Tourismus: Totgesagte leben länger

Als "tolle Alternative" zur unlängst eingestampften Erzgebirgscard preist der Tourismusverband Erzgebirge seine Gästekarte an. Dabei kursiert das Original weiter auf diversen Seiten im Internet.

Annaberg-Buchholz/Augustusburg.

Einen Monat nach der Einstellung seiner Erzgebirgscard wirbt der Tourismusverband Erzgebirge mit einem ähnlichen Angebot: "Mit dem Wegfall der Erzgebirgscard seit dem 1. Januar 2019 bietet die Gästekarte Erzgebirge eine tolle Alternative", heißt es in einer Mitteilung.

Käufer der alten Erzgebirgscard (Motto: 100-mal Freizeitspaß erleben) erhielten in der Region Flöha und im Erzgebirge freien Eintritt in vielen Museen, Freizeitzentren und Schlössern. Außerdem konnten sie damit kostenlos Bus und Bahn zur Anreise benutzen. Am 1. Juli 2018 trat aber das neue EU-Pauschalreiserecht in Kraft. Dessen Folge: Die Kombination zweier verschiedener Reiseleistungen - also freier Eintritt und Transport - machte die Erzgebirgscard nach diesem Recht zu einem sogenannten Paulschalange-bot. Dies hätte den weiteren Verkauf durch mehr Bürokratie erschwert. Der Verband hätte pro Card auch einen Sicherungsschein und ein Formular ausgeben müssen. Partner signalisierten, aussteigen zu wollen. Zum Ende 2018 stellte der Tourismusverband Erzgebirge daher den Verkauf und die damit verbundene Nutzung seiner Erzgebirgscard ein. Viele Nutzer bedauerten das: Allein 2017 waren 5321 Erzgebirgscards verkauft worden.

Die jetzt beworbene Gästekarte bietet weniger Leistungen. Kostenlos Bahn und Bus nutzen kann der Kartenbesitzer damit nicht. Das Projekt ist 2015 gestartet. Aktuell nehmen 15Kommunen teil. 227 Leistungsträger bieten Karteninhabern Rabatte an, etwa Schloss Lichtenwalde und das Klein-Erzgebirge Oederan. Doreen Burgold, beim Tourismusverband für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, verteidigt die Formulierung "tolle Alternative": "Wohl wissend, dass die Gästekarte Erzgebirge eine Karte für Übernachtungsgäste ist und dass der ÖPNV aktuell nicht integriert ist, sind wir dennoch der Ansicht, dass sie sich mittlerweile durchaus als Alternative zur Erzgebirgscard entwickelt hat." Solche Netzwerke und Projekte müssten jedoch wachsen.

Die totgesagte Erzgebirgscard lebt derweil im Internet weiter. So war sie am Mittwoch noch auf den Seiten des Sportparks Rabenberg und unter erlebnisland-erzgebirge.de zu finden. Auf der Homepage grenzenloses-erzgebirge.de/erzgebirgscard war sie noch in der vorigen Woche angepriesen worden. Inzwischen findet sich die Offerte dort nicht mehr.

Mit diesen Angeboten konfrontiert, erklärte Ronny Schwarz von der Marketingleitung des Tourismusverbandes: "Die Akzeptanz- und Verkaufsstellen der Erzgebirgscard wurden im Juli 2018 über die Einstellung der Erzgebirgscard zum 31.Dezember 2018 informiert. Die genannten Seitenbetreiber und weitere wurden von uns informiert und entsprechend aufgefordert, die Hinweise zur Erzgebirgscard zu entfernen." Es seien keine Vermarktungs- und Verkaufsaktivitäten der Erzgebirgscard geplant. Allerdings könne es der Verband nicht realisieren, alle Angaben zu der Karte auf allen möglichen Seiten im Internet zu überwachen.


Kommentar: Keine gute Erfindung

Werbeexperten sind erfinderisch: Da wird aus Raider schnell mal Twix. Oder Wurstscheiben liegen als "light" im Discounter-Regal, die halbe Menge zum ganzen Preis des schweren Originals. Mitunter setzt Marketing auch nur auf die Vergesslichkeit des Konsumenten. So krähte kein Hahn mehr nach der eingestampften Erzgebirgscard.

Doch jetzt tauchte sie wieder aus der Versenkung auf, wurde ausgerechnet vom Herausgeber, dem Tourismusverband Erzgebirge, zum Vergleich für dessen Gästekarte herangezogen. Dumm nur, dass diese "tolle Alternative" den von der Card bekannten Gratis-Transport nicht mehr enthält. Und als der Verband die Einstellung der Erzgebirgscard im Sommer ankündigte, war keine Rede von der Gästekarte als Alternative.

Davon kann man sich als Tourist veralbert fühlen und sich nach Alternativen für preiswerte Ausflüge umsehen. Verwirrend wird es aber, wenn das durch EU-Recht verkomplizierte Original im Internet weiter angepriesen wird. Und zwar nicht etwa als ungepflegte Karteileiche, vergessen auf irgendeiner Homepage. Sondern überarbeitet, jedoch mit alten, widersprüchlichen Preisen versehen. Das ist keine gute Erfindung.

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