Bahncampus: Was bis 2022 passieren soll

Es ist ein gigantisches Projekt, das in Annaberg-Buchholz angeschoben wurde. Dabei geht es um Forschung rund um das Zugfahren der Zukunft. Mehr ist aber nur Wenigen bekannt. Obwohl es viel zu sagen gibt.

Annaberg-Buchholz.

Bahncampus, SRCC, Smart Rail Connectivity Campus - das Kind hat viele Namen, gemeint aber ist immer dasselbe. Es geht um ein gigantisches Projekt, dessen komplette Tragweite wohl erst in ein paar Jahren absehbar ist. Im Kern dreht sich alles um eine Außenstelle der TU Chemnitz in Annaberg-Buchholz, die sich mit der Erfassung des digitalisierten, vernetzten, hoch automatisierten und nachhaltigen Bahnverkehrs befasst. Es geht, ganz simpel ausgedrückt, um das Zugfahren der Zukunft. Wie das einmal aussehen kann, darauf hat es vor rund drei Wochen in Schlettau einen Vorgeschmack gegeben. Dort ist weltweit erstmals ein Zug ohne Lokführer gefahren, ferngesteuert über den neuen Mobilfunkstandard 5G. Doch was bringt der Bahncampus den Menschen in der Region? Was wird sich baulich verändern? Und über welche Zeitspannen wird geredet?

Für Thomas Proksch, Bürgermeister von Annaberg-Buchholz und einer der führenden Köpfe des Smart Rail Connectivity Campus, geht es im Moment um ein Zeitfenster von drei Jahren. "Bis Ende 2022 muss der Campus baulich fertig sein. Das ist unser Ziel", sagt er.

Los gehen die Arbeiten mit dem Aufbau der Kommunikationsinfrastruktur. Dafür wird zunächst Glasfaserkabel entlang der Teststrecke von Annaberg nach Schwarzenberg verlegt. Weil dafür das bestehende Kabelführungssystem der Erzgebirgsbahn genutzt wird, kann auf Tiefbauarbeiten verzichtet werden. Die Finanzierung dieses Vorhabens erfolge komplett ohne Förderung. Von dem Glasfaserkabel, das laut Proksch bis Frühjahr 2020 verlegt sein soll, würden in Zukunft auch die Bürger und Firmen in den Orten entlang der Bahntrasse profitieren, indem sie darüber schnelles Internet erhalten. In einem weiteren Schritt ist der Aufbau eines 5G-Testfeldes von Annaberg bis Schwarzenberg vorgesehen. Dazu wird es noch Infoveranstaltungen für die Bevölkerung geben. Das Know-how und die Betriebstechnik für das 5G-Netz komme von Vodafone.

Aber auch im Bereich Unterer Bahnhof in Annaberg passiere in den nächsten Jahren einiges. So habe das Landesamt für Straßenbau und Verkehr ab 2020 den grundhaften Ausbau der B 101 zwischen Klosterstraße und Bahnhofstraße angekündigt. Damit einher gehe die Schaffung einer Linksabbiegespur auf der Bundesstraße unmittelbar nach dem Kreisverkehr in Richtung Bahnhof. Sie sei die Voraussetzung für eine Schnittstelle Bahn/Bus auf dem Bahnhofsvorplatz. Dieses Projekt, das schon länger im Gespräch ist, soll nun endlich verwirklicht werden. "Damit fahren perspektivisch alle RVE-Busse wie auch Fernbusse hinter zum Bahnhof", sagt Proksch. Dafür verschwinden die zwei Haltestellen an der B 101 kurz nach dem Kreisverkehr von der Bildfläche. Fertiggestellt werden soll die Schnittstelle bis Mitte 2021.

Am Bahnhofsgebäude selbst, das unter Denkmalschutz steht, sind ebenfalls umfangreiche Maßnahmen vorgesehen. Los gehen soll es mit dem hinteren Teil des Gebäudes. Das werde saniert, mit einem flachen Anbau versehen und an die TU Chemnitz vermietet. Perspektivisch sollen dort rund 50 Mitarbeiter der Uni arbeiten. Der Kostenrahmen dafür liege bei 3,5 Millionen Euro. 700.000 Euro steuert der Eigentümer des Objektes - die Stadt Annaberg-Buchholz - bei, sagt Proksch. Der vordere, größere Teil des Bahnhofsgebäudes soll künftig idealerweise von Firmen genutzt werden, die sich am Campusprojekt beteiligen. Ihre Anzahl liege inzwischen bei etwa 140. Zu ihnen zählt auch die Erzgebirgsbahn. "Wir möchten dort einen Konferenzraum anmieten", sagt deren Sprecher Lutz Mehlhorn. Zudem denkt er über einen Bereich nach, in dem verschiedene Serviceleistungen angeboten werden können - ähnlich einer DB-Agentur.

Gegenüber des Bahnhofsgebäudes entsteht eine Forschungshalle, in der etwa der Testzug dauerhaft steht, sagt Thomas Proksch. Dieses Objekt, das Bestandteil der wissenschaftlichen Basis der TU sein wird, werde etwa über Werkstätten und Labortechnik verfügen. Als Eigentümer des Gebäudes fungiere der Freistaat. Errichtet werde es vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement. Wegen der Abmessungen des Testzuges müsse die Halle mindestens 110 Meter lang sein. Für das Gleis dorthin, das noch verlegt wird, ist die Erzgebirgsbahn zuständig. Ihr obliegt auch die Instandhaltung der Teststrecke. Dafür werden laut Mehlhorn pro Jahr 300.000 Euro fällig. Seit vier Jahren steuere der Freistaat 200.000 Euro Fördermittel bei, sagt Mehlhorn, der schon jetzt von einer Wertschöpfung durch den Bahncampus für die Region spricht. "Es hat mittlerweile ein nicht zu verachtender Dienstreisetourismus eingesetzt. Und damit fließt Geld nach Annaberg", sagt Mehlhorn. In Geld nicht zu beziffern sei zudem der Imagegewinn in der Fachwelt. "Jeder weiß inzwischen, wo Annaberg liegt."

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