"Kinder sind der Türöffner"

Eine Familie, die durch Nord- und Südamerika gereist ist, berichtet davon Ende März im Gornsdorfer Volkshaus - Und will Eltern motivieren

Zwei Jahre lang waren Michaela Schmitt (40) und ihr Mann Thorben (34) mit einem alten Mercedes-Lkw von Alaska nach Feuerland unterwegs, mit dabei ihre Tochter Romy. Unterwegs wurde Sohn Levi geboren. Darüber werden sie am 30. März in Gornsdorf berichten. Über die Art, mit Kindern zu reisen und warum es das Wort "kinderfreundlich" in Südamerika gar nicht gibt, hat Kathrin Neumann mit ihnen gesprochen.

Freie Presse: Sie sind zwei Jahre lang entlang der Panamericana gereist von Nord- bis zur Südspitze Amerikas. Wie kommt man auf diese Idee, wenn die Tochter gerade ein Jahr alt ist?

Michaela Schmitt: Wir sind schon immer gerne gereist und haben gedacht: Wenn wir mal Kinder haben, dann geht das nicht mehr. Unterwegs haben wir reisende Familien getroffen und gesehen: Es geht doch! Deshalb haben wir 2010 in Indien beschlossen, weiter zu reisen - dann aber mit Kind.

Wann sind Sie dann gestartet?

Als Romy ein Jahr alt war, sind wir los. Wir mussten ja aufs Kind warten. Romy ist heute fünf.

Hand aufs Herz: Wie reist es sich schöner - mit oder ohne Kinder?

Es ist anders. Man kann nicht ewig im Bett liegen bleiben, nicht acht Stunden am Stück fahren. Man macht mehr Pausen. Aber wir haben durch die Kinder mehr Kontakt zu den Einheimischen. Sie sind der Türöffner. Wir haben alles gemacht, was wir auch ohne Kinder machen wollten: waren wandern und klettern. Die Kinder waren immer mit dabei. Zu unseren Vorträgen sind Eltern mit Kindern ausdrücklich eingeladen. Das ist unser Anliegen: Es gibt keinen Grund, sich mit Kindern nichts zu trauen. Ich mag aber auch das Wort kinderfreundlich nicht. In Südamerika gibt es das nicht. Da ist es selbstverständlich, dass alles für Kinder geeignet ist. Auch Reisen geht mit Kindern viel besser als mancher denkt. Meist sind es die Ängste der Eltern, die sich übertragen. Sie sind es, die bremsen. Dabei ist es so schön, mit Kindern zu reisen, weil man Zeit miteinander verbringt - vor allem für Thorben ist das toll. In der Regel sehen Väter ihre Kinder abends, wenn sie von der Arbeit heim kommen.

Unterwegs ist einer dazu gekommen: Levi. Er ist in Mexiko geboren. Haben Sie sich keine Sorgen gemacht, ob alles gut geht?

Nein, warum? Überall auf der Welt werden Kinder geboren. Ich war da entspannt. Man kann sich Probleme auch einreden. Wir hatten immer die Prämisse: Solange es uns allen gut geht. Außerdem haben wir unsere Wohnung behalten, um jederzeit zurückkehren zu können.

Haben Sie Länder gemieden?

Gar nicht. Wir haben nur geschaut, dass wir aus den USA herauskamen, weil dort die Entbindung richtig teuer geworden wäre. Womöglich darf Levi irgendwann nicht mehr in die USA, weil er ja Mexikaner ist. Aber ich glaube, es gibt Schlimmeres. Dafür darf er sich in der Karibik ein Grundstück kaufen (lacht).

Haben Sie für die Reise Ihre Jobs gekündigt oder konnten Sie Sabbat nehmen?

Mein Mann war vor der letzten Panamericana-Reise angestellt, und hat gekündigt. Bevor wir in Indien waren, war er selbstständig und hat das stillgelegt. Es ist in Deutschland relativ einfach, wieder Fuß zu fassen.

Haben Sie unterwegs gearbeitet?

Nein, wir wollten frei sein. Nicht an Terminen oder freies W-Lan gebunden sein. Unser Wunsch ist, unsere Kinder aufwachsen zu sehen.

Sie waren von Juni 2015 bis Juli 2017 unterwegs. Jetzt haben wir 2019. Gibt's schon neue Pläne?

Wir wollen auf jeden Fall wieder los, wollen das ausnutzen, bevor Romy in die Schule kommt. Eigentlich würde sie dieses Jahr eingeschult.

Das wird aber knapp.

Nicht unbedingt. Wir sind auf der Suche nach einer Schule, die sie befreien würde. Wir würden sie selbst unterrichten und wenn wir zurück sind, könnte sie wieder einsteigen.

Wie lange wollen Sie weg?

Am liebsten ein bis anderthalb Jahre. Unser Ziel ist die Seidenstraße: Russland, Mongolei, die ganzen Stan-Länder, vielleicht auch Indien und Nepal oder sogar bis nach Japan.

Das Problem ist dabei die Schulpflicht.

Richtig, aber das ist in Deutschland Auslegungssache und daher vom Schulleiter abhängig.

Was wenn Sie keine Schule finden, die das mitmacht?

Dann melden wir uns aus Deutschland ab. Uns ist es wichtiger, unseren Kindern die Dinge, die die Welt zu bieten hat, zu zeigen. Die Tiere und Pflanzen, die Gletscher und Strände. Und ihnen zu zeigen, wie gut die Welt eigentlich ist. Und dass die Menschen, je ärmer und weiter weg von der Zivilisation sie leben, umso offener und hilfsbereiter sind.

Ist das die wichtigste Erkenntnis beim Reisen?

Ja. Uns erdet das Reisen. Man braucht nicht viel. Acht Quadratmeter reichen, für jeden einen Teller, eine Gabel, ein Messer. Wir brauchen so wenig, gewinnen aber so viel. Nur die Familie ist wichtig. Für die Kinder habe ich nur eine Kiste Lego und ein paar Bücher dabei. Sie spielen lieber mit Muscheln oder Steinen.


Veranstaltung und Buch

Der Vortrag der Familie Schmitt beginnt am 30. März um 16 Uhr.

Das Buch "Ausreißer - Abenteuer Panamericana. In zwei Jahren von Alaska nach Feuerland" umfasst 484 Seiten. ISBN-13: 978-3000594274

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