Welterbe-Stadtführung: In 90 Minuten durch Herzog Georgs liebste Stadt

Erste Welterbe-Stadtführung in der Kreisstadt ist eine Reise im Zeitraffer durch 500 Jahre Geschichte. Matthias Enderlein weckt Interesse und begeistert für seine Heimat.

Annaberg-Buchholz.

Mit einem lauten "Glück auf" hat Matthias Enderlein die Besucher der ersten Welterbe-Stadtführung am Samstag in der Kreisstadt begrüßt. Noch lauter rief er den 15 Teilnehmern entgegen: "Hurra! Wir sind Welterbe". Der Stadtführer wollte von der ersten Minute an klar machen, dass der Beschluss, der am 6. Juli 2019 fiel, eine Entscheidung ist, die das gesamte Erzgebirge beflügelt. Daher sagte er auch deutlich, dass es gar nicht möglich sei, alle Aspekte der 500-jährigen Bergbaugeschichte in 90 Minuten zu beleuchten. Doch in Annaberg sei man glücklicherweise in einem Hot-Spot. "Wir haben hier das Glück, dass die Geschichte wie unter einem Brennglas zu sehen ist", sagte Enderlein.

Dass die neue Stadt am Schreckenberg - das spätere St. Annaberg - 1496 gegründet wurde, war Herzog Georg zu verdanken. "Sie sollte seine liebste Stadt werden", erklärte der Stadtführer. Dafür musste sie nicht die schönste und größte sein. Es reichte offenbar, dass sie reich an Bodenschätzen war - vor allem Silber wurde gefunden. Die Entwicklung verlief rasant. Binnen kürzester Zeit wuchs Annaberg zur zweitgrößten Stadt Sachsens heran.

Ausgangspunkt der ersten Welterbe-Stadtführung war die Touristinformation. Von ihr aus ging es auf den Markt. "Das ist der einzige waagerechte Platz der Stadt", erläuterte Enderlein. Plötzlich sagte er zu einer der Teilnehmerinnen: "Vorsicht meine Dame, passen sie auf." Erschrocken schaute die Frau nach unten, denn sie befürchtete, irgendwo hineingetreten zu sein. Doch Enderlein löste mit einem breiten Lächeln auf: "Sie wären fast in die Zeche am Markt gefallen." Hunderte Gruben hatte es einst in Annaberg gegeben. Manch eine muss heute noch gesichert werden. Geschickt verwob Enderlein immer wieder Empfehlungen für den weiteren Aufenthalt. So legte er den Teilnehmern der Stadtführung einen Besuch der Manufaktur der Träume ans Herz. "Wer dort die Verbindung zum Bergbau nicht sieht und nicht findet, der muss blind sein", so Enderlein. Bei Barbara Schaab aus Auerbach im Vogtland, die mit ihrer Freundin Sandra Ferrantino aus Limburg an der Lahn gekommen war, zeigten genau solche Tipps Wirkung: "Ich stamme eigentlich aus Hessen, lebe seit 1999 in Sachsen." Es sei immer wieder schön, Geschichtliches zu erfahren. "Leipzig und Dresden kennen wir schon", sagte die Wahl-Vogtländerin. Die Führung habe neues Interesse geweckt. "Wir kommen sicherlich mal wieder."

Besonders interessant waren Enderleins Ausführungen zur privilegierten Stellung der Bergstadt mit Stadt-, Berg- und Münzrecht. Annaberg hatte mit dem Schreckenberger sogar eine eigene Währung. Die Tour war eine Reise im Zeitraffer durch die Geschichte. Franziskaner-Kloster, Bergkirche, älteste Kneipe, ältestes Hotel, Unternehmerin Barbara Uthmann, Rechenmeister Adam Ries - Enderlein "galoppierte" durch die engen und zum Teil steilen Gassen und informierte über die wichtigsten Schlaglichter der Stadtgeschichte. So erfuhren die Teilnehmer, dass Adam Ries gar kein Annaberger war, sondern ein Franke, dass Barbara Uthmann erfolgreicher war als ihr Mann und dass die älteste Kneipe vermutlich eine Ausspanne war, die bis zum Ersten Weltkrieg den Namen "Goldene Gans" trug.

Immer wieder gab es auch ein paar überraschende Informationen, etwa die, dass Nina Hagen in Annaberg auf der EOS die Schulbank drückte. Oder auch die Tatsache, dass die St. Annenkirche verschiedene "Spitznamen" hat. Glucke oder neugierige Kirche, weil sie eben von allen Seiten einsehbar ist. In der berühmten Annenkirche endete auch die Stadtführung am fast noch berühmteren Hans Hesse Bergaltar, der die erzgebirgische Bergbaulandschaft und das Leben der Bergleute vor 500 Jahren zeigt.

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