Auer Klinikchef: "Vorerkrankung, Alter - das ist für uns nicht relevant"

Aues Helios-Chef ist stolz auf seine Mitarbeiter und verärgert über Internetkommentare: Vorerkrankung, Alter - das ist für uns nicht relevant

Aue-Bad Schlema.

Marcel Koch, Geschäftsführer des Helios-Klinikums Aue, hat mit seiner Videobotschaft auf Facebook deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Er fand klare Worte unter anderem zu den Leuten, die sich anmaßen würden, darüber zu entscheiden, wer von den Corona-Kranken behandelt werden soll und wer nicht. Er bekam dazu viele Interviewanfragen. Im Gespräch mit Heike Mann erklärt er, dass ihm aber nicht an dem Medienrummel gelegen sei. An seinem "wöchentlichen Update fürs Erzgebirge" will er aber festhalten.

Freie Presse: Sie sehen müde aus. Wie viel schlafen Sie zurzeit?

Marcel Koch: Nicht mehr als fünf Stunden. Dass ich in den Videos so müde aussehe, liegt aber eher daran, dass sie abends nach einem langen Tag entstanden. Seit vier Wochen bin ich täglich im Krankenhaus.

Was sind die größten Sorgen, die Sie derzeit umtreiben?

Meine größte Sorge ist tatsächlich, dass in den Altenheimen eine Situation entsteht, die uns überfordern würde. Wir haben viele Infizierte vorgefunden, die bald Symptome zeigen müssten. Es entscheidet sich in den nächsten Tagen, inwieweit wir in den Altenheimen die Situation unter Kontrolle haben. Wir haben uns auf die Lage vorbereitet, wir wurden nicht überrascht. Aber das heißt nicht, dass die Situation für uns auch beherrschbar bleibt. Wir haben nur eine begrenzte Aufnahmekapazität. Wie gut wir unsere Leistung noch erbringen können, ist davon abhängig, wie viele der alten Leute hier noch eingeliefert werden.

Was freut Sie am meisten im Moment?

Meine Mitarbeiter. Ich habe so viel positive Energie im Haus, alle ziehen mit. Es hat sich eine Art Schwarmintelligenz entwickelt, es gibt wirklich gute Vorschläge von vielen, einige erinnern ein bisschen an Lösungen wie von McGyver, der im Film bekannt wurde für seine erfinderische Nutzung alltäglicher Gegenstände. Die Mundmaske, die ich selber trage, ist eine Kreation aus dem Haus. Es wurden auch schon Visiere gebastelt. Zwar ist das Klinikum aktuell in einer guten Versorgungssituation und unsere Einkäufer arbeiten unter Hochdruck, dass das so bleibt. Aber wir wissen nicht, wie lange die Lieferketten halten und wie die Infektionszahlen in Deutschland steigen. Die Marktlage ist extrem angespannt. Das bekommen alle mit und arbeiten daran, dass Engpässe durch uns selbst aufgefangen werden können.

Wie schätzen Sie die Situation bei den Mitarbeitern ein? Können Sie aus dem Vollen schöpfen?

Ja, wir haben nur sehr wenige kranke Mitarbeiter, wenige sind in Quarantäne. Dass sich unsere Mitarbeiter selbst nicht anstecken, war etwas, worauf wir von Anfang an Wert gelegt haben. Denn wenn wir uns schützen können, können wir unsere Patienten schützen. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass vom Personal der Virus an die Patienten übertragen wird, das ist uns bisher gut gelungen. Insgesamt waren die Krankenzahlen seit Beginn der Epidemie exorbitant niedrig. Keiner hat sich einen Krankenschein geholt, um der Situation zu entfliehen. Darauf bin ich stolz.

Was hat es bei Ihnen ausgelöst, als sie von den vielen Infektionen im Zwönitzer Bethelehmstift erfahren haben?

Die Gefahr war uns durchaus bewusst, wir waren darauf vorbereitet. Doch als es dann soweit war, war ich eher traurig. Aber es lässt sich nun mal nicht verhindern, weil der Virus so tückisch ist und unwissentlich übertragen wird, wie es eben im Zwönitzer Altenheim durch das Personal geschehen ist, dem man aber keine Schuld zuweisen sollte.

Zu Beginn der Epidemie sprachen Sie davon, dass an Ihrem Haus 38 Beatmungsplätze vorhanden sind. Im Pflegeheim Zwönitz sind aber allein über 50 Bewohner an Covid-19 erkrankt. Was ist, wenn diese Personen alle einer Beatmung bedürfen?

