Schlossergeselle will wiederkommen

Mehr als vier Jahre ist Benedikt Walbrecht auf der Walz. Auch ins Erzgebirge hat es ihn schon verschlagen. Dort hat er an einem für ihn ungewöhnlichen Werkstoff Gefallen gefunden.

Annaberg-Buchholz.

Vorerst ist er aus dem Stadtbild von Annaberg-Buchholz wieder verschwunden - der junge Mann in der auffälligen blauen Montur und mit dem noch auffälligeren schwarzen Hut: Benedikt Walbrecht. Seit mehr als vier Jahren auf der Walz, hat der gebürtige Hesse seinen Aufenthalt im Erzgebirge unterbrochen, um eine Schmiedin - eine gute Reisekameradin, die er während seiner Wanderschaft kennengelernt hat - auf dem letzten Stück ihrer Walz bis zu ihrem Heimatort zu begleiten. So ist es Brauch bei den wandernden Zunftgesellen. Viele Freundschaften sind so schon entstanden und viele Kontakte, die bleiben. Etwas, was dem 32-Jährigen wichtig ist - genauso wie die Gepflogenheiten und Rituale der Walz.

Offiziell gibt es den Beruf des Schlossers gar nicht mehr - wie auch der Schmied nicht mehr als Beruf existiert. Die beiden Traditionsberufe sind seit 1989 unter der Bezeichnung Metallbauer zusammengefasst. Was der Begeisterung des 32-Jährigen für seine Arbeit aber keinen Abbruch tut. Aufgewachsen in Gelnhausen - auf halber Strecke zwischen Frankfurt am Main und Fulda am östlichen Rand des Rhein-Main-Gebietes gelegen - ist er seit dem 16. März 2015 auf der Walz. Dem Tag, an dem "die Handwerksgesellenwanderschaft Walz" als eine von 27 Kulturformen als "immaterielles Kulturerbe" der Unesco ausgezeichnet wurde.


Und für solch ein geschichtsträchtiges Erbe müssen schon einige Voraussetzungen erfüllt werden: allen voran der Gesellenbrief in einem traditionellen Handwerk. Zudem darf ein Wandergeselle beziehungsweise eine Wandergesellin keine Vorstrafen haben und muss schuldenfrei sein. Es darf sich nur auf den Weg machen, wer noch keine 30 Jahre und nicht verheiratet ist, noch keine Kinder hat. Handy und Auto sind ebenso wenig erlaubt wie ein fester Wohnsitz und Geld für Unterkunft sowie Fortbewegung. Die erfolgt meistens zu Fuß und "per Daumen". Schlechte Erfahrungen hat er damit noch nicht gemacht, erzählt Benedikt Walbrecht.

Als Schlosser hat er sich aber auch schon mehrfach auf Schiffen verdingt, ist so bis nach Asien gekommen - nach Indonesien und Kambodscha beispielsweise. Auch gesegelt ist er schon, von Oktober bis Dezember von Kiel nach La Palma. Wo es ihn in den zurückliegenden mehr als vier Jahren sonst noch so hin verschlagen hat, verrät ein Blick in das Innere seiner Jacke. Darin finden sich unter anderem Aufnäher aus Kanada und der Schweiz, aus Irland, Italien, Spanien, Polen, Portugal und Tschechien. Insgesamt sind es mittlerweile 13 Länder, in denen er gelebt und gearbeitet hat - in mehr als 25 Betrieben. Ein Erfahrungsschatz, den er nicht mehr missen möchte. Negative Erfahrungen hat er auch dabei noch nicht gemacht. "Auch wenn es mal keine Arbeit gab, offene Türen habe ich immer gefunden", erzählt er. Und Arbeitsverträge werden traditionell per Handschlag beschlossen. So wundert es wenig, dass Benedikt Walbrecht dem gesprochenen Wort viel Bedeutung beimisst.

In Annaberg-Buchholz hat es ihn in das Büro von Philipp Siegel verschlagen. Dort hat er ein ganz neues Arbeitsgebiet für sich entdeckt: den Werkstoff Holz. Vor allem findet er es interessant, die beiden Werkstoffe Holz und Metal miteinander zu verbinden. Und da das gemeinsame Projekt während des ersten Aufenthaltes im Erzgebirge noch nicht fertig geworden ist, will Benedikt Walbrecht noch einmal wiederkommen. Und dann will er sich auf alle Fälle auch noch ein Bergwerk anschauen. Denn auch dazu war bisher keine Zeit geblieben.

Und allmählich denkt er über das Ende seiner Wanderschaft nach. "Es ist absehbar. Spätestens im Februar des nächsten Jahres ist Schluss", sagt er. Darauf arbeitet der Hesse hin. Wenngleich er den Entschluss, auf Wanderschaft zu gehen, nie bereut hat. Nicht zuletzt, weil die Wanderschaft auch wieder die Leidenschaft für das Handwerk neu entfacht habe. Nach Süddeutschland zieht es ihn, in die Berge. Doch nicht nur die mag er, sondern auch die Mentalität der Menschen dort und die schönen Altstädte. Und vielleicht wagt der 32-Jährige ja dann sogar den Schritt in die Selbstständigkeit. Aber das wäre dann schon wieder ein ganz neues Abenteuer.


Besonderheiten der Walz

Reisegepäck ist der Charlottenburger - das Bündel mit Arbeitskleidung und Wechselwäsche. Zur Ausstattung gehören außerdem Wanderstock und Schlafsack - der "Rückzugsort" eines jeden Wandergesellen.

Kommunikationsmittel untereinander sind die Schwarzen Tafel, die es in jeder Gesellenherberge gibt. Sie sind feste Anlaufstellen für alle wandernden Gesellen.

Familientreffen gibt es nur selten außerhalb der Bannmeile. Die besteht 50 Kilometer um den Heimatort. Ansonsten erlebt die Postkarte eine Renaissance. Mehr als 200 hat Benedikt Walbrecht bisher geschrieben. (af)

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