Gab es den ersten Wolfsriss bereits in Johanngeorgenstadt?

Zwei Wochen bevor Wölfe in Oberwiesenthal fünf Schafe angriffen, wurde am Rand der Bergstadt ein durch Kehlbiss getötetes Reh gefunden. Der Vorfall ist von den Behörden aber nicht untersucht worden.

Johanngeorgenstadt/Oberwiesenthal.

Seit wenigen Tagen hat das Erzgebirge seinen ersten bestätigten Wolfsriss. Fünf Schafe aus einem Stall bei Oberwiesenthal wurden von einem oder mehreren Wölfen angegriffen. Die Schafe flohen aus dem Stall, zwei wurden getötet, drei mussten aufgrund ihrer schweren Verletzungen von einem Tierarzt eingeschläfert werden. Was erst jetzt bekannt wurde: Eine Woche vor dem Wolfsangriff bei Oberwiesenthal gab es in Johanngeorgenstadt einen möglichen Hinweis darauf, dass sich Wölfe in der Region herumtreiben.

Am 5. April fand eine Frau aus der Bergstadt am Waldrand im Ortsteil Pachthaus den Kadaver einer Hirschkuh, die wohl durch einen Biss in die Kehle getötet wurde. Ein solcher Angriff wird meist mit Wölfen in Verbindung gebracht. Als Angreifer kommt jedoch auch ein starker Hund infrage. Wer es war, kann zweifelsfrei nur beantwortet werden, wenn Fachleute das tote Tier begutachten. Das ist nicht geschehen. Die Behörden haben die Finderin von Pontius zu Pilatus geschickt.


Die Frau meldete ihren Fund einem Förster in Johanngeorgenstadt, der sie an das Büro des Forstbezirks Neudorf in Schwarzenberg verwies. Von dort wurde der Finderin per E-Mail mitgeteilt, dass die Untere Jagdbehörde des Erzgebirgskreises zuständig sei. Tatsächlich dürfen die Sachsenförster keine Rissbegutachtungen vornehmen, wie Forstbezirksleiter Matthias Weinrich der "Freien Presse" erklärte. "Finden wir verdächtige Risse, melden wir das entweder an das Wildmonitoring der Uni Dresden oder an die Wolfsbeauftragte des Landkreises. Die entscheiden dann, was zu tun ist."

Den Johann'städter Fund kennt Weinrich nicht, in der E-Mail an die Bürgerin schreibt seine Dienststelle aber, dass deren Hinweis samt der beigefügten Fotos an die Untere Forstbehörde des Landkreises weitergeleitet worden sei. Sogar ein Aktenzeichen wurde der Frau mitgeteilt: 8534. Beim Landkreis indessen soll die Nachricht nicht angekommen sein. Weder der Unteren Jagd-, noch der Unteren Naturschutzbehörde lägen Informationen oder Unterlagen zu dem Tierkadaver aus Johanngeorgenstadt vor, teilte eine Sprecherin des Erzgebirgskreises mit. Da der Fund nicht bekannt sei, sei auch keine Begutachtung erfolgt.

Zu einer Warnung an Tierhalter, dass Wölfe im Erzgebirge nicht mehr bloß eine theoretische Möglichkeit sind, konnte es also nicht kommen. Acht Tage, nachdem der Kadaver der Hirschkuh entdeckt wurde, griffen Wölfe die Schafe in Oberwiesenthal an. Die Besitzerin der getöteten Tiere, Romy Schmidt vom Alpakahof Traumweide, sagt: "Hätten wir eine solche Information bekommen, hätten wir unseren Stall so stark verrammelt, wie wir es seit dem Wolfsangriff tun. Wenn man weiß, dass die Gefahr da ist, geht man ganz anders damit um."

Schmidt und ihr Partner Fritz Jürgen Hieke haben der Landkreisverwaltung vorgeworfen, nur schleppend tätig zu werden. Die Untersuchung des Vorfalls sei auf ihre eigene Initiative hin durch die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen erfolgt. Man habe den Eindruck gewonnen, dass man im Landratsamt völlig unvorbereitet gewesen sei.

Schmidt und Hieke fordern jetzt eine präventive Abschreckung der Wölfe, die inzwischen mehrfach unweit der Wohnbebauung in Oberwiesenthal gesichtet worden seien.

Ob der Tod der Hirschkuh zu einer Warnung an Tierhalter hätte führen müssen, ist freilich offen, da neben dem Wolf auch andere Raubtiere als Verursacher in Frage kommen. Wobei es als unwahrscheinlich gilt, dass der in der Gegend umherstreifende Luchs der Angreifer war. An Wild derartiger Größe wagt sich ein Luchs für gewöhnlich nicht heran. Ein solcher Fall sei ihm auch nicht bekannt, sagt Forstbezirksleiter Weinrich. "Wölfe haben dagegen den Vorteil des Rudels."

Die Stadt Johanngeorgenstadt hat den Kadaver der Hirschkuh entsorgt. "Er liegt zur Abholung durch die Tierkörperbeseitigung eingefroren im Bauhof bereit", sagt Bürgermeister Holger Hascheck. (mit irme)

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