Was einen guten Polizisten ausmacht

In Schneeberg steht die modernste Polizeischule Sachsens. Dort lernt auch Anett Böhme, wie sie den Anforderungen eines schweren Berufes gewachsen ist.

Schneeberg.

Fast unmerklich stellt sie leicht ihre Hüfte aus, dann folgt eine schnelle Drehbewegung. Und schon fliegt Sven Just durch die Luft und landet auf der Matte. Gekonnt fängt er sich ab, denn der Judoka hat nicht nur einen Schwarzen Gürtel, er ist auch der Ausbilder von Anett Böhme. Seit September ist die Zwickauerin Schülerin an der Polizeifachschule in Schneeberg. "Das ist mein absoluter Traumberuf", sagt sie. Wer die 33-Jährige mit den aufmerksamen Augen kennt, der weiß: Das ist keine Floskel. Zu lange hat sie auf diese Chance gewartet.

Doch sie muss aufmerksam bleiben, denn das Training bestraft, wer seine Gedanken nicht bei der Sache hat. Es ist wie in dem Beruf, den sie und die anderen 500 Schüler in Schneeberg erlernen wollen. Später im Streifendienst darf sie sich keinen Fehler leisten, es könnte der letzte sein. Und es gibt für die Polizeianwärter viel zu beachten und zu lernen - vom Deutschunterricht bis hin zu den vielen verschiedenen Rechtsgebieten. Selbst das Wasserschutzgesetz ist dabei. "Ein Streifenpolizist muss immer in der Lage sein zu handeln. Er kann sich nicht wegducken", erklärt Wolfhard Hack.


Der Polizeioberrat ist der Leiter der Polizeifachschule in Schneeberg. "Der modernsten in Sachsen", fügt er nicht ohne Stolz hinzu. Schon allein die Kombination aus Schwimmbad und Sportanlagen ist einmalig im Freistaat. Für 28 Millionen Euro wurde und wird die Polizeifachschule in der ehemaligen Jägerkaserne saniert und umgebaut. Und wer mit dem groß gewachsenen Mann über das ehemalige Bundeswehrgelände geht, der merkt schnell, wie wichtig ihm die bestmögliche Ausbildung seiner Schützlinge ist. Für Wolfhard Hack ist Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung. Genau das möchte der ehemalige Chef des sächsischen Sondereinsatzkommandos an alle weitergeben, die die Aufnahmeprüfungen erfolgreich gemeistert haben. Obwohl in anderen Bereichen der Nachwuchs fehlt, ist bei der Polizei die Nachfrage immer noch groß. "Wir wollen die Besten", erklärt Wolfhard Hack, warum die Polizeifachschule trotzdem bei jungen Leuten für die Ausbildung wirbt. Etwa zehn zu eins ist derzeit das Verhältnis zwischen Bewerbern und angenommenen Polizeianwärtern.

Anett Böhme war vergangenes Jahr unter den Ausgewählten. "Schon als Kind wollte ich Polizistin werden", sagt sie. Ihr Wunsch kam nicht von ungefähr, so wie andere Lehrerin oder Tierärztin werden wollen. Anetts Eltern betrieben die Kantine in der Zwickauer Polizeidirektion. So wuchs sie auf. Allerdings entschied sie sich zunächst für den Beruf der Bürokauffrau. "Doch das war schrecklich langweilig." Und später machte sie ihre Arbeit als Erzieherin im Hort gleichfalls nicht viel glücklicher. "Das konnte mich auch nicht ausfüllen."

Also bewarb sie sich bei der Polizei. "Das ist ein Beruf, der abwechslungsreich und herausfordernd ist", sagt die Mutter eines elfjährigen Sohnes. Ihre Familie habe sie in ihrer Entscheidung bestärkt: "Sie haben sich riesig mit mir gefreut, als es geklappt hat."

Doch bis sie das erste Mal auf Streife darf, heißt es noch viel lernen. Ob bei Verkehrskontrollen auf dem Schulgelände oder in speziell eingerichteten Zimmern. "In den Handlungsräumen werden realistische Situationen nachgespielt. Dabei beweisen manche Schüler, die Täter oder Opfer mimen, ein großes schauspielerisches Talent." Bei der Auswertung sehen die Teilnehmer genau, welche Fehler sie gemacht haben. "Alles wird mit Kameras aufgenommen, da gibt es keine Ausreden", erklärt die junge Frau. Schließlich sei es besser, hier Fehler zu machen als draußen. "Ein guter Polizist muss umsichtig, empathisch, selbstsicher und natürlich teamfähig sein", sagt Anett Böhme.

Aber wie wird das dann draußen aussehen? "Die Schüler sammeln nach dem ersten Ausbildungsjahr erste Erfahrungen im Streifendienst", erläutert der Leiter der Polizeifachschule. Das sei für alle eine wesentliche Erfahrung. "Die Schüler lernen den anstrengenden Alltag der Polizisten kennen. Sie sehen, wie schwer der Beruf wirklich ist und wie stark er jeden fordert."

Wolfhard Hack weiß auch, wie seine Schüler diese Belastung meistern können. Ohne Teamfähigkeit gehe gar nichts. "Wir machen in Schneeberg sogar extra Übungen, die keiner allein bewältigen kann", erklärt Hack. Daher bedauert er auch, dass es auf dem Gelände der Polizeischule keine Übernachtungsmöglichkeiten gibt. "Einfach mal abends zusammen den Tag ausklingen lassen, das geht bei uns leider nicht." Doch es gibt durchaus noch andere Möglichkeiten der Teambildung, wie zum Beispiel die Hochlandspiele, bei denen die Schüler wie wilde Schotten ihre Kräfte bei ungewöhnlichen Wettbewerben messen.

Eine Sache muss jedoch jeder Schüler für sich selbst lernen. "Je mehr ein Polizist Erfahrungen sammelt, desto besser wird er", sagt Wolfhard Hack. Wenn Polizisten in brenzligen Situationen richtig reagiert hätten, höre er häufig den Satz: "Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl." Um von den Erfahrungen der älteren Kollegen zu profitieren, bilden die Polizeischüler während und nach der Ausbildung mit ihnen ein Team. "Ich möchte in den Streifendienst gehen", schaut Anett Böhme voraus. Später kann sie sich vorstellen, als Polizeitrainerin zu arbeiten. Bis dahin wird sie aber noch viele Stunden schwitzen müssen, denn auch der Sport ist ein wichtiger Bestandteil. Doch dabei kann sie auch mal wieder ihren Ausbilder auf die Matte schicken.

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