Physik wird zu einem großen Experiment

Wegen Lehrermangels kommt bei den 7. Klassen im Landkreisgymnasium Annaberg-Buchholz eine Naturwissenschaft zu kurz. Muss das Fach ab dem nächsten Schuljahr ganz gestrichen werden?

Annaberg-Buchholz.

Bildung und Medizin haben offenbar ein sehr ähnliches Problem. Hochschulabsolventen der jeweiligen Fachbereiche machen um den ländlichen Raum einen großen Bogen. Und so muss nach einem Monat des neuen Schuljahres vielerorts festgestellt werden, dass es genauso begonnen hat, wie das alte geendet ist: mit Lehrermangel und Unterrichtsausfall. Nicht einmal im Erzgebirge kann man sich Lehrer schnitzen. Zudem wäre es zu kurzsichtig, dem Landesamt für Schule und Bildung für die Misere einen Vorwurf zu machen, sagt Udo Liebelt, Leiter des Landkreisgymnasiums "St. Annen" Annaberg-Buchholz. Wenn keine Lehrer da sind, könne die Behörde auch keine vermitteln.

Dennoch reibt es ihn auf, dass das Gymnasium mit Beginn dieses Schuljahres erstmals mit einer planmäßigen Kürzung klarkommen muss, weil ein Physiklehrer fehlt, der mit Beginn der Sommerferien in den Ruhestand gegangen ist. Die Folge dieses Lehrermangels müssen die vier siebten Klassen ausbaden. Deren Wochenstunden sind von zwei auf eine gekürzt worden. Und eine Besserung ist nicht in Sicht, eher umgedreht. Mit dem nächsten Schuljahr 2019/20 droht sich die Situation weiter zu verschärfen. Dann haben zwei weitere Lehrer mit der Fächerkombination Mathematik/Physik die Schule in Richtung Ruhestand verlassen, weiß Liebelt.

Schon im vergangenen Schuljahr hatte der Unterrichtsausfall am Landkreisgymnasium, dem einzigen staatlichen im Altkreis Annaberg, zu großen Problemen geführt. Und das, obwohl die Schule am 7. August 2017 zunächst mit voller Kapelle begonnen werden konnte. "Alle Stellen waren besetzt, wenn auch ohne Reserven", erklärt Liebelt. Ab November sei es dann aber zu einem längerfristigen Ausfall eines Kollegen gekommen sowie zu mehreren Grippefällen, in deren Folge Lehrer auch gleich einmal bis zu vier Wochen krank waren. Damit war die bis dahin sehr gute Bilanz Geschichte. Am Ende des Schuljahres stehen laut Statistik des Landesamtes für Schule und Bildung, Standort Chemnitz, 4,4 Prozent Unterrichtsausfall zu Buche. Nur sechs von insgesamt 25 Gymnasien im Bereich Chemnitz sind in dieser Statistik noch schlechter. "In einer solchen Situation kann ich auch nicht den verbliebenen Kollegen über Gebühr zusätzliche Stunden aufbürden, damit es nicht zu weiteren belastungsbedingten Ausfällen kommt", sagt Liebelt.

Aus all diesen schwierigen Situationen macht der Leiter des Gymnasiums nach außen hin kein Geheimnis. Ganz offen diskutiert er die Dinge etwa mit den Elternvertretern. Das bestätigt die Vorsitzende des Elternrats, Kathleen Werwisch. Es finde regelmäßig ein Austausch statt, sagt sie, etwa in der Elternkonferenz. "Allerdings ist es auch für uns Eltern schwer, an der Situation des Lehrermangels erfolgreich etwas zu ändern", sagt Werwisch. Man könne nur immer wieder an Kultus schreiben und sich über die unbefriedigende Situation beschweren.

Noch, so sagt auch Werwisch, halte sich der Unterrichtsausfall in diesem Schuljahr in Grenzen. Zu diesem seit Schuljahresbeginn fehlenden Physiklehrer kämen aktuell lediglich noch zwei weitere krankheitsbedingte Ausfälle hinzu. Das betreffe hauptsächlich das Fach Biologie. "Unser Ziel ist es unter diesen Bedingungen insbesondere den Anfangsunterricht der neuen, fünften Klassen abzusichern", betont Schulleiter Liebelt, der selbst auch mehrere Vertretungsstunden schiebt.

Ein anderes Problem: Der Unterrichtsausfall wie etwa aktuell im Fach Physik hat dabei nicht nur Auswirkungen für den Moment - er wirkt auch nach. "So kann sich bei den Schülern der jetzigen 7. Klassen, die mit den Stundenkürzungen leben müssen, in der 10. Klasse durchaus die Frage stellen, ob sie überhaupt den Leistungskurs Physik belegen können", blickt Liebelt voraus. Die Abiturprüfungen in der 12. Klasse sieht der Schulleiter hingegen nicht gefährdet.

Das sieht auch Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums, nicht anders. Schulen hätten die Möglichkeit, flexibel auf krankheitsbedingte Ausfälle zu reagieren. Falle zum Beispiel ein bestimmter Fachlehrer krankheitsbedingt für längere Zeit aus und findet sich kein Ersatz, könne der Unterrichtsumfang in einem anderen Fach vorübergehend erhöht werden. "Der ausgefallene Fachunterricht wird dann zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt, indem die Wochenstundenzahl erhöht und in dem anderen Fach abgesenkt wird", erläutert Reelfs. Ob das am Ende in allen Fällen auch so funktioniert, bleibt abzuwarten. Ansonsten heißt es, mit den Worten der Mediziner gesprochen: "Operation gelungen, Patient tot".

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