Familie Korb und der ewige Kampf mit Behörde und Kasse

Sten ist vier und schwerst behindert. Er leidet unter anderem an epileptischen Anfällen, bei denen die Atmung aussetzt. Auf den Fahrten zum Kindergarten wird er daher von einer Pflegerin begleitet, die im Notfall sofort eingreifen kann. Doch das Amt will dafür nicht länger zahlen.

Oberwiesenthal.

Ein großer Aktenordner, gefüllt mit unzähligen Anträgen, Ablehnungen und Widersprüchen, liegt vor Mandy Korb. "Das ist nur aus diesem Jahr", erzählt die Oberwiesenthalerin. Die Person, um die es in all diesen Schreiben geht, ist ihr Sohn Sten.

Der Vierjährige ist der Mittlere von Drillingen, die als extreme Frühgeburten zur Welt kamen. Bei seinem Bruder Kenny wurde noch während der Schwangerschaft eine Fehlbildung des Herzens diagnostiziert, er starb wenige Wochen nach der Geburt. Und während sich Bruno gut entwickelte, erlitt Sten eine Hirnblutung. Künstliches Koma, Kopfoperationen folgten. Der heute Vierjährige ist schwerst behindert. Er kann nicht sitzen, nicht laufen, bewegt sich nur robbend über den Fußboden. Den linken Arm kann er bis heute kaum benutzen. Außerdem ist er schwerst sehbehindert.

Seine Eltern versuchen alles, um ihm das Leben wenigstens ein bisschen zu erleichtern, Fortschritte in seiner Entwicklung zu erreichen. Doch immer wieder stoßen die Eltern auf Hindernisse. Mandy Korb kann eine ganze Reihe von Beispielen aufzählen. Ganz aktuell geht es unter anderem um eine medizinische Begleitperson für ihren Sohn.

Sten besucht seit August einen speziellen Kindergarten für Sehbehinderte in Chemnitz. Täglich wird er von einem Fahrdienst von Oberwiesenthal nach Chemnitz und zurück gebracht. Da der Junge an epileptischen Anfällen leidet, bei denen die Atmung aussetzt, sitzt auch eine medizinische Begleitperson, eine Pflegedienstmitarbeiterin, mit im Auto. "Es kann jederzeit ein epileptischer Anfall auftreten", verdeutlicht Mandy Korb die Notwendigkeit. Es habe lange gedauert, bis ein Fahr- und zusätzlicher Pflegedienst gefunden wurden, die die Touren übernehmen. Der organisatorische Aufwand sei enorm gewesen, doch am Ende wurde eine praktikable Lösung gefunden. Das alles organisierten die Korbs selbst. Aber jetzt will das Landratsamt für die Kosten für die Pflegerin nicht mehr aufkommen. "Nach der aktuellen amtsärztlichen Stellungnahme und der neuen MDK-Beurteilung ist eine medizinische Begleitperson nicht mehr erforderlich", heißt es auf Nachfrage aus dem Landratsamt.

Laut den Korbs hat der Fahrdienst nun eine Aufforderung erhalten, ab November selbst eine Begleitperson zu stellen. Von Pflegedienst ist nicht die Rede, und mit dem veranschlagten Budget auch nicht zu machen, sagen die Korbs. Laut Behörde wurde dem "Beförderungsunternehmen ein Angebot unterbreitet." Sollte dieses nicht angenommen werden können, werde der örtliche Sozialhilfeträger weitergehende Angebote einholen. Das heißt: Liefert das Fahrunternehmen nicht, übernimmt ein anderes die Touren. Doch ganz so einfach ist es laut den Korbs nicht. Zum einen haben sie großes Vertrauen zu dem jetzigen Fahrer, das gelte auch für ihren Sohn Sten. Zudem kommt für die Familie nur eine medizinische Begleitperson und keine x-beliebige in Betracht. "Es geht um das Leben meines Sohnes." Das Gutachten, auf das sich die neue Bewertung des Landratsamtes bezieht, ist laut den Korbs fehlerhaft, wenn nicht sogar falsch. Darin sei beispielsweise von Fieberkrämpfen die Rede. Die Familie hat bereits die Richtigstellung des Gutachtens gefordert.

Doch der Fahrdienst und die medizinische Begleitperson sind nicht die einzigen Probleme. Die Familie wartet unter anderem seit Langem auf einen Schwerstbehindertenausweis mit dem Merkzeichen "aG", um auf Behindertenparkplätzen parken zu dürfen. Nach dem erfolglosen Erstantrag legte die Familie sogar Klage ein, doch das Prozedere zog sich so lange hin, bis bereits ein Folgeantrag gestellt werden musste. Also wurde die Klage zurückgezogen, ein neuer Antrag gestellt - bisher ohne Zusage. Laut Landratsamt muss zunächst eine gutachterliche Stellungnahme eingeholt werden. Liegt diese vor, fällt die Entscheidung. Wann es so weit ist, bleibt offen.

Auch der Antrag auf einen Rollstuhl mit spezieller Sitzschale ist kein Selbstläufer. Vor Kurzem wurde Sten vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) begutachtet. Der Rollstuhl wurde laut AOK daraufhin befürwortet, allerdings nicht die Sitzschale, wie Mandy Korb erzählt. Für Sten sei der Rollstuhl so völlig unnütz. Die Familie wünscht sich zudem ein wenig Entlastung und hat für zehn Stunden pro Woche eine häusliche Krankenpflege beantragt. Doch Missverständnisse und Zuständigkeitsprobleme verzögern die Bearbeitung.

Und die Liste der nicht bewilligten oder in der Schwebe hängenden Hilfsmittel und Erleichterungen ist lang. "Kaum etwas geht beim ersten Mal durch." Immer wieder müssen Widersprüche geschrieben und sogar Klagen eingereicht werden. Dabei würden Mandy Korb und ihr Mann Sven die Zeit viel lieber nutzen, um mit ihrem Sohn zu spielen. "Wir bedauern die Behörden, weil sie sich mit dem ganzen Bürokratismus uns und auch sich selbst das Leben leider nur unnötig schwer machen."

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3Kommentare
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  • 1
    2
    Dorpat
    15.11.2016

    Das Problem für die Familie ist, ihr Kind ist kein UMA (Unbegleiteter minderjähriger Ausländer). Dafür stehen pro Kind zwischen 3.500 und 5.000 Euro im Monat zur Verfügung.

  • 6
    0
    OpaTroll
    07.10.2016

    Es ist traurig so was zu lesen. Keiner wünscht sich in so eine Situation zu kommen und wenn es dann doch passiert, erschwert die hochgelobte deutsche Bürokratie das ohnehin schwierige Leben.
    Eigentlich eine Schande in einem so reichen Land, wo jeden Tag von boomender Wirtschft und Überschüssen geredet wird.

  • 6
    0
    Steuerzahler
    07.10.2016

    Eine Erfahrung, die Eltern behinderter Kinder tagtäglich machen dürfen, wenn die üblichen Bürokraten über Wohl oder Wehe dieser Kinder entscheiden. Da steht das Kindeswohl an allerletzter Stelle und es wird eine Sparsamkeit an den Tag gelegt, die an anderer Stelle bei öffentlichen Ausgaben vollkommen vermisst wird. Zudem ist es übliche Praxis, dass vom MDK oder Pflegekasse in den seltensten Fällen etwas ohne Widerspruch und Klage genehmigt wird. Jeder Betroffene und jede Pflegeperson kann ein Lied davon singen.



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