Der Begründer des Maschinenbaus

Uthmann, Silbermann und Ries kennt jeder. Das historische Archiv der Erzgebirgssparkasse birgt aber Geschichten vieler Persönlichkeiten. Horst Möckel holt sie für Leser der "Freien Presse" hervor. Heute: Dr. Ernst Geßner

Lößnitz.

Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich die Region im Umbruch. Es gab kaum größere Betriebe, der Bergbau hatte seine Bedeutung verloren, die Bevölkerung drohte zu verarmen. In diesem Zusammenhang ist das Lebenswerk des Ernst Geßner mit seinen wissenschaftlich-technischen Leistungen für die Industrieentwicklung nicht hoch genug zu bewerten.

Er wurde am 19. Juni 1826 in Lößnitz geboren. Nach seiner Schulzeit und einer Lehre als Tuchmacher begab er sich auf Wanderschaft. Sein Weg führte ihn zuerst in die Tuchmacherstädte Crimmitschau, Großenhain, Reichenberg und Brünn. Zurück in der Heimat, um viele Erfahrungen reicher, führte er im elterlichen Betrieb die Herstellung von Buckskin-Stoffen ein, ein Gewebe, das zur Herstellung von Herrenanzügen verwendet wurde. 1849 erwarb er in Aue die Holbergsche Bleich- und Appreturanstalt. Darin begann Ernst Geßner mit dem Bau der ersten Textilmaschinen, die Basis für den Maschinenbau in der Stadt Aue. Seine erste große Erfindung, eine Doppelraumaschine, ließ er sich patentieren. Die Maschine diente zum Aufrauen glatter Stoffe und gab ihnen eine wollige Oberfläche. Die Erfindung war revolutionär, denn etwa 75 Prozent der vormals erforderlichen Handarbeit wurde eingespart und die Qualität erheblich verbessert. 1853 gilt dann als das Jahr, in dem Geßner von der Tuchmacherei zur Textilmaschinenherstellung wechselte. Binnen weniger Jahre baute er über 300 Maschinen und verkaufte sie, unter anderen nach England und Amerika. Die Textilmaschinen wurden auf der Weltausstellung in Paris mit einem Diplom geehrt.

Geßners Pioniertat in der Entwicklung moderner Textilmaschinen machte ihn zum Schöpfer und Anwender neuer Produktionsmethoden. In den Jahren 1857 bis 1861 folgten viele technische Neuerungen, so eine "Endlos-Band-und-Pelzbildung an Reißkrempeln", die ebenfalls als Patent angemeldet wurde. 1861 gelang Geßner eine weitere Erfindung, der "Florteiler für das Vorspinnkrempeln", eine Neuerung auf dem Gebiet der Spinnereiprozesse. Ständiges Vervollkommnen und Modernisieren war sein Bestreben. Eine große Bedeutung hatte der Bau einer Universalkratzenmaschine mit 24 rotierenden Rauwalzen. Mit der Bearbeitung auf einer Kratzenraumaschine wurde erreicht, dass die Strukturen der Textilien erhalten blieben und durch Aufrauen die gewünschten Gebrauchseigenschaften und modischen Effekte erzielt wurden. Sie hatte die vierfache Leistung der bisherigen Doppelraumaschine.

1872 stellte Dr. Ernst Geßner die Tuchmacherei ein und widmete sich nur noch dem Maschinenbau. In seinem Betrieb entstanden Abteilungen, die sich vorwiegend mit der Kratzensetzerei beschäftigten und Sonderausführungen für die unterschiedlichen Muster herstellten. Ein beachtlicher Maschinenpark mit Schleifereieinrichtungen für die Bearbeitung von Riemenscheiben, Rädern und Wellen - alles Voraussetzungen zu einer rationellen Herstellung von Spinnereimaschinen - war entstanden. Eine betriebseigene Gießerei kam hinzu, und für den Schienentransport wurden Eisenbahnwaggons hergestellt. Die Firma Geßner expandierte ständig weiter, wodurch 1888 bereits mehr als 300 Menschen bei ihr in Lohn und Brot standen. Geßner war Inhaber von etwa 155 Patenten.

Neben seinen beruflichen Tätigkeiten ging er seiner künstlerischen Leidenschaft nach. In der Freizeit widmete er sich der Landschaftsmalerei, speziell Motiven seiner engeren Heimat, dem Erzgebirge. Als er am 28. April 1897 starb, verlor die Stadt Aue einen ihrer größten Industriepioniere. Innerhalb der sächsischen Industrie war Dr. Ernst Geßner mit seinen Erfindungen die treibendste Kraft in der Weiterentwicklung der Textilindustrie und des Maschinenbaus. (mit mas)


Moderne Textilmaschinen - von Geßner über Textima und Gematex zu Xetma Vollenweider

Unter Zwangsverwaltung und Kontrolle stand der Betrieb nach 1945durch die sowjetische Besatzungsmacht. Sie ließ Teile der Produktionsanlagen demontieren.

Volkseigen wurde die Textilmaschinenfabrik Geßner 1948. Als VEB Textima Aue konnte der Betrieb aber an Geßners Erfolge anknüpfen und den Ruf als gefragter Lieferant von Raumaschinen weltweit erhalten.

Nach der Wende erwarb die Firma Samuel Vollenweider AG aus Horgen in der Schweiz den Betrieb. Unter Gematex (Geßner Maschinen Textilien) erfolgte ein Neuanfang in Alberoda.

Als Xetma Vollenweider, so der heutige Name, werden Textilveredelungsmaschinen weiterhin weltweit vertrieben. Die ehemaligen Geßnerschen Werkhallen in der Auer Innenstadt dienen als Einkaufszentrum.

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