Nicht alle der Infizierten müssen an die Beatmung, wir haben deutlich mehr auf der Normalstation liegen. Man muss auch sagen, dass manche Patienten von sich aus gar nicht mehr an die Beatmung wollen, diesen Fall hatten wir auch schon zweimal. Ihre Entscheidung gegen eine intensivmedizinische Behandlung akzeptieren wir. Bei dem Krankheitsbild stehen wir vom Wissen her noch ganz am Anfang. Wenn man die Atmung in den Griff bekommen hat, kann es sein, dass die Patienten ins Nieren- oder Leberversagen gehen. Der Virus wirkt verzehrend auf den gesamten Körper.

Was wäre, wenn mehr als 30 Patienten auf einmal einer Beatmung bedürfen?

Dann würde ich den Regelbetrieb im Krankenhaus, der eh schon weit heruntergefahren ist, vollständig aufgeben, nur noch zwei OP-Säle für den Notbetrieb aufrechterhalten und die gesamte Beatmungstechnik, die wir haben, das sind Transport- und Narkosegeräte, verwenden, um Covid-19-Patienten zu behandeln.

Was sagen Sie den Leuten, die an den geltenden Beschränkungen zweifeln und gern eine Lockerung oder Aufhebung hätten?

Ja, die Leute spüren die Einschränkungen, sehen aber die Notsituation nicht, weil wir keine Notsituation wie in Italien oder Spanien bisher hatten. Wenn die Lage so bleibt wie jetzt, können wir sagen, wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Dann haben wir das Schlimmste verhindert. Wenn es jetzt aber noch knüppeldick kommt, wenn in zwei, drei Altenheimen das Gleiche passiert wie in Zwönitz, dann werden wir mit den Behandlungskapazitäten im Erzgebirgskreis an unsere Grenzen kommen. Dann werden die Leute, die jetzt an den Einschränkungen herumnörgeln, sagen: Seht ihr, ihr habt euch nicht gut vorbereitet. Was die Lockerung der Maßnahmen betrifft, das ist eine politische Diskussion, an der ich mich nicht beteiligen werde. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit im Krankenhaus.

Wird es weiter von Ihnen Informationen auf der Facebookseite geben?

Ja, das Update einmal in der Woche - für die Erzgebirger. Die Botschaft ist lokal, es geht mir um das Erzgebirge, um das Klinikum. In der letzten war es mir wichtig klarzustellen, wie wir hier im Krankenhaus mit Kranken umgehen. Welche Vorerkrankung, welches Alter - das ist für uns nicht relevant. Wenn wir dem Patienten helfen können, werden wir das tun. Irgendein Internethäuptling hat nicht zu entscheiden, wen wir beatmen und wen nicht. Das ist die Entscheidung der Mediziner, der Angehörigen und des Patienten selbst.

Wo werden Sie Ostern verbringen?

Im Krankenhaus.


Marcel Koch

Geboren am 30. März 1976 in Lutherstadt Wittenberg.

Berufliche Stationen: 1994 bis 2000 Ausbildung zum Offizier der Luftwaffe; Vertrag als Zeitsoldat, 2000 bis 2007 verschiedene Tätigkeiten in der Bundeswehr.

Seit 2009 tätig in verschiedenen Krankenhäusern, seit Januar 2017 Geschäftsführer des Auer Klinikums. (ike)


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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    JochenV
    11.04.2020

    Für mich die Quintessenz: "...wen wir beatmen und wen nicht. Das ist die Entscheidung der Mediziner, der Angehörigen und des Patienten selbst"

  • 7
    1
    paral
    09.04.2020

    Guten Tag! Herrn Kochs Interview ist sehr interessant zu lesen und eigentlich gibt es nichts, was man ihm nicht abnehmen kann. Präzise Lageanalyse, Ableitung zum Handeln und Durchsetzung. Sehr bemerkenswert fand ich den Satz "Irgendein Internethäuptling hat nicht zu entscheiden, wen wir beatmen und wen nicht." Das ist insofern bemerkenswert, weil sich schon seit einiger Zeit Leute im Netz tummeln, die diese zynische Betrachtungsweise aus allen Winkeln beleuchten und sich am Begriff Triage weiden und abarbeiten. Noch mal zum Helios-Chef, ich lese seinem beruflichen Werdegang, verstehe damit seine Führungsqualität und schlußfolgere: Es besteht noch Hoffnung für das Land. D.F.1005