Arzgebirgisch für einen Unterrichtstag

Das Erzgebirge ist einzigartig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" hat den Leuten aufs Maul geschaut. Heute: Projekttag der 5. Klasse der Freien Oberschule Elterlein

Elterlein.

Ogeploocht haben sie sich, die Schüler der freien Oberschule Elterlein: Hören, Lesen und Verstehen des heimischen Dialekts wurden zur Herausforderung. Der erzgebrigische Zungenschlag kam für so manchen der jungen Leute der fünften Klasse wie eine Fremdsprache daher: Wer sagt schon Friesbrich für Grünzeug? Oder Dorchenannr für ein unaufgeräumtes Kinderzimmer? Dodormiet hatten die Oberschüler bislang wenig zu tun.

Guter Grund, einen Projekttag zu Brauchtum und Redensart der Einheimischen zu organisieren. "Für unsere Schüler ein Stück Heimatkunde, sie haben hier ihre Wurzeln, Sprache zählt dazu. Und die sollen sie besser kennen- und verstehen lernen", sagt Schulleiter Klaus-Dieter Schumacher. Der sah im nichtalltäglichen Unterricht gute Gelegenheit, seine Schützlinge für die Thematik zu interessieren. In den Familien würde sich bemüht, Hochdeutsch zu sprechen. Die ursprüngliche Mundart sei fast vergessen.

Und für diese Runde standen mit Monika Tietze, Matthias Fritzsch und Pete Laube gestandene Mundartautoren und Sprecher vor der Klasse. Da wurde weniger theoretisiert, mehr gesprochen und gesungen: "Gi Hannl, huhl e Tüppel rei, dr Lechter is ze eng." Bekannte Heimatlieder wurden angestimmt, für die heutige App-geschulte Generation eher ein Abenteuer. Daher verbreitete sich vielmehr ein Gemurmel denn ein klarer Frohgesang in der Runde. Wer kennt und singt schon noch Lieder, welche Familien pflegen überhaupt die Hausmusik?

"Man behandelt Goethe, Schiller und Brecht, aber warum nicht auch einmal in unseren hiesigen Schulen Autoren wie Max Wenzel und Dagmar Meyer?", gab Monika Tietze zu bedenken. Die Crottendorferin ist beim Literaturwettbewerb Kammweg für ihre Mundartbeiträge geehrt worden.

Die Schüler waren durchaus aufgeschlossen bei der Sache, versuchten wie Max und Jannic zum Vergnügen der Mitschüler, ein Stück Literatur vorzutragen. In Sachen Traditionspflege verstanden sie durchaus mitzureden. Schließlich gehören Schwibbogen, Räuchermann und Lichterengel in fast jeden Haushalt. Peter Laube nutzte die Stunde, den jungen Erzgebirgern zu erklären, woher diese typischen Elemente kommen, warum der Bergbau und die Spielzeugindustrie einst so wichtig für die Einheimischen waren. Auch von Karl Stülpner und Anton Günther hatte die junge Truppe schon gehört.

"Die Projekttage sind Chance, den jungen Leuten Geschichten über das Leben der Menschen im Erzgebirge zu erzählen, sie mit einigen Bräuchen vertrauter und unsere Mundart verständlicher zu machen", sagt Matthias Fritzsch, der die Arbeitsgruppe der Mundartautoren im Erzgebirgsverein leitet und manch Büchlein geschrieben hat. Die sprachliche Anregung dürfte in Elterlein gefruchtet haben.


Harzlich willkumme, ihr Leit!

Hartmut Kreft ist Vorsitzender des Erzgebirgszweigvereins Geyer. Seit Jahren engagiert er sich für das Brauchtum und organisiert auch die Veranstaltung Sandhusenkranzl für Mundartfreunde. Jetzt lädt er Gäste zur Neuauflage ein - und das passend in erzgebirgischer Mundart:

Unner EZV Geyer tut alle Kranzlfreinde zen 103. Sandhusnkranzl am 27. Januar, üm 19 Uhr, in unner Huthaus an dr Binge eilodn.

Fer die, die net wissen, wos dos is un aah fer de Uhies'schn zer Erklärung - dos is, halt e urgemütlichr Haamitobnd dr "Geyerschn Sandhusn", genannt nooch unnern Spitzname.

Dar stammt aus unnrer altn Bargbaugeschicht, wu de Gunge dan scharfn Sand, dar bei dar Arzwäsch aafiel,

als Scheiersand an de Leit verkaaftn.

Im Kranzl ward net när in unnrer Muttersproch gemaart, nee, aah unnre altn arzgebirgschn Liedr warn do gesunge, vo alle Leit, die do sei.

Dodermiet wolln mer miethalfn, doss dos, wos uns Arzgebirger ausmacht, noch lange drhaltn blebbt, nahmlich unnre Mundart in Sproch un Lied.

Als Gast hobn mer diesmol eigelodn ne Molerin aus Eppndorf. Die ward uns in darer Zeit, wu mer gemeinsam hutzn, e schienes Winnerbild moln.

Dodermiet gibt's aah im 103. Kranzl wiedr e schienes Thema, wos eich sicher genau esu in Erinnering bleibn ward, wie die vieln annern, die mer zesamme in die numero iber zah Gahr Kranzl drlabn konntn. Ze gedn Kranzl gobs e Thema, iber dos mer gelacht un gestaunt hobn, mr warn iberrascht un noochdenklich, hobn uns gefreit un warn zesamme traurig.

Alsu, liebe Freinde dr arzgebirgschn Sproch, unnrer schien vertrautn Liedle, unnrer Sittn un Traditiune, ihr seid alle ganz harzlich willkumme.


Leservorschläge: Unsere schönsten Wörter in erzgebirgischer Mundart

Fei

Eine Redefloskel, die direkt nicht zu übersetzen ist, aber Aussagen des Erzgebirgers verstärkt: Des is fei e scheener Tannebaum.

Roberto Müller, Stützengrün

Gieht schie

Zu deutsch: Geht schon. Ich finde, das ist das größte Lob eines Erzgebirgers. Keine Lobhudelei, kein heuchlerisches In-den-Himmel-heben. Gernot Roscher, Neudorf

zen Hu tu

Im hochdeutschen Sinne bedeutet dies jemanden etwas "zum Hohn machen". Gemeint ist: Jemanden nichts Gutes tun, ihn ärgern. Gert Oeser, Neuhausen

Wenn de Blaubeer rut sei, do sei se noch grie.

Wenn die Heidelbeeren (auch Schwarz-Blaubeeren) rot sind, dann sind sie noch grün, also sie sind unreif.Siegfried Schletter, Zwönitz

"Freie Presse" geht mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auf die Suche nach den schönsten Wörtern des Erzgebirges. Schreiben Sie uns: Welches Wort ist das für Sie? Ihre postalischen oder elektronischen Zusendungen versehen Sie bitte mit einer Kurzerklärung des jeweiligen Begriffes oder Spruches. (hy)

Kontakt: "Freie Presse", Lokalredaktion Annaberg , Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder Red.Annaberg@freiepresse.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...