Alte Rechenhausbrücke: Schicksal in Beton gegossen?

Die letzten Tage des historischen Bauwerks bei Bockau scheinen gezählt. Viel Zeit bleibt denen, die ihren Erhalt fordern, jedenfalls nicht.

Bockau.

Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr hat angekündigt, dass sich nach Fertigstellung der neuen B-283-Brücke über die Mulde die Abrissbagger in das alte Bauwerk am Rechenhaus fressen werden. Das könnte schon im Januar der Fall sein, weil jetzt bekannt wurde, dass die neue Brücke Ende des Jahres "uneingeschränkt befahrbar" sein soll.

Der Förderverein "Freunde der Rechenhausbrücke", der sich im September gegründet hat, will am 22. Oktober wieder zusammenkommen und die aktuelle Lage besprechen. Im Flussbett der Zwickauer Mulde ist direkt unter der alten Rechenhausbrücke ein dickes Betonplateau gegossen worden. Ulrike Kahl, Kreisvorsitzende der Grünen im Erzgebirge und Mitglied im Förderverein, sieht das als einen "massiven Eingriff" in die Natur "über einen nicht vertretbar langen Zeitraum". Als Kreisrätin hat sie an den Landrat eine Anfrage unter anderem zur wasserschutzrechtlichen Genehmigung der Baumaßnahme gestellt. "Welche Auswirkungen durch die Betonierung befürchtet die Landkreisverwaltung aus naturschutzfachlicher Sicht?", heißt es in der Anfrage.

Von den Geschehnissen im Tal der Mulde hat auch Roland Bäuml von der Grünen Liga Plauen aus der "Freien Presse" erfahren. Er erinnert an die Schonzeit der Bachforelle vom 1. Oktober bis 30. April. "Wenn es für die jetzt erfolgte Baumaßnahme keine Ausnahmegenehmigung gibt, könnte man sogar eine Straftat oder zumindest eine Ordnungswidrigkeit vermuten", sagt er.

Uwe Bochmann, Geschäftsführer Gewässerbewirtschaftung vom Anglerverein Südwestsachsen, relativiert: "Wir als Pächter haben das Fischereirecht vom Freistaat übertragen bekommen, uns ist die Baumaßnahme natürlich bekannt, und sie ist so üblich." Das Flussbett so zu verbauen, sei eine Auflage, damit der Fischbestand nicht beeinflusst wird. Denn die Maschinen dürfen nicht ins Gewässer fahren und es sollen keine Bauteile beim Abbruch in den Fluss fallen, begründet Bochmann. Die Nachfrage der "Freien Presse" will er jedoch zum Anlass nehmen, sich demnächst vor Ort umzuschauen.

Nachdem das Betonplateau im Fluss angelegt wurde, befürchteten die Freunde der Rechenhausbrücke einen baldigen Abriss. "Ich bin zurzeit etwas ratlos", sagt Bernhard Bochmann, einer der beiden Vorsitzenden des Fördervereins. "Was haben wir in der Hand? Nichts", beantwortet er sich seine Frage selbst. Nichtsdestotrotz hat er in einem Brief an den sächsischen Landtagspräsidenten und an den Petitionsausschuss über die Gründung des Vereins und dessen Absicht, die Verantwortung als Baulastträger zu übernehmen, informiert. Bochmann bittet um klare Antworten.

Im Dezember vergangenen Jahres hatten die Bürger, die sich für den Erhalt der alten Brücke einsetzen, an den Landtagspräsidenten ihre Petition mit 1700 Unterschriften übergeben. Im Frühsommer fand ein Vor-Ort-Termin an der Brücke statt mit Landtagsabgeordneten der CDU, der Linken und der AfD. Stephan Hösl von der CDU hatte damals versprochen, noch vor der Sommerpause das Thema in den Landtag einbringen zu wollen. Darauf warten die Freunde der Rechenhausbrücke bis heute - erst im November kommt der Petitionsausschuss des Landtages das nächste Mal zusammen. Eine Petition ging inzwischen auch an den Bundestag und an das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz.

"In der jetzt erfolgten Baumaßnahme zur Vorbereitung des Abrisses sehe ich, dass der Landtag umgangen wird ohne Rücksicht auf eine eventuell anderslautende Entscheidung zur Brücke", sagt Ulrike Kahl. Sie verweist auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Volkmar Zschocke (Bündnis 90/Die Grünen). Er will wissen, wie viele Baudenkmäler seit Bestehen des Freistaates als Ausgleichsmaßnahme abgerissen wurden. "Ich bin sicher, dass es bisher keines gab", sagt Ulrike Kahl.

Sie will zudem Einsicht nehmen in die Stellungnahmen, die Denkmalschutz und Naturschutz im Planfeststellungsverfahren zum geplanten Brückenbau abgegeben haben. Bislang hieß es immer, dass dem Naturschutz vor dem Denkmalschutz der Vorrang gegeben wurde und deshalb als Ausgleichsmaßnahme der Abriss der alten Rechenhausbrücke erfolgen soll.

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1Kommentare
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  • 6
    2
    Tauchsieder
    12.10.2018

    So oder so ähnlich war die Antwort vom Angelverband zu erwarten. Ja nicht anecken, oder klare Kante zeigen, alles abnicken und durchwinken. Es könnte ja vielleicht später einmal, bei Verpachtungen von Gewässern erster Ordnung, mit dem Freistaat Probleme geben. Diese Aussage macht natürlich Sinn wenn man weiß, dass der Präsident des Angelverbandes, Hr. Hippold, Mitglied des sächs. Landtags ist.
    Der Angelverband ist zum Schutz seines Fischbestandes laut sächs. Fischereigesetz verpflichtet (Hegepflicht). Hier wurde auf dieser Gewässerfläche das Laichhabitat von Fischen vernichtet. Es ist gerade mal nicht so üblich eine Betonplatte in einen Fluss zu setzen, es gibt da auch eine schonendere Bauausführung. Eine wäre zum Beispiel gewesen, die Arbeiten außerhalb der Schonzeit zu legen. Das setzt natürlich voraus, dass man sich als Pächter im Vorfeld dazu einbringt.
    Noch gravierender ist aber der Eingriff in ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet (FFH) zu werten. Hier hätten bei einem solch massiven Eingriff in ein FFH-Gebiet die Naturschutzverbände (TÖB) gehört werden müssen. Denn nur sie haben die Möglichkeit gegen solche Verstöße Klage einzureichen.



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