rufen aus dem Westen: "Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, das hätte mir mein Vater nie verziehen." Aber es klingt an, wie sehr es die begabten Ingenieure und die Arbeiter belastet haben muss, immer nur für die Schublade zu forschen, zu entwickeln - und dann mit leeren Händen dazustehen.

Aber "der Westen" wusste um die Qualitäten der Zwickauer Autobauer. Eberhard Görner interviewte neben dem Vorsitzenden eines Schweizer Trabi-Klubs auch Carl Hahn, 1926 in Chemnitz geboren, später maßgeblicher Initiator der Kooperation zwischen VW und dem VEB Sachsenring, die letztlich dazu führte, dass mit dem neuen VW-Werk in Mosel die Fahrzeugproduktion und tausende Arbeitsplätze in Zwickau erhalten blieben.

Hahn würdigt den Trabant als "Kind einer extremen Not" - "man musste mit dem, was man hatte, etwas zaubern". Und wenn man diesen Arbeitern bessere Maschinen und Technologien zur Verfügung stellte, dann würden natürlich noch bessere Autos herauskommen, war Hahn überzeugt, als VW den Zwickauern auch nach 1989 vertraute.

In den Erinnerung von Werner Lang scheinen noch einmal einige der Aspekte auf, die zum Untergang der DDR führten: ein starres, zentralistisches System der Planwirtschaft, eine unbewegliche, aber ausgeprägte Hierarchie, zahlreiche politische Vorgaben und Zwänge, die sich weder an Ökologie noch technologischem oder gestalterischem Fortschritt orientieren. Leider kommen die Sachsenring-Arbeiter kaum zu Wort, aber aus den Worten Werner Langs ist oft der Stolz auf die Zwickauer Autobauer zu hören, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz bemühten, die Wartezeiten auf einen Trabant wenigstens nicht noch weiter ansteigen zu lassen.

Der Film ist ein liebevolles Dokument eines ganz speziellen Teils der DDR- und Automobilgeschichte. Manchmal hätte man sich noch etwas zugespitztere Formulierungen und ein dramatischere Erzählweise vorstellen können, doch das ändert nichts an dem zeitgeschichtlichen Wert des Films.

Den Film gibt es auf DVD für 20 Euro. Bestellen kann man diese per E-Mail: goernerfilm@gmx.de. Zu sehen gibt es die Dokumentation am 14. Januar ab 18 Uhr im Union-Kino Berlin-Friedrichshagen, Bölschestraße 69, Telefon: 030 65013141.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
1
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 09.01.2018
    17:05 Uhr

    Freigeist14: Zitat :"Er war das Symbol einer erzwungenen Gleichheit - und das Symbol der gesellschaftlichen Stagnation." Während Punkt 2 jeder unterschreiben kann ist der Hinweis auf einen "Gleichheitszwang" das *****Hohelied auf den Zeitgeist,der das Individuum über alles stellt.
    Die Filmemacher sind da objektiver und nennen den Trabant "das Symbol sozialer Gleichheit aber auch Symbol der Erstarrung des Systems".

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