Auf dem Kirchenfriedhof geht ein Rosendieb um

Er kommt meistens am Wochenende, und meistens klaut er Rosensträuße. Diebstahl gehört für die Friedhofsverwalter zum traurigen Alltag.

Plauen.

Ihr Mann liebte Rosen. Also stellte Karin Kunze ihm zum Todestag rote Rosen aufs Grab, als sie ihn besuchte. Ein paar Tage später war der Strauß verschwunden. Weg war auch der kleine Engel, den sie im Kik gekauft hatte, und der Herzchenstein. "Wer das macht, der ahnt nicht, wie sehr er die Hinterbliebenen damit trifft", sagt Karin Kunze.

Sie erstattete Strafanzeige wegen Diebstahls und Störung der Totenruhe. Die Polizei habe ihr geraten, sich an die Presse zu wenden. "Damit die Leute aufmerksam werden und hinschauen", sagt Karin Kunze, deren Mann auf dem Friedhof 1, dem evangelisch-lutherischen Gottesacker, die letzte Ruhe gefunden hat. Diebstahl gehört für die Friedhofsverwalter zum traurigen Alltag. Im Herbst, wenn die Herbstpflanzen auf die Gräber kommen, trete der Pflanzenklau vermehrt auf, erzählt eine Mitarbeiterin. Die neuen Pflanzen werden ausgebuddelt und mitgenommen. Einmal habe jemand das Schöne ausgegraben und ein verblühtes Gottesauge in die Lücke gesetzt. Während auf dem städtischen Friedhof die Zeiten schon schlimmer waren, geht auf dem kirchlichen Friedhof an der Reißiger Straße ein Rosendieb um. Friedhofsverwalter Alexander Schwarz führt eine private Statistik darüber, was wann gestohlen wurde. "Meistens sind es Rosensträuße, und meistens passiert es am Wochenende", sagt Schwarz. Im Schaukasten des Friedhofs hängte er vor einiger Zeit ein Bild auf, das einen flüchtenden Dieb mit Rosenstrauß zeigte. Als Warnung, aber der Ärger ging weiter. Schwarz hat zwei Theorien für den oder die Täter: Entweder jemand ist so skrupellos und bedient sich auf dem Friedhof, um seiner Frau am Wochenende Rosen zu schenken. Oder der Täter kann Rosen nicht leiden.

Den Opfern habe er empfohlen, schwarze Trauerschleifen in die Sträuße zu binden. Das schrecke ab. Viel mehr könnten er und seine Kollegen nicht tun: "Ich bin schon Leuten nachgelaufen, die mir auffällig erschienen waren. Am Ende haben sie nur Pilze gesammelt." Rund 5000 Gräber gibt es auf dem kirchlichen Friedhof. Welcher Besucher zu welchem Grab gehört, diesen Überblick hat keiner.

Diebstahl auf den letzten Ruhestätten passiert oft auch aus Boshaftigkeit, das wissen die Verwalter aus Erfahrung. Manches verschwundene Pflänzchen fanden sie im Müll wieder. Dahinter lassen sich Familienstreitigkeiten vermuten, so die Friedhofsverwalter. Andere setzten den Schmuck fremder Gräber auf das ihrer Angehörigen um. "Wir haben die gestohlenen Sachen schon auf anderen Gräbern wiedergefunden", sagt Steffen Fröbisch. Karin Kunze überlegt, am Grab ihres Mannes eine Videokamera aufzustellen: "Noch einmal darf sich keiner dort vergreifen. Das verkrafte ich nicht."

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