Anwältin über Ex-Schulleiter: Er raubte Mädchen die Kindheit

Ein ehemaliger Lehrer ist am Montag zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er soll eine Schülerin über Jahre missbraucht haben.

Aue.

Mit eisiger Miene auf der einen Seite und einem Lächeln auf der anderen, ist am Montag der Prozess gegen einen früheren Grundschulleiter aus dem Erzgebirgskreis zu Ende gegangen. Das Amtsgericht Aue verurteilte den Mann wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren.

Während das mutmaßliche Opfer den Richterspruch sichtlich zufrieden aufnahm, trübten sich auf der Anklagebank die Gesichter. Verteidiger Reinhard Röthig, der vor dem Urteil noch einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert hatte, kündigte nach dem Prozess an, in Berufung gehen zu wollen.

Richter Hartmut Meyer-Frey sah es als erwiesen an, dass sich der Angeklagte vor mehr als 20Jahren an einer seiner früheren Schülerinnen (heute 31) vergangen hat. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, sich ihr ab der fünften Klasse sexuell genähert zu haben, mehrmals sei es zum Geschlechtsverkehr gekommen.

Für den Lehrer, der inzwischen aus dem Schuldienst entlassen wurde, ist es bereits der zweite Prozess wegen sexuellen Missbrauchs. Im vergangenen Jahr hatte sich ebenfalls eine frühere Schülerin gemeldet, die ihm Ähnliches vorwarf. Doch der Prozess endete mit einem Freispruch - aus Mangel an Beweisen. Die Staatsanwaltschaft ging in Berufung; das Verfahren ist derzeit am Landgericht anhängig.

Die 31-Jährige, die inzwischen in Rheinland-Pfalz lebt, hatte sich an die Polizei gewandt, nachdem sie von diesem ersten Prozess gehört hatte. Der Lehrer, der auch ihr Sporttrainer war, soll sie auf Ausflügen und Auslandsreisen bedrängt haben. Die damals Elfjährige war sportlich erfolgreich. Als Belohnung durfte sie als Zuschauerin mit zu einem Sportereignis nach Paris fahren. Dort soll der Angeklagte mit ihr geschlafen haben. Weitere Vorfälle ereigneten sich laut Anklage unter anderem im Solarium eines Fitnessstudios und in einem Zeltlager. Der Angeklagte bestreitet das.

In den vergangenen Wochen versuchte das Gericht deshalb, zu rekonstruieren, was im Zeitraum zwischen April 1997 und September 2000 geschah. Dazu äußerten sich mehrere Zeugen, die von Auffälligkeiten in der Beziehung zwischen Angeklagtem und dem vermuteten Opfer berichteten. Eine Lehrerin sprach beispielsweise von einer "Distanzlosigkeit, die Grenzen überschritten" hat. Als Beispiele nannte sie, dass beide Hand in Hand durch die Grundschule gelaufen seien.

Am dritten Verhandlungstag las der Richter aus Briefen des Angeklagten an das Mädchen vor. In einer Nachricht hieß es: "Meine geliebte süße Maus". Und: "Ich bin so wahnsinnig verliebt in dich." Obwohl der Brief kein Datum trägt und sich die junge Frau und ihr Lehrer laut Verteidiger noch bis Ende 2012 regelmäßig schrieben, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Brief in der Zeit zwischen den Jahren 1997 und 2000 entstand. Zum Inhalt sagte Staatsanwalt Thomas Zarm: "Das ist doch nicht normal."

Mehrere Vorwürfe ließen sich im Laufe des Prozesses jedoch nicht erhärten. So hatte die Frau zunächst von einer Annäherung ihres Trainers bei einem Turnier in Österreich 1997 berichtet. Offenbar fand der Ausflug aber in die Schweiz statt. Für drei von fünf angeklagten Vorfällen forderte selbst Staatsanwalt Zarm letztlich einen Freispruch. Bei den zwei verbleibenden Tatvorwürfen sei er sich aber "absolut sicher", dass sie passiert sind. Dana Kubon-Gerber, die Anwältin der Frau, die als Nebenklägerin auftrat, forderte ebenfalls eine Verurteilung. Der Angeklagte, sagt sie, habe ihrer Mandantin die Kindheit geraubt. "Es war ein ganz perfider Plan. Er hat das Vertrauensverhältnis zu den Eltern missbraucht."

Verteidiger Röthig machte in seinem Plädoyer auf zahlreiche Widersprüche in den Aussagen der Frau aufmerksam. So hatte diese etwa angegeben, sie könne sich nicht genau daran erinnern, ob es in Paris zum Geschlechtsverkehr gekommen ist - später dann auf einmal doch. "Es passt hinten und vorne nicht zusammen", sagte er. Ihre Aussage sei nicht glaubhaft.

Richter Hartmut Meyer-Frey folgte letztlich der Einschätzung der Anklagevertreter: Die Geschädigte habe zwar "erhebliche Schwierigkeiten" bei der Einordnung der Taten gehabt, sagte er, sei aber glaubwürdig. "Wir sind überzeugt, dass es in Paris zum geschützten Geschlechtsverkehr gekommen ist, und mindestens einmal im Fitnessstudio." Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...