Corona-Alltag für Menschen mit geistiger Behinderung

Besuchsverbote und gravierende Einschränkungen treffen nicht nur Bewohner von Alten- und Pflegeheimen oder Patienten in Kliniken. Es sind auch Leute wie Marcel Estel, deren gewohntes Leben aktuell und wohl auch noch für lange Zeit ganz anders sein werden.

Scheibenberg.

Seit mehr als einem Jahr ist das Ländliche Wohn- und Integrationszentrum des Diakonischen Werkes Annaberg-Stollberg in Scheibenberg das neue Zuhause von Marcel Estel. Der 40-Jährige lebt mit einer geistigen Behinderung. Er mag einen strukturierten Alltag und seine Arbeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. All das gibt ihm Halt, eine Aufgabe. Doch seit einigen Wochen ist alles anders. Mit Auftreten des Coronavirus musste die Diakonie Erzgebirge eine tief greifende Entscheidung treffen. Schon vor dem offiziellen Verbot entschlossen sich die Verantwortlichen, ihre Bewohner nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen in die Werkstatt zu lassen. Von heute auf morgen mussten sie zu Hause bleiben.

"Die Werkstätten sind ein Schmelztiegel. Aus unterschiedlichen Einrichtungen kommen die Mitarbeiter dort hin", erklärt André Gerlach. Er leitet den Fachbereich für besondere und gemeinschaftliche Wohnformen für Menschen mit Handicap bei der Diakonie. Der Grund für diese Entscheidung: Viele der Bewohner gehören zu der besonders schutzwürdigen Risikogruppe. Die Gefahr, dass eine Covid-19-Infektion einen schlimmen Verlauf nehmen würde, sei hoch. Oft haben die Bewohner dieser Einrichtungen nicht nur mit einem Handicap zu kämpfen, erklärt Gerlach.

So wie sich der Alltag von Marcel Estel und seinen 13 Mitbewohnern veränderte, so tat er das auch für die Mitarbeiter der Diakonie. Selbstständig einkaufen, zum Arzt gehen, mit dem Bus zur Arbeit fahren - Ziel war es bisher immer, die größtmögliche Selbstständigkeit zu fördern. Tagsüber waren die meisten in der Werkstatt, eine Betreuung und Beschäftigung im Haus also nicht notwendig. Mit den Einschränkungen der Bewohner kam die Herausforderung, den Tagesablauf ohne Werkstatt neu zu strukturieren. "Der Betreuungsbedarf hat sich erhöht", erklärt Einrichtungsleiter André Meyer. Neue Tagesstrukturen mussten gefunden werden. Es gibt vermehrt Kochtrainings- und Kreativangebote. Da die Unterstützung für Menschen im ambulant betreuten Wohnen vorübergehend telefonisch und aus dem Homeoffice stattfinden muss, helfen die Mitarbeitenden des ambulant betreuten Wohnens nun im Ländlichen Wohn- und Integrationszentrum aus.

Ohne die Unterstützung der Kollegen wäre der neue Tagesablauf im Ländlichen Wohn- und Integrationszentrum und den anderen Einrichtungen kaum stemmbar. "Wir müssen einem Lagerkoller vorbeugen", sagt André Meyer. Doch je länger die Situation anhält, desto größer werde das Risiko, dass die geistig Gehandicapten Aggressionen entwickeln. Der Druck steige von Woche zu Woche. "Es muss so viel wie möglich Normalität in diesem Mikrokosmos aufrechterhalten werden", sagt André Gerlach. Dafür lassen sich die Sozialarbeiter viel einfallen. Die Fantasie der Bewohner steht dabei im Mittelpunkt: Es wird mit verschiedenen Kreativtechniken gemalt, das Außengelände verschönert und die Sitzgruppen erhalten einen neuen Anstrich.

In den Augen der Sozialarbeiter kommt es im weiteren Verlauf der Pandemie und den in Aussicht gestellt Lockerungen auf Individualität an. Welcher Schaden ist für die Menschen wie Marcel Estel also höher? Die Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren oder aufgrund der Beschränkungen den Mut zu verlieren. Daher versuchen die Diakonie-Mitarbeiter, das Leben der ihnen anvertrauten Menschen so selbst bestimmt wie möglich zu gestalten - auch, trotz oder gerade in dieser Zeit.

Doch wie erklärt man Menschen mit einer geistigen Behinderung eigentlich, was da draußen los ist? "In einfacher Sprache und mithilfe von Bildgeschichten", sagt André Meyer. Im Wohn- und Integrationszentrum wurde die Morgenrunde genutzt. Alle nehmen die Situation sehr ernst, ohne sich den Spaß am Leben verderben zu lassen. Die Bewohner, sie sind zwischen 19 und 64 Jahre alt, passen aufeinander auf. Und glücklicherweise verfügt das 2010 eröffnete Wohnprojekt über einen eigenen großen Garten. An diesem Tag versammelten sich die Bewohner dort am Nachmittag zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Es gibt selbst gebackene Torte. "Ich blicke dankbar auf die Mitarbeitenden und Bewohner dieser Einrichtung.", sagt André Gerlach. In der aktuellen Situation vermutlich noch mehr als zu anderen Zeiten. Und Marcel Estel? "Dass das alles so ein Ausmaß annimmt, hätte ich nicht gedacht. Aber irgendwann wird es auch wieder besser werden."

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