Eröffnungskonzert mit Zähneklappern

Die neue Spielzeit der Erzgebirgischen Philharmonie wurde mit Antonio Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" gestartet. Die Geigerin Liv Migdal begeisterte. Und ein Italiener stellt alles in den Schatten.

Aue.

Fast 180 Millionen Aufrufe erreicht Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" auf Youtube - und das völlig zu Recht. Das vergleichsweise meist winzig besetzte, kassenträchtige, hochrangige Musikstück erklang zum Auftakt der neuen Spielzeit der Erzgebirgischen Philharmonie.

Bei diesem Konzert für Solo-Violine und Streichorchester von Antonio Vivaldi (1678-1741) stand die vielfach ausgezeichnete und weltweit aktive Geigerin Liv Migdal im Mittelpunkt. Die Aufgabenstellung für Streichorchester, Cembalo und Solistin: Glaubhaft böses Wetter zaubern, fröhliche Vögel, schlafende Hirtenjungen und eine Jagdgesellschaft Gestalt werden zu lassen. Der Tremolo-Sturm im Finale von "Der Sommer" grollte so durchdringend furios, dass es Zwischenbeifall gab. Die Solistin lieferte mit kräftig leuchtendem Klang ständig hoch Virtuoses. Bei der Schilderung der Kälte am Beginn von "Der Winter" mit dem Aufstampfen der Füße entstand eine bedrohliche Musik, die als Hintergrund jeden Krimi zum Horror machen könnte. Auch das Anhören des Heulens und Zähneklapperns machte Spaß, weil es nicht die eigenen Zähne waren. Der begeistert beklatschte Schlusssatz wurde wiederholt. Orchestermanager Michael Eccarius hatte in seinem Einführungsvortrag im kleinen Saal gesagt: "Liv Migdal hat hier ihre Karriere begonnen. Wir haben sie eng an uns gebunden, sie spielt inzwischen in einer Liga, die wir uns nicht leisten können."

Antonio Vivaldi, der Priester und Instrumentallehrer mit den roten Haaren, leitete auch ein Mädchen-Orchester, das aus Waisen eines Heimes bestand. Das Orchester wurde zur Legende und lockte Reisende an. Der extrem hoch begabte Vivaldi verstand etwas vom Marketing. Die 180 Millionen Klicks sind also kein Wunder.

Gustav Mahlers grandiose "Auferstehungs-Sinfonie" (Nr. 2 c-Moll) beispielsweise muss sich völlig zu Unrecht mit nur drei Millionen begnügen. Mahler hätte eine Milliarde Klicks verdient.

Das Philharmonische Konzert zum Thema "Jahreszeiten" wurde im zweiten Teil des Abends fortgesetzt mit der Ballettmusik "Die Jahreszeiten" op. 67 von Alexander Glasunow (1865-1936). Generalmusikdirektor Naoshi Takahashi und das Orchester breiteten den blumenreichen Klangteppich mit gleichsam duftender Intensität aus und verliehen den tänzerischen Teilen erregenden Schwung. Glasunows Breitwand-Sound ähnelt der Orchesterpalette des bekannten US-Film-Komponisten John Williams ("Jurassic Park"). Der Beifall für diese spätromantische Darbietung war ebenfalls begeistert. Die Spielzeit begann also verheißungsvoll.

Eine Frage ist noch unbeantwortet: Glasunows Ballettmusik bringt es bei Youtube nur auf 170.000 Klicks. Warum eigentlich? Darüber findet man nichts in der Literatur. Die Ursache liegt offensichtlich in den Fähigkeiten der Zeitgenossen Glasunows. Etwa Alexander Borodins (Oper "Fürst Igor") erfinderische Wucht und Ursprünglichkeit erreicht Glasunow nicht. Der Vergleich mit dem energiegeladenen, scharf zeichnenden Neuerer Modest Mussorgski stellt Glasunow in die zweite Reihe. Dort allerdings ist sein Platz bleibend.

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