Ehrendes Gedenken und loslassen können

Das Kirchenjahr geht zu Ende. Zeit, der Toten zu gedenken. Doch was hat es mit dem Totensonntag auf sich und welche Rolle spielt der Glaube? Ein Gespräch mit Pfarrer Sieghard Löser.

Elterlein.

Wenn am Sonntag die Glocken der St.-Laurentius-Kirche in Elterlein den Gottesdienst einläuten, wird die Predigt des Gemeindepfarrers Sieghard Löser vom Ewigkeitssonntag und Totensonntag zugleich handeln. Seit 28 Jahren arbeitet er in diesem Amt in der Kirchgemeinde Elterlein und Schwarzbach. "Der letzte Sonntag des Kirchenjahres hat heute zwei gleichberechtigte Proprien: Als Ewigkeitssonntag blickt er voraus auf die Wiederkunft Christi. Als Totensonntag ist er dem Gedenken an die Verstorbenen und dem Trost für die Trauernden gewidmet", so der Theologe. So werden die Namen der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres verlesen. Zu den verbreiteten Bräuchen gehört es, die Gräber mit Gestecken oder Blumen zu schmücken. Aus Rücksicht auf den Totensonntag bitten die Kirchen darum, mit der Weihnachtsbeleuchtung bis zum 1. Advent zu warten.

Wie ist der Totensonntag entstanden? König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erließ 1816 eine Verordnung, dass der letzte Sonntag des Kirchjahres als "Allgemeines Kirchenfest zu Erinnerung an die Verstorbenen" begangen werden sollte. Grund dafür könnte das Gedenken an die vielen Gefallenen der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 oder auch das Fehlen eines Totengedenkens im evangelischen Kirchjahr sein. Die anderen evangelischen Landeskirchen übernahmen nach und nach die Bestimmung. Gerade die Zeit im November bringt die Menschen oft zum Nachdenken über den Sinn des Lebens, aber auch über den Tod oder was danach kommt. Mancher denkt auch über Gott nach.

Ist ein Pfarrer in gewisser Weise auch ein geistlicher Arzt? Pfarrer Löser hat die Erfahrung gemacht, dass in den Augen vieler Menschen er und seine Kollegen wie eine Art Vereinsvorsitzende eines religiösen Clubs wahrgenommen werden - Fachmänner für religiöse Dienstleistungen wie Taufe, Trauung und Beerdigung. Doch ein Pfarrer sei mehr, zum Beispiel Seelsorger. "Die erste Aufgabe eines Seelsorgers ist das Zuhören", so Löser. Dabei gilt als angebrachte Regel: offene Augen, offene Ohren, ein offenes Herz und einen geschlossenen Mund. "Salbungsvolle Worte kann man oft hören von Schauspielern, die einen Pfarrer am Krankenbett darzustellen haben. Diese Zelluloid-Kameraden werden dazu oft als Tugendwächter mit erhobenem Zeigefinger und einer sauertöpfischen Miene präsentiert. Mit der Wirklichkeit hat das freilich nichts zu tun", so Löser. Seelsorge ist eine allumfassende Aufgabe, die keine zeitlichen Einschränkungen kennt. Seelsorgebesuche, Hausabendmahl und Krankensalbung - dafür steht Sieghard Löser jederzeit zur Verfügung.

Was soll oder kann ein Pfarrer Schwerstkranken oder sterbenden Menschen sagen? Zuerst sollte er sich selber mit dem Tod und dessen Ursachen auseinandersetzen, und das nicht nur in biologisch-medizinischer Hinsicht, denn das können die meisten Mediziner besser, sondern vor allem in seiner spirituellen Dimension. Letztere in Worte zu fassen, hat der Pfarrer, dessen Studium zu großen Teilen ein Literaturstudium ist, gelernt. Wichtiger noch als der Verweis auf das Sterben und die Trauer anderer ist seine eigene Erfahrung damit. "Wer jemals beim Sterben eines gläubigen Menschen dabei gewesen ist und dessen Blick in die neue Welt zumindest mit spüren durfte, der hat keine Angst mehr vor dem Tod. Darum gilt es, den Sterbeprozess, der je nach Krankheit oder Unfallgeschehen schrecklich sein kann, durch die Vermittlung von Hoffnung und der Gewissheit des Kommenden tröstend zu begleiten, desto leichter fällt dem Sterbenden das Loslassen, als des wohl schwersten Moments im Sterbeprozess", sind die Erfahrungen des Theologen. Eine ebenso wichtige Aufgabe des Pfarrers ist die Begleitung der Angehörigen. Diese befinden sich oft in einer Art Schockzustand, benötigen Zuspruch, um loslassen zu können, sich zu verabschieden und mit dem Trauern zu beginnen.

Der Toten- oder Ewigkeitssonntag beendet das alte Kirchenjahr. Das neue beginnt mit der schönen Adventszeit. Das sei eine Zeit der Hoffnung und Vorfreude, so der Pfarrer. Daher sollte man in der Krise auch eine Chance sehen, mehr miteinander zu reden, friedvolle Stunden gemeinsam zu verbringen.

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