Lößnitzer Glockenspiel im Gegenwind

Das denkmalgeschützte Carillon der Muhme ist wegen Nazi-Symbolen ins Gerede gekommen. Der Bund der Antifaschisten fordert sogar die Stilllegung.

Lößnitz.

Wegflexen, dann ist Ruhe. Mit einem Handschleifgerät wollte zu DDR-Zeiten ein Bürgermeister den Nazi-Zierrat, der auf vier Glocken des Lößnitzer Bronzeglockenspiels zu finden ist, beseitigen lassen. So berichtet es Ortschronist Herbert Göppert (†2018) in einer seiner Arbeiten über das bekannte Carillon der Muhme. Letztlich habe man diesen drastischen Eingriff unterlassen - aus guten Gründen.

"Die Verzierungen einer Glocke haben Einfluss auf deren Klang", sagt Alexander Troll (CDU), der heute Bürgermeister von Lößnitz ist. Das sei spätestens seit dem misslungenen ersten Guss der neuen Glocken für die Dresdner Frauenkirche anerkannt. Deren Missklang führten Fachleute auf zu groß geratene Verzierungen zurück. Würde man den Lößnitzer Bronzeglocken Material entnehmen oder welches auffüllen, wäre das charakteristische Läuten des unter Denkmalschutz stehenden Carillons wohl dahin.


Seit einigen Wochen muss sich Troll öfter als ihm lieb ist mit der Zukunft des Bronzeglockenspiels befassen, das im Turm der St.-Johannis- Kirche installiert ist, aber der Stadt gehört. 1938 gab die gebürtige Lößnitzerin Clara Pfauter 30.000 Reichsmark aus, um ihrer Heimatstadt das Glockenspiel zu schenken. Dem Geist der Zeit entsprechend, wurden in vier der 23 Glocken nationalsozialistische Widmungen eingelassen. Das ist nicht völlig unbekannt. Die Stadt hat es nicht geheim gehalten, es aber auch nie an die sprichwörtliche große Glocke gehängt.

Eine Veröffentlichung in der mitteldeutschen Kirchenzeitung "Glaube + Heimat" hat den Fakt wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Seitdem habe er mehrere Briefe und Anfragen von Bürgern erhalten, sagt Troll, der vor der Frage steht, wie die Kommune mit ihrem Glockenspiel weiter verfahren will, zumal im Herbst das Jubiläum zum 80. Jahrestag der Einweihung ins Haus steht.

In einem offenen Brief bittet die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BDA) die Stadt darum, ihre Haltung zum Glockenspiel zu überdenken. In höflichen, aber deutlichen Worten verlangt die Organisation, das Läuten des Carillons künftig zu unterlassen. Mehrere Kirchen in Mitteldeutschland hatten diese Konsequenz gezogen, nachdem bekanntgeworden war, dass sich auf ihren Glocken Nazi-Symbole befinden. "Glocken, egal ob sie nun liturgisch oder anderweitig klingen, verkünden immer auch das, was eingegossen ist", argumentiert der Vorsitzende der VVN-BDA Chemnitz, Enrico Hilbert. Dass die Stadt Lößnitz ein Einweihungsjubiläum vorbereitet, sei nicht hinnehmbar.

Die Stadt hingegen lässt weder das Glockenspiel ruhen, noch soll die Feier ausfallen. Im Gegenteil, während des Jubiläums wolle man sich mit der Geschichte der Glocken auseinandersetzen, sagt Troll. Er lasse derzeit im Staatsarchiv zur Person der Stifterin recherchieren, um deren Beziehungen zum Nazi-Regime aufzuhellen. Pfauters Firma hatte während des Zweiten Weltkriegs viele Zwangsarbeiter beschäftigt. Der Lößnitzer Stadtrat hat sich in zwei nichtöffentlichen Sitzungen mit dem Thema befasst und der Lesart der Verwaltung zugestimmt. Troll erinnert auch daran, dass es der erste kommunistische Bürgermeister von Lößnitz, Kurt Friedrich, war, welcher der Glockengießerei in Apolda mitteilte, dass ihr Glockenspiel den Krieg überstanden habe und auch in Zukunft spielen werde. "Mit dieser Aussage hat er uns ein Vermächtnis mitgegeben", so Troll.

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Worüber wir reden: Inschriften der Lößnitzer Bronzeglocken

Das Bronzeglockenspiel besteht aus 23 Glocken. In der Kritik steht, dass vier der Glocken nationalsozialistische Symbole und Sprüche tragen.

Die zweitgrößte Glocke zeigt das damalige Hoheitszeichen, Adler mit Hakenkreuz, dazu die Worte: "Im Jahre 1938 als unter Adolf Hitlers Führung Oesterreich die Ostmark Großdeutschlands wurde und Sudetenland heimkehrte ins Reich, gegossen von Franz Schilling Söhne in Apolda".

Auf Glocke drei steht: "Ein Volk". Sie ist mit einem Mäanderband verziert.

Auf Glocke vier steht: "Ein Reich". Diese Glocke trägt am oberen Rand einen Hakenkreuzfries.

Auf Glocke fünf steht: "Ein Führer", dazu die Inschrift: "Wir danken in dieser Stunde dem Allmächtigen, daß er uns auf dem Wege in der Vergangenheit gesegnet hat und bitten Ihn, daß er auch in Zukunft unseren Weg zum Guten geleiten möge. Adolf Hitler am 23.10.1938".

Auch zwei weitere Glocken tragen Inschriften, die jedoch nicht umstritten sind. Auf der größten Glocke sind das Lößnitzer Stadtwappen und folgende Widmung zu sehen: "Mich und meine 22 Schwestern stiftete zur 700-Jahrfeier im Juli 1938 ihrer Heimatstadt Lößnitz i. Erzgebirge Frau Clara Pfauter geb. Colditz - Chemnitz". Die kleinste Glocke (Nummer 23) enthält folgende Inschrift: "Ich bin ein Tönchen nur aus einer Harmonie, doch ohne mich sagt an, was wäre sie?- So hat ein jedes seinen Zweck im All und sei's auch nur als so ein bißchen Schall". (mu)

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