Betreuungsdebatte: Tagesmuttis kontra städtische Kinderkrippe

In der "Mäuseburg" der Kreisstadt gibt es 20 freie Plätze für Kinder im Alter bis zwei Jahre. Für mehrere Muttis ist das keine Option. Sie wünschen eine familiennahe Betreuung des Nachwuchses in einer privaten Tagespflege. Für die Stadt würde das aber weitere Kosten bedeuten.

Annaberg-Buchholz.

19.775 - das ist laut Statistischem Landesamt die aktuellste Einwohnerzahl von Annaberg-Buchholz. Die teils bestätigten, teils angeschobenen Großprojekte Bahn-Campus, Lehrerausbildungsstätte, Fachhochschule und Industriegebiet sollen den Abwärtstrend stoppen, indem wieder junge Leute in die Stadt gelockt werden, hofft OB Rolf Schmidt, der eigentlich die 20.000er-Marke halten wollte. Um wieder dorthin zu kommen, müssen aber offenbar noch andere Weichen gestellt werden, wie auf den zwei jüngsten Stadtratssitzungen deutlich wurde. Es geht um das Thema Kinderbetreuung im Alter bis zu zwei Jahren.

Julia Mauersberger und Franziska Schulze kritisierten in der Bürgerfragestunde die Stadt für ihre Politik in dieser Hinsicht. Die jungen Frauen - eine von ihnen studiert Lehramt in Chemnitz, die andere arbeitet bereits als Lehrerin - wünschen sich eine familiennahe Betreuung ihrer Kinder mit flexiblen Öffnungszeiten. Etwa, wenn Vorlesungen anstehen oder aber Elternabende, sei es nicht möglich, die Kinder 17.30 Uhr aus der Kita zu holen wie in der "Mäuseburg" Alltag. Diese Einrichtung ist die einzige kommunale in der Kreisstadt, in der Kinder im Alter bis zwei Jahren betreut werden. "Das ist auch nicht gerade attraktiv, wenn etwa Eltern aus Buchholz immer erst quer durch die Stadt fahren müssen, um ihr Kind abzugeben", sagt Christiane Warnat-Lehker vom Familienzentrum Annaberg, die den zwei Frauen zur Seite sprang. Im Kern aber steht der Wunsch nach familiennaher Betreuung. Das bedeutet auch, dass die Eltern für ihre Kleinsten eine individuelle Betreuung mit nur einer Bezugsperson möchten und nicht wie in der "Mäuseburg" mit einer Erzieherin am Vormittag und einer anderen am Nachmittag, so Warnat-Lehker. Sie wie auch die zwei jungen Frauen favorisieren deshalb private Tagesmuttis. Davon gibt es in Annaberg-Buchholz aktuell sechs. Nur fünf sind allerdings mit ihren jeweils fünf Plätzen von der Stadt in den Bedarfsplan aufgenommen worden. Das bedeutet, es fließen wie bei Kitas üblich, Zuschüsse von Land und Kommune. Konkret muss die Kreisstadt für das nächste Jahr für einen Vollzeitplatz (neun Stunden) bei einer Tagesmutti 11.833,80 Euro beisteuern, erläutert Manuela Dietz, Sachgebietsleiterin Jugend und Bildung. Wer sein Kind indes zu dieser einen verbleibenden Tagesmutti gibt, der zahlt alles selbst. Nicht lukrativ, wenn die Stadt junge Leute haben will, kommentiert Julia Mauersberger. Sie bat OB Schmidt und den Rat auch die sechste Tagesmutti in den Bedarfsplan aufzunehmen, um die Drittel-Finanzierung eines Platzes (Land, Kommune, Eltern) zu gewährleisten. Denn der Bedarf ist mit aktuell sechs Kindern mehr als gegeben, sagt Christiane Warnat-Lehker.

Torsten Kleditzsch

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Als Kompromiss schlug Rat Steffen Simon (CDU) bereits in der Februarsitzung eine schrittweise Erhöhung der Plätze im Bereich der Kindertagespflege vor: 2019 und 2020 je zwei Plätze und 2021 einen Platz. Das wurde abgelehnt, unter anderem, weil es in der "Mäuseburg" 20 offene Krippenplätze gibt. Im Nachgang jener Sitzung hat die Stadt eine Umfrage nach dem Bedarf etwa einer längeren Betreuung gestartet, die im Übrigen auch in der "Mäuseburg" möglich sei, erklärt Fachbereichsleiterin Christina Linke. Das koste fünf Euro je zusätzlicher Stunde. Die Umfrage endet am 25. April.

OB Schmidt versprach den jungen Frauen dennoch: "Wir finden eine Lösung". Da der Bedarfsplan zur Kinderbetreuung aber mit dem örtlichen Träger der Jugendhilfe abzustimmen ist, müsse man erst mit dem Kreis reden. Dieser gab auf Anfrage von "Freie Presse" gestern schon einmal grünes Licht. "Für den Fall, dass Annaberg-Buchholz eine weitere Kindertagespflege in ihr Kindertagesbetreuungsangebot aufnehmen möchte, würde das Referat Jugendhilfe der Entscheidung der Stadt folgen und die Aufnahme in den Jugendhilfeplan des Erzgebirgskreises veranlassen", erklärte Sprecher André Beuthner.

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