Drei Frauen und das älteste Kunstgewerbegeschäft der Stadt

Was 1950 mit Gertraude Herrmann begann, führte erst ihre Tochter Uta Baldauf und nun Mandy Seidenglanz weiter. Drei Generationen, eine Leidenschaft, ein Laden.

Annaberg-Buchholz.

An der Buchholzer Straße 20 befindet sich das Kunstgewerbegeschäft Gertraude Herrmann. Eröffnet 1950. Erzgebirgische Volkskunst, Keramik, Siebdruck-Textilien - das Sortiment ist breit gefächert. Bekannte Holzkunstwerke treffen auf moderne Formen, auch jungen Gestaltern soll eine Chance gegeben werden. Ein modernes Traditionsgeschäft. Das ist nicht zuletzt der Verdienst von Mandy Seidenglanz. Seit 2017 ist die 41-Jährige, Enkelin der Gründerin, Inhaberin des Geschäftes. Bereits seit 1997 arbeitet die gelernte Bekleidungstechnische Assistentin hier. Eigentlich wollte sie einen künstlerischen Beruf erlernen. Doch so etwas war damals nicht gefragt. Ihre Kreativität konnte sie aber im Geschäft einbringen. Von Kindheit an war Mandy Seidenglanz von kunstgewerblichen Dingen und Kunst überhaupt umgeben. Sie lauschte den Geschichten ihrer Oma, die von den Anfängen des Kleinunternehmens, von der Herstellung der Volkskunst berichtete. Nun hat sie selbst das Zepter im wohl ältesten Kunstgewerbegeschäft der Stadt übernommen.

Für Mandy Seidenglanz besteht der Arbeitsalltag nicht nur aus der Beratung von Kunden, dem Verkauf und Einpacken von Geschenken. Hinter den Kulissen spielt sich mehr ab. Objekte werden ausgewählt, bestellt und auch selbst abgeholt. Die Buchführung muss stimmen. 10-Stunden-Tage sind normal. "Was ich anbiete und verkaufe, sind keine Dinge, die man unbedingt zum Leben braucht, die aber sehr wohltun können." Ihr Ehemann hält ihr den Rücken frei und in Stoßzeiten helfen die Eltern, von denen sie den Laden übernommen hat, gerne aus.

Ihre Mutter Uta Baldauf hatte den Laden 1989 zusammen mit ihrem Mann Ralf von ihrer Mutter übernommen. Auch Uta Baldauf war mit der Materie aufgewachsen und Ralf war lange genug in die Familie integriert, um zu wissen, mit welchen Firmen die Schwiegereltern Kontakte unterhielten. Außerdem war er handwerklich begabt, was für das Instandsetzen von Pyramiden und Co wichtig war. Dennoch war es für sie als Seiteneinsteiger anfangs nicht einfach. "Man wächst nur mit seinen Aufgaben." Als im Februar 1989 ihr Geschäft neu eröffnete, standen die Kunden Schlange. Sie wollten Holzfiguren, die vorher kaum erhältlich waren, kaufen und das noch für Ostmark.

Dann kam die Wende. "Nun konnten wir uns richtig entfalten. Es war ein Gewinn für fast alle von uns", sagt Uta Baldauf. Aber auch ein Umdenken war nötig. Der Markt brach an vielen Stellen zusammen. Die Kontakte zu den bewährten Herstellern, die ebenfalls an ihrer Selbstständigkeit bastelten, mussten erhalten und ausgebaut werden. Das war der Part von Ralf Baldauf. Er suchte die Geschäftspartner persönlich auf, verhandelte und holte die Waren selbst ins Geschäft. Die Inhaberin musste sich mit einer gänzlich neuen Buchführung und Verkaufskultur auseinandersetzen, denn es sollte ein Kunstgewerbegeschäft nach der Idee von Gertraude Herrmann bleiben. 25 Jahre verkauften sie nicht nur im Laden, sondern auch auf Märkten. Der Ladenraum mit nur 20 Quadratmetern reichte bald nicht mehr aus, sonst wäre es ein reiner "Männel-Laden" geworden. 1997 fiel der Entschluss zur Renovierung und Erweiterung, was bis 2000 andauerte. Während dieser Zeit zog das Geschäft um ins Haus Buchholzer Straße 16. Aus 20 wurden 130 Quadratmeter. Tradition und Qualität liegen im Fokus.

Gemäß dem Spruch, der noch heute im Laden zu finden ist: "Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele dessen, der sie betrachtet", ging das neue Geschäftskonzept der Baldaufs auf. Der Kundenkreis, bestehend aus Stammkunden aus ganz Deutschland und Laufkundschaft wie Touristen, wurde größer. Jeder half mit. Teamgeist, ohne den ein Familienunternehmen nicht überleben kann. Anfang 2017 gingen Uta und Ralf Baldauf in den Ruhestand und die Tochter übernahm.

Doch der Geist der Gründerin, Gertraude Herrmann (geb. Schönherr) ist bis heute zu spüren. Sie, 1925 geboren, wuchs mit ihrem Bruder in einer Kaufmannsfamilie auf. Schon als Jugendliche fühlte sie sich zu der Arbeit ihres Vaters hingezogen. Johannes Schönherr arbeitete als Verleger. Das heißt, bei ihm waren Frauen aus Annaberg und Umgebung in Heimarbeit angestellt, die Mützen, Einkaufsnetze, Borten und anderes fertigten. Gertraude absolvierte eine Lehre als kaufmännische Angestellte in einem Schreibwarenladen. Der Inhaber wollte sie übernehmen, aber das war ihr zu wenig. Sie wollte etwas Eigenes. So eröffnete sie im November 1945 auf der Klosterstraße ihren Laden, in dem sie zunächst ähnliche Produkte wie die ihres Vaters und alles, was es kurz nach Kriegsende an textilen Kleinteilen und Lederwaren gab, verkaufte. Damals war sie 20 Jahre jung, unverheiratet und eine Frau. Ihr Weg in die Selbstständigkeit war ein Beweis von Mut und Risikobereitschaft. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte ihr Freund Joachim Herrmann 1948 nach Annaberg zurück. Im Mai heirateten sie. Sie setzte ihn als Geschäftsführer in ihrem Kleinunternehmen ein. 1950 erfolgte der Umzug des Geschäftes in die Buchholzer Straße 20. Auf der Gewerbeerlaubnis stand geschrieben: Kunstgewerbe und Lederwaren, Gertraude Herrmann. So war auch das Sortiment ausgelegt. Es gab Textilien wie Röcke, Kissen und Decken in Blaudruck, Lederwaren und kunstgewerbliche Dinge, je nach Marktlage. Doch auch wenn sie drei Kinder gebar, eine Hausfrau wollte sie nicht werden. Ihr Leitspruch: "Erst kommt das Geschäft und dann die Familie." Sie wollte immer selbst mitmischen. Mit Gründung der DDR führte Gertraude Herrmann ihr kleines Unternehmen nun auf Kommissionsbasis, um einer Enteignung zu entgehen. Aufgeben kam nie infrage, auch wenn das Geschäft und die Warenbeschaffung nie einfach waren. 1988 hatte Gertraude Hermann genug. Sie trat ihren Ruhestand an, stand ihren Nachfahren aber mit Rat und Tat zur Seite. 2012 starb sie. Ihr Lebenswerk aber ist geblieben. Dank der starken Frauen, die nach ihr kamen.

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