Katrin Huß: Viel Bilanz und ein bisschen Abrechnung

Katrin Huß, das einstige Gesicht von "Hier ab vier", war im Juli 2016 aus heiterem Himmel zurückgetreten. Doch heiter war es für sie schon lang nicht mehr - gab sie am Mittwoch in Annaberg-Buchholz zu.

Annaberg-Buchholz.

Auf der kleinen Bühne in der "Alten Brauerei" in Annaberg-Buchholz stehen am Mittwochabend ein Tisch mit Laptop, dazu eine alte Sofalampe und eine Leinwand. Katrin Huß wirkt irgendwie wie einst im Fernsehen: Zierlich, auffallend attraktiv und ausdrucksstark. Sie spricht mit fester, sympathischer Stimme, trägt Jeans, eine schicke Jacke und eher sportliche Schuhe.

Mehr als 50 Gäste sind zu diesem Kulturmittwoch gekommen, um Katrin Huß, die sich scheinbar aus heiterem Himmel vor zwei Jahren aus dem Fernsehgeschäft zurückgezogen hat, wieder einmal zu sehen. Die Erwartungshaltung dürfte groß gewesen sein, denn in der Ankündigung hieß es, dass die ehemalige Fernsehmoderatorin erzählen wollte, warum sie bei "Hier ab vier" aufgehört habe. Und das tut sie auch - allerdings erst ganz zum Schluss in etwas größerer Ausführlichkeit, zwischendurch blitzt lediglich auf, was der ein oder andere ahnte ...

Dass sie ihr Handwerk versteht, wird innerhalb weniger Minuten klar. Die 49-Jährige kann frei sprechen, gestikuliert und reißt ihre Zuhörer mit. Sie erzählt von der jungen Studentin, die sie Ende der 1980er Jahre einst war, die Lust auf Journalismus hatte und von einer Karriere als Sportreporterin träumte - ohne auch nur ein bisschen Ahnung von Fußball zu haben. Heinz-Florian Oertel war ihr großes Idol. Mit der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR öffneten sich für Huß völlig neue Türen. Als sie hörte, dass ihr ehemaliger Schulfreund Thomas Böttcher "der Schul-DJ" plötzlich im Radio vor dem Mikrofon stand, dachte sie sich: "Wenn er moderieren kann, dann kann ich zumindest das Wetter vorlesen." Also ging sie zunächst zu Radio PSR. Bei Radio Leipzig bekam sie ihre erste eigene Sendung, das Leipziger Allerlei. Radio war ihr irgendwann nicht mehr genug, sie wollte zum Fernsehen und ging nicht gerade den konservativsten Weg. Bei einer Ausstellung sprach sie einen Verantwortlichen an und teilte ihm ihre Pläne mit. Nachdem sie bei einem Nachrichten-Casting als Moderatorin auffiel, war der Weg zu einem Volontariat geebnet, wenngleich auch ihre Bewerbung zunächst auf einem 400er Stapel landete, von denen der MDR nur zehn junge Leute nahm - Katrin Huß war darunter.

Die Moderatorin ist Feuer und Flamme, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Sie brennt heute noch genauso, wie sie einst für viele ihrer Studiogäste und für ihre Reportagen brannte. Es ist eine Mischung aus purer Lebensfreude und ganz viel Liebe für ihren Traumberuf. Zwischen ihren Ausführungen zeigt Huß gern mal eine der alten Reportagen. Dazu gehören jene, die sie beim New York Marathon oder auf dem Weg zum Gipfel des Kilimandscharos gedreht hat. In der "Alten Brauerei" zeigt Huß aber auch einen Beitrag ihres Kollegen, der sie zum Bungee-Jumping überredet hatte.

Sie berichtet nicht mit dem Blick von außen - wie es meist üblich ist - über etwas, sondern ist mittendrin und Teil ihrer Reportagen. Nach und nach wird am Mittwochabend deutlich, was die Fernsehfrau Katrin Huß eigentlich ausmachte, was ihre Stärke vor der Kamera war. Vermutlich war sie von jeher mehr Reporterin als Moderatorin, ein kreativer Kopf, der journalistische Regeln gern mal außer Kraft setzte und lieber authentisch herüberkam, als objektiv und sachlich. Emotionen statt Fakten transportierte sie in ihren Beiträgen.

Der ein oder andere im Publikum stellte sich im Laufe des Abends ganz sicher die Frage, warum hat sie nach 18 Jahren überhaupt aufgehört. Aufgehört mit einer Herzensangelegenheit, die es für sie war. Nur ganz zaghaft kommt Katrin Huß - nach mehr als zwei Stunden - darauf zu sprechen, erzählt von Problemen mit Kollegen und nimmt schließlich das Wort "Mobbing" in den Mund. Sie wurde gemobbt und ab 2015 zudem zu politischen Interviews in ihren Sendungen gedrängt, die sie so nicht mehr verantworten wollte.

Es scheint fast so, als muss sie sich das Ganze mit dem Abstand von fast zwei Jahren einfach von der Seele reden und auch schreiben. Mittlerweile ist ihr Buch "Die traut sich was" auf erschienen. In Annaberg-Buchholz fand es bei der Veranstaltung reißenden Absatz. Manch ehemaliger Kollege wird darüber nicht glücklich sein.

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