Erzgebirgsbahn hebt Schatz im Egertal

Es fahren wieder Züge von Cranzahl nach Weipert. Mit der Verbindung nach Böhmen sollen Touristen die Langsamkeit des Reisens entdecken. Am Ziel wartet eines der größten Eisenbahndepots Europas.

Annaberg-B./Komotau.

"Klack-klack" macht es hinter dem Viadukt übers Pöhlbachtal. Auf tschechischer Seite sind die Schienen noch nicht verschweißt, das leichte Holpern erinnert an Reichsbahnzeiten. Doch nach wenigen Metern ist erst einmal Schluss: Im Bahnhof Vejprty (Weipert) stoppt die Erzgebirgsbahn aus Chemnitz. Ein paar Dutzend Fahrgäste treten hinaus auf den unbefestigten Bahnsteig vor dem einst riesigen Bahnhofsgebäude, von dem nur noch der Nordflügel steht. Im Grenzbahnhof Weipert waren früher deutsche und österreich-ungarische Grenzbeamte gemeinsam einquartiert, bis vor kurzem hatten die Tschechen hier wenigstens noch einen Fahrkartenschalter.

Im vergangenen Jahr war es still geworden auf dem Gleis zwischen Cranzahl und Weipert. "Wir mussten sparen", berichtet Lutz Mehlhorn, Chef der Erzgebirgsbahn. Ausgerechnet hier, an der Nahtstelle Sachsen-Böhmen, wo die grenzüberschreitende Zusammenarbeit viel gefördert wird, fehlten Regionalisierungsmittel für die deutsch-tschechische Bahnverbindung.

Doch es gab zahlreiche Appelle, die Verbindung zu erhalten. So entschloss sich die Erzgebirgsbahn, auf eigene Kosten weiterzumachen. Seit 1. Mai rollt die rote Bahn wieder von Cranzahl nach Vejprty - im Sommer und am Wochenende, ein Angebot für Ausflügler. "Ich bin kein Pufferküsser", sagt Mehlhorn. Der Erhalt der Strecke sei kein Selbstzweck, sondern solle das touristische Angebot der Region verbessern.

Das will auch die Stadt Annaberg-Buchholz. An diesem Samstag hat sie Stadträte, Verwaltungsvertreter Touristiker und Medienvertreter auf eine Bahnfahrt in die Partnerstadt Chomutov geschickt. Man will für Eisenbahnromantik werben - und einen Schatz im Egertal heben.

In Vejprty dauert es ein paar Minuten, dann trifft ein Triebwagen der Tschechischen Bahnen ein. Die gelben Waggons sind etwas rustikaler, aber innen aber auf einem modernen Stand; ein alter Waggon am Ende bietet Platz für 25 Fahrräder. Man kann hier noch die Fenster öffnen, der Fahrtwind ist sanft. Im Schneckentempo geht es hinauf auf den Erzgebirgskamm, durch dichten Wald, vorbei an verfallenen Bedarfshaltestellen und mit Ausblicken auf Gipfel wie Fichtelberg und Kupferhübel, aber auch auf die Preßnitztalsperre und auf verschlafene böhmische Grenzörfer. Zwischen Kovářská und Měděnec ist auf 875 Metern der höchste Punkt erreicht, dann geht es hinab bis ins 355 Meter tief gelegene Chomutov (Komotau). Eine Stunde und 20 Minuten dauert die Reise von Weipert - keine effektive Verkehrsverbindung, aber eine Panoramafahrt, für die Liebhaber auf anderen Bahnstrecken viel Geld ausgeben.

Jan Martášek kennt die Strecke noch aus einer Zeit, als hier täglich acht Personenzugpaare und Güterzüge verkehrten. 1986 begann er bei der Eisenbahn, arbeitete lange im Bahnhof Vejprty, heute beim Güterverkehr ÈD Cargo. Seit die Deutschen den Bahnverkehr nach Tschechien wieder aufnahmen, gebe es auch hier wieder mehr Fahrgäste, berichtet er. Der Bezirk Ústí habe für 2017 bereits wieder Verbindungen bestellt. Auch die Erzgebirgsbahn, so erklärt Geschäftsführer Mehlhorn, wolle nächstes Jahr weitermachen.

Im Bahnhof Chomutov ist eigentlich Endstation, doch diesmal rollen die Treibwagen weiter in ein riesiges Lagergelände. In zwei Lokschuppen und einer Montagehalle hat das Nationale Technische Museum Prag etwa 100 Lokomotiven, Waggons und Draisinen eingelagert. "Das ist die größte Eisenbahnsammlung der Tschechischen Republik", sagt Museumsleiter Michal Novotný. Die Besucher staunen über die Dampflokomotiven, die älteste aus Chemnitz von 1873, eine Schienen-Schneefräse aus dem Zweiten Weltkrieg, einen Salonwagen, gefertigt für einen Baron von Rothschild, einen Güterwaggon für Pilsner Urquell und jede Menge E-Loks von Škoda und anderen Herstellern. Das Depot scheint halbwegs solide, aber es tropft auch durchs Dach. "In nächster Zeit müssen wir hier viel sanieren", sagt Novotný. Nicht nur er, auch die Vertreter von Komotau wünschen sich, dass das Depot touristisch besser erschlossen wird.

Am Nachmittag tuckert der ČD-Triebwagen zurück auf den Erzgebirgskamm. Steve Wagner, Leiter der Annaberger Tourist-Information, hofft, dass sich diese Fahrt herumspricht. "Es ist hier schon so viel Interessantes da", sagt er. "Viele Menschen wissen es nur noch nicht."

www.freiepresse.de/bahndepot

Termin Das Eisenbahndepot des Nationalen Technischen Museums in Chomutov (Černo-vické ulice, Nähe Globus-Markt) öffnet wieder vom 26. bis 28. August, 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 50 Kronen. Der Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde bietet am 27. August eine Sonderfahrt ab Schwarzenberg an.


Von Chemnitz nach Komotau

Vor 150 Jahren rollten die ersten Züge von Flöha nach Annaberg durchs Zschopautal. Sechs Jahre später, im August 1872, gingen die Abschnitte Annaberg-Weipert und Weipert-Komotau in Betrieb, gebaut auch für den Transport böhmischer Kohle nach Sachsen. 1945 wurde die Verbindung gekappt, die Gleise blieben aber liegen. In den 1990er Jahren wurde die Strecke wiederbelebt. Nach einem Jahr Pause fahren nun bis 25. September samstags und sonntags wieder Züge: 9.36 Uhr ab Chemnitz, 13.10 Uhr an Chomutov, 16.09 Uhr ab Chomutov, 19.20 Uhr an Chemnitz. (oha)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...