Jugendliche wagen "Spiel des Grauens"

Eine außergewöhnliche Inszenierung steht auf dem Spielplan des Winterstein-Theaters in Annaberg. Es geht um "Musik im System der Vernichtung". Fast ein reines Schülerprojekt.

Annaberg-Buchholz.

Vor 75 Jahren - am 27. Januar - ist mit Auschwitz-Birkenau das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus befreit worden. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind in dem Komplex ermordet worden. Schwer vorstellbar, dass an einem solchen Ort Kunst in Form von Musik ihren Platz hatte - pervertiert von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke. Ein Thema, dass auch Emma Schröer aus Geyer bewegt. Die angehende Abiturientin der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge hat sich lange intensiv mit "Musik im System der Vernichtung" beschäftigt. Entstanden ist daraus nicht nur eine 100-seitige Facharbeit, sondern auch ein eigenes Theaterstück: das "Spiel des Grauens".

Im Mittelpunkt der Inszenierung steht das Frauenorchester von Auschwitz: ein eigens gebildeter Klangkörper, der zu verschiedenen Anlässen im Lager spielen musste - Privatkonzerte für den Lagerkommandanten ebenso wie Begleitmusik für Märsche der Häftlinge. Die Frauen mussten sogar üben und spielen, wenn andere Häftlinge in die Gaskammern geführt wurden, sagt Daniel Zwiener. Der Musiklehrer und Chorleiter der Bildungseinrichtung betreut Emma Schröer und ihr Projekt. Und wie sein Schützling kennt auch er die Brisanz. Denn für die Frauen und Mädchen war es oft ihr ganz persönlicher Kampf ums Überleben unter extremen Bedingungen. Oft wurden die Musikerinnen - auch angesichts weniger Vergünstigungen - argwöhnisch beäugt, sogar angefeindet. Ganz unterschiedlich fallen deshalb die Erinnerungen der Überlebenden aus, weiß Emma Schröer aus ihren umfangreichen Materialstudien. So kennt sie das bereits vorhandene Theaterstück über das Frauenorchester, dass auf den Erinnerungen einer Überlebenden beruht. Bei anderen überlebenden Frauen habe das aber viel Kritik hervorgerufen. So ist sich die angehende Abiturientin bewusst: "Eine klare Wahrheit zu finden, ist nicht möglich." Vielmehr sei es ihr darum gegangen aufzuzeigen, wie die Frauen und Mädchen unter solchen extremen Bedingungen überleben konnten, welche Bedeutung die Gruppe für sie hatte. Dabei stehe das Frauenorchester von Auschwitz-Birkenau nur als ein Beispiel. "Auch in anderen Konzentrationslagern hat es Chöre und Kapellen gegeben", sagt Emma Schröer.

Doch nicht nur für sie war die Beschäftigung mit dem schwierigen Thema eine sehr emotionale Angelegenheit. Denn ein Großteil des Chores und der eigens für die Aufführungen gebildeten Theatergruppe waren mit am Ort des Geschehens in der heutigen Gedenkstätte. Noch einmal eine ganz andere Annäherung an die Schicksale der Opfer, aber auch an die der Täter. Obwohl da alles nur schwer zu realisieren gewesen ist, sagt Emma Schröer. "Der Besuch war emotional sehr bewegend." Und er habe ihren Blick auf die Inszenierung noch einmal verändert, vor allem bei den Details.

Umso gespannter blickt sie nach fast einjähriger intensiver Probenzeit auf die Premiere am Samstag im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz. Von da haben die insgesamt 120 Akteure viel Unterstützung erfahren - unter anderem von Theaterpädagogin Asia Schreiter. Insgesamt sind bislang vier Vorstellungen angesetzt - zwei davon im Theater, die laut Theatersprecher Chris Brinkel allerdings so gut wie ausverkauft sind. Ende Januar stehen zudem noch zwei Schulvorstellungen auf dem Plan.

Dann bleibt auch Emma Schröer ein wenig Zeit zum Durchatmen, wenngleich bald die Abiturprüfungen folgen. Nach dem Abi würde sie gern Lehramt studieren - Geschichte auf alle Fälle. Und wie geht es mit ihrem Stück weiter? Das vermag sie noch nicht zu sagen. Aber wichtig ist es ihr, etwas für das Erinnern und gegen das Vergessen zu tun. Denn derzeit könne keiner sagen, dass so etwas nicht wieder passiert. "Es liegt in unseren Händen."

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