"Applaus" für einen Musikclub

Die "Alte Brauerei" in Annaberg-Buchholz hat einen Preis für ihr Livemusikprogramm erhalten. Doch wie schaffen es die Macher, Künstler aus aller Welt in die Provinz zu locken?

Annaberg-Buchholz.

Im Mai 1993 stand die erste Band auf der Bühne der "Alten Brauerei". Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist die Tausender-Marke weit überschritten. "Mittlerweile sind es sicher um die 1200 Bands, die bei uns gespielt haben", sagt Jens Roscher. Er ist für das Booking in dem Annaberger Club zuständig. Das heißt, er hält Kontakt zu Musikern, Bands, Künstlern und Agenturen und sorgt dafür, dass sie im Veranstaltungskalender der "Alten Brauerei" auftauchen. 40 Konzerte finden in dem Club an der Geyersdorfer Straße pro Jahr im Schnitt statt. Hinzu kommen Lesungen, Auftritte von Comedians und Co. Unterm Strich macht das bis zu 80 Veranstaltungen.

Zwar kann sich Annaberg nicht mit Großstädten wie Berlin, Leipzig oder Hamburg messen. Doch geht es um das Thema Musikclub, kann die Kreisstadt durchaus mithalten. Der Beweis ist ein Preis, den die "Alte Brauerei" vor Kurzem erhalten hat -den "Applaus 2018". Bereits zum sechsten Mal wurde dieser von der Initiative Musik vergeben. Gewürdigt werden damit die Programmplanungen unabhängiger Spielstätten in der gesamten Republik. Aus Sachsen gehörten sieben Clubs zu den Gewinnern. Einer davon steht in Annaberg-Buchholz. "Es ist genial, dass wir den Preis bekommen haben", so Jens Roscher. Neben der Anerkennung gab es noch 7500 Euro Preisgeld obendrauf. Das soll in neue Technik und natürlich die Künstler investiert werden.

Einfach ist das Geschäft nicht, gibt Jens Roscher zu. Um sich Experimente und Nische erlauben zu können, die normalerweise auch weniger Publikum bedeuten, braucht es auf der anderen Seite ausverkaufte Konzerte. Und natürlich dürfen auch große Namen nicht im Repertoire fehlen. Einer der diesjährigen Höhepunkte war das Konzert des Singer-Songwriters Faber aus der Schweiz. Doch der Vorteil von kleinen Clubs ist es auch, dass die Besucher dort noch echte Entdeckungen machen können - eben bevor sie irgendwie alle anderen auch kennen. Jens Roscher hat ein Händchen dafür, das Potenzial der Künstler zu sehen. So spielte beispielsweise AnnenMayKantereit in der "Alten Brauerei" kurz bevor sie zu den großen Stars auf den Festivals in ganz Deutschland wurden. Auch The BossHoss waren Anfang der 2000er in Annaberg-Buchholz zu Gast, kurz darauf kannte sie fast jeder in Deutschland und das bis heute.

Aber die Musikbranche hat sich verändert. Kleine Bands bekommen laut Jens Roscher immer weniger Gelegenheit aufzutreten. Das hat Auswirkungen. So sei es für Jugendliche heute einfach nicht mehr so cool, eine Band zu gründen. Darunter leidet die Vielfalt. Auf der anderen Seite gibt es Bands, deren Tourneen innerhalb weniger Stunden ausgebucht sind. Jüngstes Beispiel: Rammstein. Dabei sind die Ticketpreise im Vergleich zu denen in kleinen Clubs enorm teuer. Dem Livemusikmarkt werden damit in den Augen von Jens Roscher auf einem Schlag Millionen Euro entzogen, nur für eine Band. Vielleicht sollten solche Bands einen Preis wie den "Applaus" für kleine Clubs stiften, überlegt der Booker laut. Schließlich fangen alle irgendwann mal auf solchen Bühnen an. Wenn es keine Clubs mehr gibt, woher sollen dann die Großen von morgen kommen?

Doch die "Alte Brauerei" gibt es auch nach 25 Jahren immer noch. Musiker aus geschätzt 50 Ländern traten hier auf. Clubs haben gegenüber Stadien und großen Festival-Geländen eben auch Vorteile. "Warum geht man aus?", fragt Roscher. Doch wohl aus drei Gründen: Kommunikation, um jemanden kennenzulernen und um gute Musik zu hören. Die Kombination aus allen drei Faktoren gibt es nur in Clubs. Manche Gäste vergessen vor lauter Kommunikation im Café glatt, sich das Konzert richtig anzuhören. Und hier kochen die Mitglieder des Vereins auch noch selbst für die Musiker. Damit das alles so bleibt, hat eine Band - Kapelle Petra - das letzte Wort: "Geht mehr auf Konzerte."


Der Preis

Der "Applaus 2018" wurde von der Initiative Musik verliehen. 94 Musikclubs und Veranstaltungsreihen aus 15 Bundesländer haben ihn erhalten.

Mit 1,8 Millionen Euro Fördergeldern, die an die Preisträger in unterschiedlicher Höhe von 2500 bis 40.000 Euro verteilt werden, ist der Applaus der höchstdotierte Bundesmusikpreis. "Neben der konkreten finanziellen Unterstützung schafft Applaus Aufmerksamkeit für all jene Musikclubs, die seit Jahren unter schwierigen Bedingungen unser Kulturleben durch ihr mutiges, leidenschaftliches Programm beleben und bereichern", heißt es vom Veranstalter.

Aus Sachsen gehörten neben der "Alten Brauerei" zu den Preisträgern: Chemiefabrik Dresden, Horns Erben Leipzig, Institut für Zukunft Leipzig, Jazzclub Leipzig, Saxstall Pohrsdorf und das UT Connewitz in Leipzig.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...