9000 Kilometer in 30 Tagen - Mit der Simson um die Ostsee

Ein 19-Jähriger aus Chemnitz hat sich an sein bisher größtes Abenteuer gewagt. Spontan war auch noch ein Abstecher ans Nordkap drin. Sein 39 Jahre altes Moped hat ihn vor allem in einer Hinsicht überrascht.

Chemnitz.

Der Umweg war nicht geplant. Aber als Alexander Herrmann mit seiner Simson am nördlichsten Punkt der Ostsee angekommen war, dachte er, das könne noch nicht alles sein. Kurzerhand entschied er sich, auch noch einen Abstecher zum Nordkap zu machen. Das bedeutete einen Umweg von 1600 Kilometern hin und zurück. Bei insgesamt 9000 Kilometern, die am Ende der Reise auf dem Tacho standen, erscheint das wie ein Katzensprung.

Die Idee zu dem ehrgeizigen Projekt kam dem 19-Jährigen im vergangenen Sommer. Da fuhr er mit seinem Moped in zehn Tagen nach London. Eher so aus Spaß habe er dann nachgesehen, wie viele Kilometer eine Tour rund um die Ostsee wären. Nach ein bisschen Rechnen wurde die Sache schließlich ernst. Der Industriemechaniker-Lehrling nahm Urlaub, feierte Überstunden ab und war 30 Tage unterwegs. Täglich saß der junge Mann mindestens zehn Stunden auf der 3,6 PS starken und maximal 60 Kilometer pro Stunde schnellen Simson, war in den baltischen Ländern, Russland, Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark. Das sei die ersten drei Tage lang anstrengend gewesen, danach wurde der Ablauf zur Routine: Aufstehen, Zelt abbauen, fahren, Zelt wieder aufbauen. Manchmal übernachtete er auch kostenlos bei Fremden, was er über das Internetportal Couchsurfing vereinbarte.

Besonders kurz war sein Aufenthalt in Russland. Er wollte an der estnischen Grenze einreisen. Doch die Grenzbeamten kannten das Konzept eines Saison-Kennzeichens, das nicht in den Papieren steht, nicht. Drei Stunden habe er dort zugebracht, ab 4 Uhr morgens. Immerhin hätten ihm die Zöllner Kaffee gekocht. "Ich kann kein Russisch und die konnten nur Russisch", schildert er das Problem. Schließlich habe ein Busfahrer übersetzen können. Die Zollbeamten riefen bei der Zentrale in Moskau an, wo sein Moped registriert wurde, und Herrmann durfte passieren. Einige Stunden später erreichte er St. Petersburg. Doch dort habe es geregnet, er habe sich ein paar Sehenswürdigkeiten von außen angesehen und sei dann weitergefahren. Knapp 400 Kilometer legte er zurück - und kam noch am selben Tag an der Grenze zu Finnland an. Doch die Zöllner wollten ihm nicht glauben, dass er mit diesem für sie abenteuerlichen Gefährt die ganze Strecke an einem Tag zurückgelegt haben soll. Sie riefen beim estnischen Grenzübergang an, wo man sich noch lebhaft an den exotischen Reisenden erinnern konnte. Die Zöllner an der finnischen Grenze machten ein privates Foto mit dem Deutschen, und er konnte weiter.

Eigentlich war der nördlichste Punkt am Eingang des Polarkreises, 120 Kilometer nördlich der Ostsee in Finnland als Ziel geplant. Doch als er in der Stadt Oulu war, entschied er sich fürs Nordkap. Da er hörte, dort oben gebe es oft hunderte Kilometer lang keine Tankstelle, füllte er neun Liter Benzin in Wasserflaschen ab und verstaute sie in seinem Gepäck. Damit hätte er eine Tankfüllung - in die Simson S50 passen 9,5 Liter - gut improvisieren können. Norwegen sei der Höhepunkt seiner Reise gewesen, sagt Herrmann. Rechts der Atlantik, vor ihm die Straße, links die steile Felswand. Selbst für den ersten Gang sei das grenzwertig steil gewesen. Doch zur Not hätte er eben geschoben, sagt Herrmann. Selbst, wenn ihm jemand angeboten hätte, das Moped aufzuladen - er hätte es abgelehnt. Kurz vor dem Nordkap verbrachte er ein paar Stunden im Zelt. Das baute er 2 Uhr nachts ab und war 3 Uhr am Nordkap, bei Mitternachtssonne und als einziger. "Das war sehr beeindruckend", erinnert er sich.

Beeindruckend sei auch gewesen, dass er auf der 30-tägigen Fahrt kein einziges Mal sein Werkzeug auspacken musste, ganz im Gegenteil zur London-Reise. Im Gepäck hatte er unter anderem acht Liter Zweitaktöl, Schläuche, Bowdenzüge für das Gas, einen Kupplungshebel, Teile für die Elektronik und 15 Zündkerzen. "Aber ich musste nicht eine einzige Zündkerze austauschen", sagt Herrmann. Seine Simson, die den Namen Luisa trägt, ist immerhin Baujahr 1977. Sein Opa schenkte sie ihm 2013 zu Weihnachten. Nur eine Panne gab es mit Luisa. Doch da half auch das Werkzeug nichts. Kurz nachdem er die deutsche Grenze in Flensburg passiert habe, fielen die Fußrasten ab. In einer Werkstatt wurde der Schaden behoben. "Irgendwann löst sich eben jede Schweißnaht", so Herrmann.

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