Frau Kadner und ihre irakischen Bodyguards

Ende Oktober wurde einer 81-jährigen Annabergerin eine Unachtsamkeit zum Verhängnis. Sie stürzte unweit eines Supermarktes. Als sie wieder zu sich kam, standen mehrere Ausländer um sie herum. Was die Frau danach erlebte, hätte sie sich so nicht vorstellen können.

Annaberg-Buchholz.

Noch immer kann Ingrid Kadner ihre rechte Hand nicht so bewegen, wie sie es gewohnt war. "Sie ist auch noch etwas dick", sagt die Annabergerin und legt ihre linke Hand zum Vergleich daneben. "Naja, zum Glück war nichts gebrochen", fügt sie hinzu. Ja, die 81-Jährige hatte Glück im Unglück, als sie am 30. Oktober nach einem Einkauf im Edeka-Markt im Barbara-Uthmann-Ring schnell über die grüne Fußgängerampel wollte. Irgendwie blieb Ingrid Kadner dabei aber an einem Bordstein hängen und stürzte.

"Ich bekam keine Luft mehr, konnte mich nicht bewegen und habe wohl auch eine Weile gelegen, bis ich Stimmen um mich herum hörte. Ein Mann sagte immer ,Augen aufmachen', ,Augen aufmachen'", erzählt die Annabergerin. Als sie wieder auf die Beine gestellt wurde und die Augen öffnete, habe sie erst einmal nicht gewusst, wo sie ist. "Ich sah drei Männer mit dunkler Hautfarbe, die auch noch alle schwarz gekleidet waren", so Ingrid Kadner. Und dann sei da auch noch ein Deutscher gewesen, der gesagt habe, das die Annabergerin unbedingt in die Notaufnahme müsse. "Er rief über mein Handy noch meine Tochter an, die gerade in Chemnitz einkaufen war und fuhr mit dem Auto weg", erinnert sich die 81-Jährige.

Die drei jungen Männer, Flüchtlinge aus dem Irak, blieben indes bei ihr. Sie brachten die Frau ins Erzgebirgsklinikum und kümmerten sich "rührend" um sie, wie Ingrid Kadner sagt. Einer holte gleich einen Rollstuhl, der andere fragte sie nach ihrer Krankenkarte, um sie auf der Notaufnahme anzumelden. "Wir lassen dich nicht allein", hätten sie immer wieder gesagt.

Für Hasan Al-Ameri ist das selbstverständlich. "Sie ist doch wie meine Oma", sagt der 26-Jährige, der seit August 2015 in Deutschland lebt und auch schon seit über einem anderthalben Jahr hier arbeitet. An jenem 30. Oktober fuhr er mit seinem Freund Moustafa Kassem-Mohammed und einem weiteren Bekannten an die rote Ampel heran, die aus dem Uthmann-Ring heraus auf die Dresdner Straße führt. "Irgendwann habe ich dann Frau Kadner gesehen, wie sie stürzte und mit der rechten Schulter und dem Kopf aufschlug. Sofort habe ich angehalten, die Warnblinker angemacht und wir sind zu ihr hin gerannt", erzählt Hasan Al-Ameri. Und er ergänzt: "In so einer Situation muss man doch helfen, alle müssen helfen. Das ist doch normal".

Die Drei wichen der Annabergerin jedenfalls nicht mehr von der Seite. Fuhren sie zum Röntgen und warteten mehr als drei Stunden, bis Tochter und Schwiegersohn im Klinikum eintrafen. "Er wollte dann den Dreien etwas Geld geben. Doch das haben sie nicht genommen", erinnert sich die Annabergerin. Das werde sie nie vergessen, ebenso wenig die Blicke der Leute im Krankenhaus. "Die haben alle ganz schön dumm geguckt. Sie haben bestimmt gedacht, entweder werde ich entführt oder das sind meine Bodyguards", sagt Ingrid Kadner mit einem Lächeln. Für sie war es ein Bedürfnis, sich bei "ihren Jungs", wie sie sie nennt, mit einem Dankesstollen von "Freie Presse" und der Ehrenfriedersdorfer Bäckerei Nönnig zu bedanken. Den gab's am Dienstag auf dem Annaberger Weihnachtsmarkt. Im Anschluss fragte Hasan Al-Ameri die Annabergerin, wie sie nach Hause kommt. "Mit dem Bus", entgegnete sie. Darauf der 26-Jährige: "Na komm, wir fahren dich".

Kontakt: Wenn auch Sie einem Menschen auf diese Weise Danke sagen möchten, schreiben Sie an "Freie Presse" Annaberg, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz. Natürlich können Sie Vorschläge für einen Dankesstollen auch per E-Mail senden an red.annaberg@freiepresse.de.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 6 Bewertungen
5Kommentare
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  • 27
    14
    Deluxe
    06.12.2018

    Die Frage ist doch nicht, ob man helfen muß. Darüber sollte man nicht sprechen müssen, weil es eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

    Die Frage ist, warum man in diesem speziellen Fall einen Zeitungsartikel aus dieser Selbstverständlichkeit macht.

    Hätte es diese Berichterstattung auch gegeben, wenn im Wagen drei junge Männer ohne Migrationshintergrund gesessen hätten? Wohl kaum.

    Und genau deshalb ist dieser Artikel für mich fragwürdig.
    Weil er den Verdacht nicht entkräften kann, eine politische Botschaft im Gepäck zu haben.

  • 22
    4
    ralf66
    06.12.2018

    Wenn man bei einem Unglück gerade mal dazukommt muss man helfen, sonst wäre es unterlassene Hilfeleistung, in dem Fall waren es eben 3 Ausländer.

  • 27
    7
    CPärchen
    06.12.2018

    Mir persönlich tut es gut, auch mal solche positiven Nachrichten zu lesen über Asylanten. Bitte liebe FP jetzt aber nicht anfangen nur noch positiv zu schreiben. Bleiben Sie in allen Seiten kritisch und neutral

  • 41
    5
    DTRFC2005
    06.12.2018

    @mathausmike: Meine Güte, warum vergibt man Ihnen rote Daumen. Sind manche Menschen echt so empathilos geworden? Ich schließe mich mal an und Danke auch der Freie Presse für diese Geschichte. Es ist tatsächlich nicht selbstverständlich, das man sich gegenseitig hilft. Ich denke da gerade an die Handyfilmer auf der Autobahn, die statt zu helfen, lieber ihr Handy zücken und filmen.

  • 40
    4
    mathausmike
    06.12.2018

    Ein Dank an die Beiden.
    Wie Sie geholfen haben,Zeit und anderes keine Rolle spielte,sollte beispielweisend für uns sein,die wir manchmal in solch einer Situation vielleicht eher die Augen zumachen und danach unseren eigenen Weg weitergehen.



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