Warum eine Urkunde die Stadt in Aufruhr versetzte

Die "Heilig Kreuz"-Gemeinde feiert 175 Jahre Kirchweih. Für eine Sonderausstellung ist Chronist Johannes Baumert tief in die Geschichte des Gotteshauses eingetaucht. Das wohl spannendste Kapitel hat mit dem unerhörten Fund eines Tischlermeisters zu tun.

Annaberg-Buchholz.

Rein rechnerisch leben nicht besonders viele katholische Christen in Annaberg-Buchholz. Einige Hundert Gemeindemitglieder sind es bei mehr als 20.000 Einwohnern. Doch von der Kinderbetreuung im kirchlichen Kinderhaus St. Michael über die Malteser bis hin zur Altenpflege im Sankt-Anna-Heim: Aus dem Alltagsleben in der Kreisstadt sind Katholiken und katholische Einrichtungen nicht wegzudenken. Ihr im Stadtbild für alle sichtbares Antlitz ist die Kirche Heilig Kreuz an Ecke Große Kirchgasse/Mariengasse. Ihre Gemeinde feiert in diesem Herbst 175 Jahre Kirchweih - ein Jubiläum, das es so nicht geben sollte, wäre es damals nach einigen Zeitgenossen gegangen. Dafür verantwortlich: der Fund einer ominösen Urkunde durch den Tischlermeister Chr. A. Schorler drei Wochen vor der geplanten Kircheneinweihung. "Da gab es richtig Ärger", sagt Johannes Baumert (76). Der Chronist der Kirchgemeinde hat für eine Sonderausstellung zum Jubiläum Archive besucht, Akten und Bücher gewälzt, ist bewandert in der Geschichte des Gotteshauses.

Um zu verstehen, warum ein Schriftstück zum Politikum werden konnte, kommt man um ein Ereignis nicht herum: die Reformation. Mit dem Tod Herzog Georgs des Bärtigen, einem entschiedenen Gegner der Lehren Martin Luthers, fielen die hiesigen Gotteshäuser in die Hand der Lutheraner. 1539 wurde die St.-Annen-Kirche evangelisch - das katholische Leben im Erzgebirge endete praktisch für lange Zeit.


Erst 300 Jahre später strömten mit der Industrialisierung und ihrem Hunger nach Arbeitskräften Menschen in die Region, mit ihnen wuchs auch die Zahl der Katholiken wieder. Rund 750 soll es 1843 im oberen Erzgebirge gegeben haben - eine Kirche hatten sie nicht. Für den Besuch einer Messe mussten sie viele Stunden bis nach Chemnitz oder Zwickau laufen.

Das sollte sich mit dem Vermächtnis des Ignaz Bernhard Mauermann ändern. Der 1841 verstorbene Bischof und Apostolische Vikar im Königreich Sachsen verfügte, dass man im Kammgebiet des Erzgebirges dort eine katholische Kirche bauen solle, wo sie am notwendigsten sei. Die Wahl fiel auf Annaberg.

Nach dem Erwerb des Grundstücks liefen die Bauarbeiten zügig. "Doch wenige Wochen vor der geplanten Einweihung ging der Knatsch los", sagt Johannes Baumert. Denn der Annaberger Tischlermeister Chr. A. Schorler erhielt den Auftrag, den Altarstein in den hölzernen Altartisch einzusetzen. Gemäß der katholischen Tradition enthielt die Steinplatte Reliquien, also irdische Überreste von Heiligen. An ihrer Unterseite entdeckte Schorler eine Urkunde brisanten Inhalts.

Der Altarstein, schrieb Franz Laurenz Mauermann, Bruder und Nachfolger des Kirchenstifters, auf dem Schriftstück, enthalte Reliquien des Heiligen Ignatius von Loyola und des Heiligen Franz Xaver. Ein Paukenschlag, nicht nur für den Tischlermeister Schorler. Denn die Heiligen waren keine Geringeren als Gründer und Mitbegründer des Jesuitenordens - dem Vorreiter der Gegenreformation. Der ungeheuerliche Verdacht: Sollte die neue Annaberger Kirche zu einer Speerspitze der besonders papsttreuen Jesuiten werden, um die Zeit zurückzudrehen?

Der erregte Tischler schrieb die Urkunde ab und wendete sich an das Stadtratsmitglied Mende. "Nachdem ich durch einen glaubwürdigen Mann in Erfahrung gekommen bin dass in dem Altarblatt der hießigen katholischen Kirche die abschriftlich beigefügte Inschrift sich befindet, so setze ich den Stadtrath davon in Kenntniß, da nach meiner Ansicht der Errichtung eines Jesuiten Tempels oder einer dieser Gesellschaft gemachter Altar § 56 der Verfassungsurkunde entgegensteht", schrieb Mende am 26. Oktober 1844 an das Gremium. Da war die Kirche allerdings schon seit sechs Tagen eingeweiht. "Welche Wellen das damals geschlagen hat, lässt sich auch an Zeitungen ablesen", sagt Chronist Baumert. So griff das Annaberger Wochenblatt das Thema auf und der Schönburgsche Anzeiger berichtet von einem Solidaritätsschreiben von einem Dutzend Glauchauer Stadtverordneten, die sich "nach der Entdeckung einer geheimen Altartafel" für den "protestantischer Eifer" der Annaberger Stadtverordneten bedankte.

"Auch nach der Einweihung der Kirche beruhigten sich die Gemüter nicht so schnell", erzählt Johannes Baumert. Der Stadtrat schaltete die Kreisdirektion in Zwickau ein, es ging weiter bis zum sächsischen Kultus- und Justizministerium. Zu klären war, ob die Annaberger gegen das Verbot verstießen, Klöster zu errichten und Jesuiten oder andere geistliche Orden im Land aufzunehmen. Die Beamten überprüften unter anderem den Werdegang der Geistlichen, die bei der Kirchweihe anwesend waren. Verdächtiges fanden die Staatsdiener nicht, sodass der Streit im Sommer 1845 zumindest offiziell ein Ende fand.

Dass damit längst nicht alles im Reinen war in Annaberg, zeigt etwa die Tatsache, dass zwei Außennischen links und rechts des Kirchenportals leer blieben - im Interesse des religiösen Friedens in der Stadt verzichtete die Kirchgemeinde darauf, dort Heiligenfiguren aufzustellen. Heute ist von den einstigen Spannungen nichts mehr zu spüren, im Gegenteil. Die Feierlichkeiten von 500 Jahre St. Annen und 175 Jahre Heilig Kreuz stehen unter einem gemeinsamen Motto: "Zwei Annaberger Kirchen, ein Glaube, ein Fest".

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