Bienen schützen - bis die Polizei anrückt

Die Agrargenossenschaft Lößnitz-Stollberg war Gastgeber einer Preisverleihung für vorbildlichen Insektenschutz. Die Erzgebirger gehören auf diesem Gebiet selbst zu den führenden Betrieben.

Lößnitz.

Es passierte auf einem Feld zwischen Lößnitz und Stollberg. Draußen war es bereits dunkel, als ein Fahrzeug der Agrargenossenschaft Lößnitz-Stollberg über die Anbaufläche rumpelte und anfing, Pflanzenschutzmittel zu versprühen. Wenig später sah sich der Fahrer einer Polizeistreife gegenüber.

"Anwohner hatten die Beamten verständigt", erzählt Karl Seidel, der Leiter des Imkervereins Stollberg. "Die Leute dachten, dass hier im Schutz der Dunkelheit Gift versprüht wird. In Wirklichkeit war diese Aktion mit uns abgestimmt. Sie diente dem Schutz unserer Bienen." Die Imker hatten festgestellt, dass Honigbienen, die eine Dusche Pflanzenschutzmittel abbekommen, nicht in den Stock zurückkehren. Sie sterben. Wird das Mittel hingegen ausgebracht, ehe die Bienen ausschwärmen, passiert ihnen nichts. Also redeten die Imker mit den Landwirten - und die Genossenschaft stellte ihre Einsatzpläne um. Gesprüht wird seitdem nachts oder am frühen Vormittag. Ab 10 Uhr fliegen die Bienen los und bleiben unbehelligt von Chemie.

"Bienenschutz ist zu einer gesellschaftlichen Aufgabe geworden", sagt Bernd Schmitt, Vorstand der Agrargenossenschaft. "Wir machen das nicht, um Gewinn zu erzielen, sondern um etwas für die Umwelt und die Artenvielfalt zu tun." Vor drei Jahren wurden die Lößnitzer von der Landesarbeitsgemeinschaft der Imkerei und Landwirtschaft als "Im Honigbienenschutz engagierter Betrieb" ausgezeichnet. In dieser Woche erhielten drei weitere sächsische Agrarbetriebe diese Ehrung.

Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) überreichte die dazugehörigen Tafeln, die sich die Bauern ans Hoftor schrauben dürfen. Die Genossenschaft war Gastgeber für die Preisverleihung, die erstmals öffentlich stattfand. So wolle man dem Thema mehr Gewicht geben, sagte Manfred Uhlemann, Hauptgeschäftsführer des Sächsischen Landesbauernverbandes.

Stefan Werner, der in der Agrargenossenschaft Lößnitz-Stollberg für die Pflanzenproduktion zuständig ist, zeigte den Gästen eine der Bienenweiden, die seine Mitarbeiter angelegt haben: Einen etwa zehn Meter breiten Streifen neben einem Getreidefeld an der Grünaer Lücke, auf dem Perserklee, Sonnenblumen und Phacelia blühen. "Letzteres ist die Nektarpflanze schlechthin", erläuterte Werner. 22 Hektar Bienenweiden hat die Genossenschaft inzwischen gepflanzt. Im vorigen Jahr hat sie sich ihr erstes Bienenvolk angeschafft, mittlerweile sind es acht.

Der direkte Nutzen für den Agrarbetrieb lasse sich noch nicht in Zahlen fassen, sagte Werner. Beim Imkerverein Stollberg geht man aber davon aus, dass er da ist. "Apfelbäume, die von Bienen bestäubt werden, bringen 60 Prozent mehr Ertrag", nennt Vereinsmitglied Roland Bach Erfahrungswerte. "Rotklee 95 Prozent, Raps 30 Prozent."

Deshalb achten die Lößnitzer Agrargenossenschaftler auch darauf, dass blühende Felder nicht abgeerntet werden, wenn Bienen auf ihnen Nektar sammeln. Die Mähwerke würden die Insekten zerhäckseln. Damit das nicht passiert, sind SMS-Botschaften an die Imker nichts Ungewöhnliches: "Könnt ihr eure Bienenstöcke eine Weile zulassen? Wir wollen ernten." Und ein paar Stunden später: "Erledigt. Macht auf."


Warum ausgerechnet Bienen?

Die drei Agrarbetriebe, die in Lößnitz für vorbildlichen Bienenschutz ausgezeichnet wurden, sind der Walkmühlenhof aus Beckwitz bei Torgau, der Guidohof aus Uhlsdorf bei Limbach-Oberfrohna und der Landwirtschaftsbetrieb Christiane Treffler aus Trebsen im Leipziger Land.

Bienen gelten als besonders schützenswert, weil sie bei der Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen mit Abstand die größte Rolle spielen. Haben sie sich einmal für eine Pflanze entschieden, steuern sie nur Blüten derselben Art an. Wespen und andere Insekten verteilen die gesammelten Pollen hingegen willkürlich, etwa von einer Narzisse auf einen Apfelbaum.

Wer Bienen helfen will, sollte auf dem Balkon oder im Garten Thymian, Lavendel, Kornblumen, Azaleen, Beinwell, Malve, Katzenminze oder Schnittlauch pflanzen. Einen Überblick über alle bienenfreundlichen Gewächse gibt die neue Bienen-App bei Google Play oder in Apples App-Store.

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