Zeitgeist pur: ein Frieden stiftender Papst auf Abwegen

Die letzte Premiere in der aktuellen Spielzeit im Eduard-von-Winterstein-Theater war ein Glücksgriff. In vielerlei Hinsicht.

Annaberg-Buchholz.

João Bethencourt hat sein erfolgreichstes Stück "Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde" Angelo Giuseppe Roncalli gewidmet, der als Papst Johannes XXIII. in die Geschichtsbücher eingegangen ist - der naive Bauernsohn, der die Kirche revolutionierte. Der in Brasilien lebende Autor konnte zu dieser Zeit noch nicht wissen, dass sich reichlich 30 Jahre später ein Argentinier anschicken würde, ähnlich revolutionäres Gedankengut aus dem Vatikan verlauten zu lassen: Papst Franziskus. Und der aufmerksame Theaterbesucher entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Kirchenoberhäuptern, die sich gern dem offiziellen Protokoll entziehen und sich unter das Volk mischen. Allein schon deshalb ist die letzte Premiere in der aktuellen Spielzeit im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz so nah an der Gegenwart, wie selten ein Stück.

Seit der Uraufführung des Stückes 1972 ist das Theaterpublikum immer wieder hingerissen von der verrückten, mit jüdischem Witz und Situationskomik gespickten warmherzigen Satire Bethencourts - auch das Premierenpublikum am Sonntagabend im Wintersteintheater. Umso mehr, da die Rolle des Papstes mit Gerd Schlott - dem Erfahrensten in der Schauspielerriege an diesem Abend - wunderbar besetzt ist.

Und dann ist da noch diese verrückte Idee des Samuel Leibowitz, der als jüdischer New Yorker Taxifahrer nicht nur den Papst entführt, sondern für dessen Freilassung einen ganzen Tag Frieden auf der Welt fordert. Einer, der die Ameisen in seinem Garten mit Dynamit bekämpft und im Gebäude der Vereinten Nationen aus Protest gegen die Ungerechtigkeit der Welt schon mal die Hosen runter lässt. Einer, der zwar manchmal auch Angst vor seiner eigenen Courage bekommt, insgesamt aber dennoch ein liebenswerter Kerl ist - ebenso gespielt von Udo Prucha. Und er schafft es tatsächlich, seine auf nach Fleischsalat riechendem Butterbrotpapier gekritzelte Forderung wird tatsächlich erfüllt: Für einen Tag schweigen in aller Welt die Waffen. Mehr noch - es gibt keine böse Nachbarschaftsstreitigkeiten und keine Familiendramen, sogar im Straßenverkehr benehmen sich alle zuvorkommend. Für einen Tag regiert der Frieden auf der Welt. Der Papst ist tief beeindruckt. Und Franziskus wäre es wohl auch, würde er diesen Samuel Leibowitz kennen.

Dennoch: Bei allem Witz und aller Situationskomik in der Inszenierung von Christine Zart bleibt am Ende auch Nachdenklichkeit, wenn Samuels Frau Sara nach dem Ablauf des Ultimatums die sofort wieder einsetzendes Todesmeldungen aus aller Welt mit dem Satz kommentiert: "Die Welt ist wieder normal."

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