Kein Bock auf diese Schule - Dürfen Eltern einfach nachgeben?

Anderthalb Jahre erschienen zwei Jungen nicht zum Unterricht. Es habe ihnen dort nicht gefallen, sagen die Eltern. Jetzt kam der Fall vors Amtsgericht Aue.

Aue/Schwarzenberg.

Nach ihrem Umzug ins Erzgebirge machten sich die Eltern verdächtig, weil ihre beiden Söhne (heute 10 und 12 Jahre alt) scheinbar nie in die Schule gingen. Jemand zeigte die Eltern beim Referat Schulen und Sport des Erzgebirgskreises an, das schließlich ein Bußgeldverfahren eröffnete.

Nach Ermittlungen der Behörde hatten die beiden Jungen das komplette Schuljahr 2017/2018 keine Schule besucht. Schon das zweite Halbjahr des Schuljahrs 2016/2017 waren sie daheimgeblieben. Im Halbjahr davor hatte es offenbar immer wieder Fehlzeiten gegeben. So sagte es eine Vertreterin des Landratsamtes diese Woche am Amtsgericht Aue aus, wo sich die Eltern wegen Verstoßes gegen das sächsische Schulgesetz verantworten mussten. Dieses schreibt eine Schulpflicht vor, für deren Einhaltung die Eltern Sorge tragen müssen. "Es gab aber keine Schule, die für unsere Kinder in Frage kam", sagte die Mutter (33).

Kurz bevor die Schwierigkeiten begannen, war die Familie ins Erzgebirge gezogen. Ihre Söhne hatten zuvor eine Waldorfschule in Weimar besucht. Dort habe es nie Probleme gegeben, so die Mutter vor Gericht. Die Kinder seien mit Elan und Freude zum Unterricht gegangen. Das änderte sich nach dem Umzug.

"Es sollte wieder eine alternative Schule sein", sagte die 33-Jährige, die als Heilpraktikerin arbeitet. "Aber in der Waldorfschule in Chemnitz haben sie sich nicht wohlgefühlt."

Nach dem Wechsel an eine Montessorischule im Altkreis Stollberg wurde es nicht besser. "Unsere Kinder sagten, dass es ihnen dort nicht gefällt, dass sie nicht viel lernen, dass der Umgang der Kinder untereinander nicht schön sei", erklärte die Mutter. "Sie klagten über Bauchweh. Gegen ihren Willen wollten wir sie nicht mehr hinschicken."

Dass sich die Fehlzeiten auf anderthalb Jahre summieren konnten, ehe jemand etwas merkte, lag daran, dass der Rückzug der Kinder aus der jeweiligen Schule immer schon in der Phase der Probebeschulung erfolgte. Sie waren an keiner Einrichtung angemeldet "Sie befanden sich nicht im System", sagte die Vertreterin des Referats Schulen und Sport.

Die Eltern entschieden, ihre Söhne zuhause zu unterrichten. Rechtsanwalt Jost von Wistinghausen, den die Mutter als Verteidiger engagiert hatte, sah darin keine Verletzung der Schulpflicht: "Meine Mandantin hat alles getan, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Die Kinder haben es abgelehnt, die Schule zu besuchen. Gegen ihren Willen war das nicht möglich."

Richter Detlef Kramer sah das anders. "Es gibt eine Schulpflicht. Da kann ich keine Rücksicht darauf nehmen, ob meine Kinder zur Schule gehen wollen oder nicht", sagte er.

Die Eltern vertraten die Ansicht, dass sie einen Schulbesuch allenfalls mit Zwang hätten durchsetzen können. "Ich hätte sie greifen und aus dem Bett ziehen müssen", sagte die Mutter. "Das ging mir einen Schritt zu weit." Der Vater (51), ein freischaffender Musiklehrer, stimmte seiner Frau zu: "Ich habe als Kind selbst Gewalt erfahren. Ich wollte die Gewaltspirale nicht fortsetzen."

Der Verteidiger forderte einen Freispruch. Man könne die Eltern nicht dafür bestrafen, dass sie ihre Kinder wahrnehmen und auf ihre Belange eingehen. Durch den Unterricht zuhause hätten sie deren Grundrecht auf Bildung gewahrt. "Aber Kinder haben auch das Grundrecht zu entscheiden, ich gehe dorthin oder nicht." Möglicherweise sei das sächsische Schulgesetz ja verfassungswidrig.

Richter Kramer sah dennoch ein gewisses Maß an Schuld: "Sie haben nichts unternommen, um Ihre Kinder der Schulpflicht zuzuführen. Wenn Ihre Kinder gesagt haben, es passt uns nicht, haben Sie sich davon abschrecken lassen. Keiner verlangt, dass Sie Ihre Kinder festbinden und in die Schule zerren. Aber Sie haben einfach alles unterlassen - über einen langen Zeitraum hinweg. Es gibt nun mal gewisse Pflichten."

Mutter und Vater sollen wegen Verstoßes gegen das sächsische Schulgesetz jeweils ein Bußgeld in Höhe von 250 Euro zahlen. Das ist eine Reduzierung der vom Landkreis verhängten Geldbuße in Höhe von je 330 Euro. Eine Buße von bis zu 1450 pro Kopf wäre möglich gewesen. Im Bußgeldbescheid, der vor Gericht verhandelt wurde, ging es nur um 33 Fehltage. Das war die Zeit, in der die Kinder während der Phasen gefehlt hatten, in denen sie an einer Probebeschulung teilnahmen.

Seit Beginn des Schuljahres 2018/2019 gehen beide an eine neue Schule in Chemnitz. Dort gefalle es ihnen sehr gut, sagten die Eltern.

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