25 Jahre Botschafterin unserer Zeitung

Brigitte Streek lebt nicht mehr. Was sie hinterlässt, hält aber die Erinnerung an unsere langjährige Fotografin lebendig. Und so soll es sein.

Annaberg-Buchholz.

Wir haben sie in die Unterwelt der Berge klettern lassen und fliegen bis rauf an die Wolken, mit ihrer stets über die Schulter hängenden Kameratasche war sie bei prominenten und einfachen Leuten, hat sich mit ihnen gefreut und wenn nötig mit ihnen geweint. Denn sie ist eins immer geblieben: auf dem Boden.

Wir haben sie bei größter Hitze und ärgster Kälte durch die Lande ziehen lassen, mit Aufträgen von Herold bis Oberwiesenthal, von Elterlein bis Jöhstadt. Anfangs ist sie mit einem Roller durch die Dörfer getourt, später mit einem Trabi, dann mit einem kleinen Opel. Immer dabei: die schwere Umhängetasche, jenes Utensil, das sie unverwechselbar machte und ihrer Hüfte zusetzte.


Wir haben sie mit allem konfrontiert, was eine Lokalzeitung so abwechslungsreich macht, vom Sportplatz bis zum Theater, vom Kino bis zur Schwimmhalle, von der Produktionsmaschine bis ins schicke Büro, vom Kirchen- zum Rockkonzert. Sie war auch dann zur Stelle, wenn es brenzlig gewesen ist - beim Klinikbrand in Annaberg, bei tiefsten Schneeverwehungen am Fichtelberg, bei der Hochwasserkatastrophe im gesamten Landkreis, beim Flugzeugabsturz im Greifensteingebiet ... Überall konnte und durfte sich unsere waschechte Erzgebirgerin, die 1946 in Annaberg geboren worden war, sehen lassen. Und immer hat sie das Entscheidende mitgebracht - schicke Fotos für die "Freie Presse", bei der sie ab dem 1.Mai 1990 eine Anstellung gefunden hatte.

Das wollte sie eigentlich immer, hatte deshalb in ihrer Heimatstadt eine Lehre als Fotolaborantin begonnen, die sie später in Sehma beendete. Danach arbeitete sie im Fotolabor Müller in Annaberg-Buchholz und erweiterte ihr Können in der Abendschule in Karl-Marx-Stadt mit dem Abschluss als Fotografin, durfte später das Konsum-Fotolabor in Sehma übernehmen und nach der politischen Wende ab 1990 als Bildberichterstatterin für die Lokalredaktionen Marienberg und Annaberg arbeiten.

Wie im Beruf, so wurde sie auch privat gefordert. Noch während der Ausbildung wurde Brigitte Streek als 18-jährige Mutter einer Tochter, 13 Jahre später kam ein Sohn hinzu. Sie meisterte mithilfe der Familie auch die schwierigsten Phasen, vor allem die schrecklichste, als ihre Tochter aus dem Leben schied. Halt gaben ihr stets die Eltern und der Sohn, der mit Florentine und Kurt für Enkel - und eine stolze und fürsorgliche Großmutter - sorgte. "Dienstags ist Oma-Tag", pflegte Brigitte Streek zu sagen. Sie genoss diese Stunden besonders.

Dunkelkammer, Rotlicht und Entwicklungschemikalien, später digitale Fotografie, die Jahre als angestellte und später freiberufliche "Fotogräfin" waren spannend und interessant. Art Garfunkel stand genauso vor ihrer Linse wie Heino und Helge Schneider, wie Bundeskanzler Kohl, Bundespräsident Köhler und Kanzlerin Merkel. Ihr waren aber die einfachen Leute genauso wichtig, die an Maschinen, auf Äckern, in Kirchen, in Vereinen, Chören ...

"Frau Streek, können sie nicht für uns ein paar Abzüge mit machen", hat sie hundertfach gehört und diese Bitten hundertfach erfüllt. Oft, ohne nach Geld zu fragen. Brigitte Streek war zweieinhalb Jahrzehnte die Botschafterin der "Freien Presse" an den Brennpunkten, stets freundlich, immer zuverlässig. Und wenn dann doch mal ein Termin platzte und eine Lücke zu drohen schien, gab's zum Glück noch ihre Lieblinge. Wie oft, wissen wir nicht. Aber wir sind sicher, dass Kater Benno und Katze Lissy nicht nur einmal notgedrungen zu kleinen Stars in unserer Ausgabe wurden.

25 Jahre lang war Brigitte Streek für die Leser unterwegs, hatte selten ein freies Wochenende, war mal früh morgens, mal spät in der Nacht auf Achse. Und immer hinter der Kamera, denn davor wollte sie selbst nicht stehen. So war sie eben, die Brigitte Streek, die tausenden Menschen begegnete, die Kindern und Rentnern, Sportlern, Politikern und Künstlern mit ihren Fotos Ausdruck verlieh und sie glücklich machte. Am 4. August 2019 hat sie ihre Augen geschlossen, schwer erkrankt, aber wie all die Jahre nicht klagend.

Durch Deine Bilder wirst Du weiterleben, werden wir noch in Jahren an Dein Tun erinnert. Wir verabschieden uns mit einer tiefen Verbeugung und in großer Dankbarkeit! Deine Kolleginnen und Kollegen der "Freien Presse".

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