Pfarrer Matthias Brand tauscht den Talar gegen Gartengeräte

Der Gottesdienst am Sonntag in Neundorf wird kein alltäglicher sein, der eine Woche später in Wiesa noch weniger: Die Gemeinden verabschieden sich von ihrem langjährigen Seelsorger. Doch er war in all den Jahren noch so viel mehr.

Wiesa/Neundorf.

"Wir haben viel erlebt/'ne Geschichte, die uns ewig bleibt/Und haben viel gesehen/Dass es gut für hundert Leben reicht." Die Liedzeilen von Sänger Johannes Oerding kommen einem in den Sinn, wenn Pfarrer Matthias Brand zu erzählen beginnt. Der gebürtige Oberwiesenthaler, Jahrgang 1955, aufgewachsen in Sehma und Cunersdorf trägt seit 1978 den Talar. War zunächst Vikar in seiner Geburtsstadt und später Pfarrer in Waldenburg, bevor in sein Dienst vor 27 Jahren nach Wiesa führte. Aufregende Zeiten, die ihn immer wieder neu forderten und in denen er nie nur allein Seelsorger war.

Denn der gelernte Zerspanungsfacharbeiter, der sich nach der kurzen Begegnung mit einem Pfarrer in einem Krankenhaus für ein Theologie- und nicht für ein Ingenieurstudium entschieden hat, hat sich schon immer eingemischt. Denn irgendwie waren es immer "spannende Zeiten": In den knapp zwölf Jahren von 1980 bis 1991 in Waldenburg, in denen sich Friedens-, Umwelt und Menschenrechtsbewegungen auch hierzulande entwickelten und schließlich in der friedlichen Revolution gipfelten, zu deren Anführer er in Waldenburg wurde. Jahre, in denen er auch die Staatssicherheit und ihre Arrestzellen kennenlernte. Doch davon ließ er sich ebenso wenig beeindrucken, wie in seinem späteren Arbeitsort Wiesa vom Funktionärsfilz in der damaligen Waffenfabrik, wo er - kaum neu im Pfarramt - als Streikvermittler angeheuert worden war. Er, "der heimliche Sozi", der er seit 1977 ist, was ihn auch den Spitznamen "der rote Pastor" eingebracht hat.

Leicht hatte er es im Erzgebirge nie, räumt er ein. "Ich denke, dass einen der liebe Gott auf eine Spur schickt", sagt er. Diese Spur führte ihn schließlich auch nach Annaberg-Buchholz - zu seinem "Lebenswerk", wie er es selbst nennt: die Evangelische Schulgemeinschaft Erzgebirge. Es war nicht nur Mitbegründer des Schulvereines, er war auch viele Jahre Vorstandsvorsitzender, war Religionslehrer und Schulpfarrer. Für ihn ist die Schule auch heute noch "eine Kette von Wundern". Denn was einst als kleinste Schule Deutschlands mit 28 Schülern und drei Teilzeitlehrern begonnen worden war, hat sich längst zur größten freien Schule Sachsens gemausert. Und die Nachfrage ist ungebrochen. Eine für ihn durch und durch positive Geschichte. Auch wenn sie ihm die wohl schwersten Momente in seiner Zeit als Seelsorger beschert hat - mit dem tragischen Busunfall im Herbst 2015 mit 59 Schülerinnen und Schülern sowie fünf Lehrern der Schulgemeinschaft auf der A 4 bei Erfurt. Bilder, die sich in sein Gedächtnis im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt haben: von dem ausgebrannten Wrack des Busses, von dem aufgebahrten toten Vierjährigen; aber auch von dem bewegenden Gedenkgottesdienst Tage später in der heimischen Sankt Annenkirche.

An den nächsten beiden Sonntagen wird es wieder bewegende Gottesdienste geben, auch wenn er daran lieber noch nicht denkt. Dann heißt es Abschied nehmen - in dieser Woche von der Kirchgemeinde in Neundorf, in der nächsten Woche von der Kirchgemeinde in Wiesa. Denn ab dem 15. September heißt es für den dreifachen Vater und mittlerweile siebenfachen Opa "Rente für immer". Allerdings muss sich der Unruhegeist vor zu viel Ruhe wahrscheinlich nicht fürchten, denn "die Interessenten stehen schon Schlange", verrät er. Dann ist da ja auch noch das Elternhaus in Cunersdorf, in das er mit seiner Frau Leonore wieder gezogen ist, dass mit dem großen Garten wieder ganz neue Herausforderungen für ihn bereit hält. Und vielleicht bleibt ja bald auch wieder mehr Zeit für die Querflöte, die er seit der Kindheit spielt, für den Schiffsmodellbau und zum Malen - immerhin liegt seine letzte Ausstellung in Leipzig schon wieder zwei Jahre zurück.

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